Verliebt, berauscht, verheiratet

Kolumnen

Verliebt, berauscht, verheiratet

Regisseur Michael Schulz sollte neugierig machen. Er wird es sein, der zu den Salzburger Osterfestspielen 2013 Richard Wagners „Parsifal“ inszenieren wird. Den Einstand von Christian Thielemann und der Sächsischen Staatskapelle an der Salzach. Jetzt nahm sich der einstige Operndirektor von Weimar und jetzige Generalintendant von Gelsenkirchen Gaetano Donizettis „L'elisier d'amore“ vor, rührte diesen „Liebestrank“ in der Dresdner Semperoper an und ließ ihn mit dem italienischen Gastdirigenten Riccardo Frizza verkosten.

Ein spritziges Elixier, in der Tat. Berauschend schon wegen der flirrigen Bilder, die nicht nur bunt sind, sondern auch sinnvoll, inspirierend zudem wegen einer zielstrebig vorangetriebenen Aktion der dramatischen Handlung. Parsifal wird zwar nicht angesprochen, aber der tumbe Tor beherrscht eine ganze Weile das Augen- und Ohrenmerk. Hier freilich heißt er Nemorino und ist in Adina verliebt. Die ist nicht nur wesentlich schöner, sondern auch klüger, weiß sogar um den Liebestrank von Isolde. Wer möchte da nicht Tristan sein!

Ihr König Marke ist der Sergante Belcore. Ein eitler, selbstverliebter Mann in Uniform. So blöd, wie nur Militärs blöd sein können. Witzig inszeniert ist die Horde seiner Untergebenen, die choreografisch „gleichgeschaltet“ sind und das Abbild stupiden Soldatentums personalisieren.

Das menschliche Gegenbild dazu sind liebesblind Parsifal-Nemorino und künstlerisch eitel der Schausteller Dulcamara, der erfolgreich simplen Rotwein als Liebestrank an den Mann bringt. Letztlich geht die Rechnung für alle auf. Keine Tristan-Tragik, da darf Nemorino in seiner Naivität nur beneidet werden. Denn seine Adina ist jeden Tropfen des vermeintlichen Liebestranks mehr als wert. Nadja Mchantaf verkörpert hinreißend den Spagat zwischen spröde, belesen, verliebt und beleidigt. Immer ausgeprägter wird ihr stimmliches Gestaltungsvermögen, das Wärme und Schmelz bietet, aber auch in schrillen Momenten von Sicherheit getragen bleibt.

Ebenbürtig ihr von Giorgio Berrugi verkörperter Held. Liebenswürdig nett fällt er auf alles herein, woran er gern glauben mag – so wie alle gläubigen Dummköpfe sich so gern für klug halten. Die fein zeichnende Stimme des Italieners weist ihn als perfekte Besetzung für diesen Part aus. Sein Widerpart Belcore wird von Christopher Magiera gegeben. Schneidig und straff zwar, doch halt ein Verlierertyp. Den Quacksalber Dulcamara stellt Marco Vinco ganz als Verführer dar, unanfechtbar in Schlingensief-Manier, ganz und gar Sieger, auch wenn er betrügt. Letztendlich sich selbst.
Chor und Kapelle? Fulminant. Bühnenbild? Metaphorisch reichlich ruinös und verrätselt. Schon vor der Pause stürzt der große Kronleuchter herab – der auf der Bühne, nicht der im Zuschauerraum. Kostüme? Bestens geeignet für Verwandlungen, für Hingucker-Momente, ästhetisch ansprechend und zumeist gut auf den jeweiligen Typ bezogen. Dirk Becker und Renée Listerdal haben da ganze Arbeit geleistet.

Rundum also eine Empfehlung. Leichte Kost, die rundum mundet, ohne Geschmacksgrenzen zu unterwandern. Im Gegenteil: Musikalischer und ästhetischer Anspruch wird da durchaus erfüllt. Gelegenheit, Donizettis „Liebestrank“ nachzukosten, gibt es heute Abend sowie am 11., 13., 21., 23., 25. Mai und am 9. Juni. Wohl bekomm's!

Michael Ernst

04.05.2012Kolumnen