Jeder Tag ist ein Jazztag

Kolumnen

Jeder Tag ist ein Jazztag

Ganz recht: Jeder Tag ist ein Jazztag. Aber heute ist der Welttag des Jazz. Die UN-Kulturorganisation hat es so beschlossen. Das macht sie immer mit immateriellen Kulturwerten, die es entweder zu einiger Besonderheit gebracht und / oder öffentlich wirksamen Bestandsschutz nötig haben. In Paris, New Orleans und in New York gibt es Sonderkonzerte aus diesem Anlass. Vorab hat Saxofonist Klaus Doldinger einer Nachrichtenagentur gegenüber davon gesprochen, dass sich niemand um den Jazz sorgen müsse, denn dies sei „eine lebendige Musik“. Allerdings äußerte er durchaus Bedenken, was das „wirtschaftliche Wohlergehen“ betreffe. Insbesondere die Gefährdungen durch das Internet sprach Doldinger an.
Sein Kollege Herbie Hancock attackierte mit deutlicheren Worten und dies nicht zum ersten Mal die US-Regierung, die seit der beschlossenen Anerkennung des palästinensischen Staates durch die Unesco ihre Mitgliedsbeiträge bei der Kulturorganisation blockiert. Ausgerechnet das Geburtsland dieser freiheitsorientierten Musik macht sich so wiedermal absichtsvoll nicht nur schuldig, sondern zum Schuldner.

World Jazz Day

Im architektonisch schwungvollen Pariser Hauptquartier der Unesco – und nicht allein dort – dreht sich am 30. April mehr als den halben Tag lang alles um den Jazz. Beim ersten Welt-Jazz-Tag spielen Künstler wie Dee Dee Bridgewater, Klaus Doldinger, Herbie Hancock, Manu Katché und Wynton Marsalis auf, um dieser universellen Musik quasi als Sprachrohr für Freiheit, Improvisationsvermögen, Individualität und Spontanität eine Stimme zu geben.

Die Unesco betonte vorab sowohl die afroamerikanischen Wurzeln des Jazz als auch dessen Widerständigkeit gegenüber Regierungen und anderen Instanzen, die mit Macht die menschliche Gesellschaft lenken und kontrollieren wollten. Derartige Werte müssten immer wieder aufs Neue verteidigt werden. Wer den Jazz ein wenig verstanden hat, weiß, dass er Grenzen zu überschreiten und Lebenskraft zu schenken vermag.

Alles neu macht der Mai

Heute tanzen die Hexen. Es brennen die Feuer und glühen die Noten. Der Welttag des Jazz hat selbstverständlich nichts mit all dem Aberglauben um die Walpurgisnacht zu tun. Aber er ruft ganz offiziell und global eine seelenvolle Musik ins Gedächtnis. Das ist kein Anfang. Denn dieses Genre ist seit gut einhundert Jahren ungebrochen vital. Aber ein Fortschritt.

Ganz gewiss wird der nächste Welttag des Jazz auch in Deutschland, womöglich sogar schon in Dresden mit mehr Aufmerksamkeit wahrgenommen werden. Es wäre zu wünschen, dass dann nicht nur weltbekannte Stars, sondern auch die noch unentdeckten Erneuerer des Jazz zu Gehör kommen.

Glücklicherweise müssen Freunde dieser lebhaften Musikgattung aber ohnehin nicht so lang warten, denn schon der Mai hält wieder eine Reihe hörenswerter Konzerte bereit. Schließlich ist jeder Tag Jazztag.

In diesem Sinne: Kommen Sie gut in den Mai!

30.04.2012Kolumnen