Was für ein Aufstieg – und was für ein Fall!

Rezensionen

Was für ein Aufstieg – und was für ein Fall!

Fotos: A. Birkigt

Dass Bertolt Brechts Vorname mal wieder mit einem „d“ geschrieben wird (im Pressematerial), ist zwar ein klassischer, aber beileibe nicht der einzige Fehler der jüngsten Opernproduktion in Leipzig. Ob auch die Verabschiedung des ursprünglich vorgesehenen Regieteams um Tobias Kratzer falsch gewesen ist, wird man nicht erfahren. Fatal war in jedem Fall das Festhalten am Premierentermin 28. April. Die kurzfristig für „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ eingesprungene Regisseurin Kerstin Polenske hat sich damit ganz offensichtlich keinen Gefallen getan. Sie zeichnet laut Programmheft neben Regie auch für Choreografie verantwortlich – zusammenfassend ließe sich die Inszenierung als Arrangement umschreiben. Drei Wochen Probenarbeit reichen für ein solches Stück Musiktheater nun mal nicht aus.

„Denn wie man sich bettet …“

Die Vorfreude war groß, als an Leipzigs Oper eine Neuinszenierung des 1930 dort uraufgeführten Dreiakters „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill angekündigt worden ist. Nach dem Premierenskandal, den damals die Nazis entfachten und der von bravem Bürgertum nicht ausgetreten wurde, wäre es für eine Wiedergutmachung mehr als an der Zeit gewesen. Zumal das aufklärerisch moralhaltige Stück inzwischen nichts an Aktualitätswert eingebüßt haben dürfte. Wie mögen nun Katzer und sein Bühnenbildner Jo Schramm ans Werk gegangen sein? Offenbar so heimlich, dass die Hausleitung erst Anfang April unüberbrückbare künstlerische Differenzen bemerkt haben will und nicht nur eine neue Regie, sondern auch ein neues Bühnenbild bestellte.

Letzteres wurde vom Technischen Direktor Steffen Böttcher in Zusammenarbeit mit Regisseurin Kerstin Polenske entwickelt. Respekt für die rasch gezauberte Lösung, aber heftiges Stirnrunzeln ob der Ressourcenverschwendung an einem öffentlich bezuschussten Haus. Die Bühne ist schwarz und karg, eingeblendete Film- ud Fotosequenzen wirken billig und wenig bedarft. Für die dramatischsten Szenen, als auf das paradiesisch gedachte Mahagonny-Gomorrha ein gewaltiger Hurrikan zurast, der wie eine apokalyptische Allegorie alles Laster auszumerzen droht, wurde die wohl umwerfendste Lösung gefunden: Ein Nachrichtensprecher mit nicht einmal merkelhaftem Aufmerksamkeitsfaktor verkündet das Herannahen ebenso lethargisch wie den zufällig glückhaften Ausgang. Daraufhin scheint alles möglich in Leipzig-Mahagonny – man glaubt an Rettung und Aufstieg, geht aber baden und fällt.

„Und wird wer getreten …“

Figurativ als Ensembles werden Solisten, Chor und Komparsen über die dunkle Bühne geschoben, stehen mal frontal zum Publikum, mal mit dem Rücken, dürfen und müssen zu dramaturgischen Höhepunkten gar ein Gestell erklimmen, von wo die Aussicht gewiss eine bessere ist. Einsichten werden da schon längst nicht mehr erwartet.

Kontraste setzen jedoch die von Ingo Krügler entworfenen Kostüme. Die Protagonisten müssen so ziemlich alles (er-)tragen, was ehrlicherweise gar nicht geht. Dieser bonbonbunte Stilmix greift Augen und guten Geschmack giftig an. Im Trio der Stadtgründer von Mahagonny sticht Martin Petzold als skurriler „Prokurist“ Fatty heraus. Eine durchgängig als gebeugter Charakter gezeichnete Figur. Vital und spielfreudig auch die Jenny von Soula Parassidis, bei der zudem das Gestaltungsvermögen hoher Stimmkraft gefiel. Recht blutleer hingegen Jim Mahoney, von Stefan Vinke aber sehr achtbar gesungen. Komplimente auch für den von Stefan Bilz gut präparierten Chor sowie für das energetisch ausgewogen musizierende Gewandhausorchester. Die musikalische Leitung der Premiere hat Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer sehr überzeugend bestritten. Doch schon für die nächsten beiden Vorstellungen ist ein Gastdirigent verpflichtet worden. Wenig Aufstieg in Leipzig. Aber viel Fall.

Termine: 3., 6., 12., 19. Mai 2012

30.04.2012Rezensionen