Eine lange Nacht mit lauter Quickies

Kolumnen

Eine lange Nacht mit lauter Quickies

Es gibt die Lange Nacht der Museen. Es gibt die Lange Nacht der Kirchen und die der Friedhöfe. Es gibt die Lange Nacht der Wissenschaften, die der Industrie und sowieso die Skaternacht. Nur die Lange Nacht der Langen Nächte gibt es noch nicht. Die wäre ein Dresdner Original. Alle anderen sind abgekupfert von außerdresdnerischen Ideen.

Nun also, nachdem neulich eine Walzernacht gegeben und eben erst die Lange Nacht der Ticketzentrale ausgerufen wurde, die Lange Nacht der Theater. Ab Samstag 18 Uhr können sich Inhaber bunter Bändchen damit herumtreiben und bis Mitternacht Kostproben diverser Bühnen erleben. Sechs Stunden für mehr als dreißig Spielstätten – eine wirklich lange Lange Nacht sieht anders aus. Oder?

Na gut, hier geht es um Häppchenkost und um Quickies. Wer dabei auf den Geschmack gekommen ist, soll schließlich wiederkommen und aus dem Appetitanreger ein ganzes Abendmahl werden lassen. Das Nachspiel zum Vorspiel richtet ab 23 Uhr eine „große Party“ im Schauspielhaus. Abtanzen bis in den Morgen!

Alternativen …

Schon heute und dann noch einmal am Sonntag gibt es – bevor vom 15. Mai bis zum 3. Juni die Dresdner Musikfestspiele das „Herz Europas“ ausgerechnet im Elbtal anrühren wollen – einen musikalischen Ausflug gen Wien. Solange die Dresdner Philharmonie noch im Kulturpalast musiziert, der bald und auf wohl unabsehbare Zeit zur Großbaustelle mutiert, hält sie dort hörenswertes Repertoire bereit. Im 7. Zyklus-Konzert am 11. und 13. Mai musiziert der Klangkörper wieder einmal mit Lothar Zagrosek am Pult. Der Maestro ist ja ein bestens prädestinierter Förderer der Moderne und wird sich diesmal verschiedenen Wiener Schulen widmen. Das spannungsreich zusammengestellte Programm umfasst neben dem Vorspiel zur Oper „Die Gezeichneten“ von Franz Schreker die Idylle für großes Orchester „Im Sommerwind“ von Anton Webern und „Das Lied der Waldtaube“ aus Arnold Schönbergs „Gurreliedern“ sowie Wolfgang Amadeus Mozarts G-Dur-Sinfonie KV 199. Den Solopart der „Waldtaube“ singt die schwedische Mezzosopranistin Katarina Karnéus.

Alternativen …

Schon jetzt sei darauf hingewiesen, dass im 8. Zyklus-Konzert am letzten Mai-Wochenende Markus Poschner ein weiteres Beethoven-Programm – nach dessen 8. und 9. Sinfonie jüngst als Einspringer für Ehrendirigent Kurt Masur nun die Coriolan-Ouvertüre und die Sinfonie Nr. 7 – ausrichten wird. In dessen künstlerischem Zentrum steht das 2. Violinkonzert von Sergej Prokofjew, das Dresden ein Wiederhören mit dem Geiger Vadim Repin bescheren wird.

und Arschgeigen!

Gute Gründe also, mal wieder die Ticketzentrale im Kulturpalast aufzusuchen! Denn auch die macht bald dicht, sollte aber – für Ersatz war schon gesorgt, so viel Weitblick muss sein – an die Weiße Gasse, Ecke Wilsdruffer umziehen. Doch Dresden wäre nicht Dresden, wenn das so einfach funktionieren würde. Statt Anfang Juli 2012 öffnet die Interimskasse nun wohl frühestens im März 2013. Der Grund? Nun, in der verschlafenen Stadtverwaltung habe man es schlicht verabsäumt, einen Bauantrag für die notwendigen Umbauten in der Kneipengasse zu stellen. Kann ja mal vorkommen in einer Stadt, in der sich die einzelnen Geschäftsbereiche immer wieder gern gegenseitig auflaufen lassen. Wer da freilich wen vorführt, zumal auf Kosten von Steuerzahlern und städtischen Kulturinstitutionen wie Philharmonie, Musikfestspielen oder auch der Stiftung Frauenkirche, das sollte durchaus noch zu klären sein.

Eine Nacht der Langen Messer gibt es bislang nicht in dieser sogenannten Landeshauptstadt des sogenannten Freistaats. Doch was nicht ist, kann ja noch werden. Bis dahin sollten die einzelnen Bürgermeister der Stadt bitteschön für die Dauer eines Quickies über ihre Brillenränder schauen. So viel Theater muss sein. Dazu ist nicht einmal Eigeninitiative nötig, das kann man sich durchaus von anderen Kommunen abschauen.

Auch wenn sich bis dahin nichts tut: Bis nächsten Freitag –
Michael Ernst

11.05.2012Kolumnen