Zwischenruf – Ein Plakat und die Folgen

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Zwischenruf – Ein Plakat und die Folgen

Der Besuch kultureller Veranstaltungen mag für Kulturjournalisten Routine sein, das Schreiben darüber ebenfalls. Manchmal aber entwickeln die Ereignisse eine Eigendynamik, die zu unverhofften Ergebnissen führt. So stand ich neulich etwas erstaunt vor einer Litfasssäule und betrachtete ein Plakat, auf welchem ein Mann eine Frau verprügelte. Den Tatbestand der sexistischen Bilddarstellung erfüllt das Plakat meiner Ansicht nach, trotz sichtbar vergnügtem Gesichtsausdruck der Protagonisten ist die Absicht, genau diesen Ausschnitt zur Bewerbung eines Musicals zu verwenden, nicht unbedingt ehrenrührig. Frau gehört übers Knie gelegt, Mann erfreut sich daran. Soweit die Bestätigung uralten Rollendenkens. Mit der Veröffentlichung dieser Gedanken auf meinem Blog trat ich eine kleine Lawine los. Dass misslungene Werbung in Dresden auch eine gewisse Tradition hat (ich freue mich schon aufs nächste Stadtfest…), ist bekannt. Die Variante mit Dekolleté und Popohaue ist jüngeren Datums und wurde ebenfalls schon gewürdigt. Die Diskussion über das aktuelle Plakat der Staatsoperette, die mit der Prügelszene für das Musical "Kiss me, Kate" wirbt, wurde auch von Kathrin Muysers in ihrem Journal aufgenommen, die sogar Plakate fand, die einen Aufkleber mit dem Text "Sexistische Kackscheisze" trugen (und damit willkommen, liebe Google-Suchmaschinenbesucher). Das wiederum stellte sich als Brachial-Marketing der Emanzipatorischen Tage heraus.

Die Diskussion selbst hatte mehrere Verzweigungen, zum einen ging es um die Abgrenzung und Definition von Sexismus, dann natürlich auch um die Wirkung und den Erfolg von Werbung, aber vor allem durch die interessanten Beiträge von "KMK" um das Musical selbst. Leider ist ein schlichtes Werbeplakat nicht dazu geeignet, die Intertextualität samt der daraus entspringenden Wirkung der Szene im Kontext von Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" innerhalb der Theateraufführung in Cole Porters Musical zu erklären – auch die Ohrfeigen, die Fred Graham Sekunden vor seinem Gewaltakt einsteckt, bleiben eben auf dem Plakat verborgen. Insofern bleibt es eine Momentaufnahme fieser Popohaue.

Doch nun war das Interesse geweckt und da sich auch schon Dramaturg und Hornist der Staatsoperette in die Diskussion eingeschaltet hatten, wurde mir langsam klar, dass nur ein Besuch der Aufführung zu weiteren Erkenntnissen führen würde. KMK entpuppte sich als eine absolute Kiss-Me-Kate-Kennerin aus Wien, und so vereinbarten wir die gemeinsame Enterung der Aufführung am 9. Mai, nebst Versprechen, die Geschichte hier bei Musik in Dresden angemessen zu würdigen. Diesem Wunsch des Chefredakteurs von Musik in Dresden komme ich gerne nach, obwohl er sich vermutlich einen anderen Ausgang vorgestellt hat, wohl wissend, dass der Besuch des Verfassers dieser Zeilen eines Cole-Porter-Musicals einer Kurzusage für einen Pinguin nach Mallorca gleichkommt. Der Vergleich hinkt nicht, wurden wir doch schon vor Beginn der Aufführung vor den Temperaturen im Zuschauerraum gewarnt. Ab dem Beginn der Vorstellung blieben die Gender-Fähnchen in der Tasche, und wenn wir ehrlich sind, müßten wir zwei Drittel der Opernliteratur mit diesem Sackgassen-Denken als "Kackscheisze" aussortieren und auch der arme Shakespeare selbst bliebe nicht verschont. Schwieriger und komplexer erscheint da der Umgang mit dem Genre, mit dem Stück selbst, das bis heute ja eine einzigartige Erfolgsgeschichte aufweist. Um es kurz zu machen: es war ein reines Vergnügen und eine gute Show. Läßt man sich einmal in die geniale Musik fallen (die ja selbst an einigen Stellen Operette parodiert!) und folgt der klugen Dramaturgie und den theaterfreudigen Protagonisten, so gelingt beste Unterhaltung.

Hier und da stellt man sich die Szenen sicher noch geschliffener vor, das Bühnenbild kommt funktional mit Drehbühne und einem etwas kellerartigen Sperrholztheaterbau aus, das Orchester spielt der Materie kundig recht munter auf. Modernes Regietheater bleibt ebenso außen vor wie der Hochglanzperfektionismus oder der Ernst eines sakrosankten Werkes. Und letztlich ist der Pinguin in Leuben dankbar, dass der erste Musical-Besuch, sieht man von einer "Candide" in Wuppertal ab, von der aber Bernstein schon selbst seine "salonfähige" Opernfassung herstellte, ausgerechnet diesem Wunderwerk von Porter galt, das in der Staatsoperette sowohl in der ursprünglichen Orchesterfassung von Robert Russell Bennett als auch in der guten deutschen Übertragung von Günter Neumann gegeben wird. Damit bleibt die Aufführung nahe an der Urfassung und kommt auch mit wenig Spirenzchen aus – hier und da hätte es ein bißchen weniger Ballett sein dürfen, der alternde Herr Howell sinkt eine gefühlte halbe Stunde auf seiner Couch hernieder und der Kostümfundus wird reichlich geplündert. Hingegen sind die Charaktere von der Regie schön ausgearbeitet worden, neben den trockenhumorigen Ganoven überzeugen vor allem die Hauptdarsteller. Nicht immer gelingt auch die Verschränkung und Auflösung der Ebenen zwischen Shakespeare und Porter, das Ende kommt plötzlich, aber natürlich um so theatralischer: Finale, alle auf die Bühne! Zum Abschluss ein augenzwinkernder Gruss nach Wien. Wir sehen uns beim nächsten Plakat, an der Litfasssäule Bischofsplatz.

Nota bene: dass nach der Vorstellung die erste Straßenbahn von Altleuben aus unverhofft etwa 100 Besucher Richtung Betriebshof Reick beförderte, hatte eine kleine Völkerwanderung und eine Ausdauer erfordernde Rückfahrt in die Stadt zur Folge. Es wird Zeit für das Kulturkraftwerk.

10.05.2012Features