Husarenritte im Kulturraumland

Rezensionen

Husarenritte im Kulturraumland

Warum nicht einmal als Dresdner ins Freiberger Theater gehen? Einen ganz neuen »Zigeunerbaron« sehen; zumal es in Dresden 2010 auch einen Neuen gab, dessen Inszenierung – Leuben mag es nachsehen – in der Kritikergunst floppte, dennoch im Publikumszuspruch sich wacker hält.< /p>

Fotos: Detlev Müller

Um es vorweg zu sagen: der „Neue“ in der Silberstadt bescherte am Premierenabend dem Mittelsächsischen Theater Freiberg-Döbeln einen respektablem Erfolg. Das begeisterte Publikum auf den 279 Plätzen des ausverkauften Hauses am Freiberger Buttermarkt ließ seinen Applaus schon in den Schlusstakt rauschen. Zur Ouvertüre hebt sich der schwere, rote Vorhang, um mit Schriftprojektion auf dunklem Schleier die geschichtliche Einordnung des Bühnengeschehens zum Lesen zu geben. Das schon mal ist publikumsfreundlich, denn wer schon liest sich vorher ein – für die Besprechung hier sei die Kenntnis des Zigeunerbarons vorausgesetzt.

Was folgt, nachdem der Schleier sich gehoben hat, beweist, dass diese ureigentliche Volksoper mit Betonung ‚Volk‘, nicht nur Kraft ihrer zeitlos hinreißender Musik, der Perlenkette an ‚Gassenhauern‘, sondern auch mit ihrer der Geschichte zwischen Zigeunern und ‚Baronen‘ im Ethnisch/Sozialen aktuell sein und fesseln kann. Manfred Straubes Lesart des Librettos und der Komposition braucht dazu keine aufgesetzte Modernismen, Symbolisierung, transformierte Kostümierung ins Jetzt. Dem Publikum wohltuend, inszeniert er den neuen Freiberger Zigeunerbaron im Gewand der Zeit, für die das Werk geschrieben worden war. Panne oder Sparmaßnahmen geschuldet mag sein, dass in den Chorreihen Metzgermädels in Dederon-Minikittelschürzen hüpfen. Die Anspielung auf „Ehrensold“ für den blasiert-blamierten Sittenkommissär ist einziger zeitaktueller Gag, ohne solchen in diesem Genre wohl nicht auszukommen ist.

Tragend sind die großen Volksszenen mit bestens einstudiertem und stimmig choreografiertem 16-köpfigen Opernchor, den Mitglieder des freien Opernchors „Coruso“ aus Berlin noch verstärken. Auch wenn es mit voller Besetzung Hin und Her wogt in der Konfrontation zwischen den Zigeunern und den Fleischertrupps des Schweinefürst und im 3. Akt die Husaren einreiten, ist die Personenführung tadellos straff, dass nirgendwo Fehlpositionen und Übervolle erscheinen. Mit den Protagonisten bewegen sich über 30 Personen auf der kleinen Bühne, die bloß zehn Meter Breite misst. Der Ausstatter Peter Sommerer hat geschickt eine schräge Schiefe-Ebene ins Bild gebaut mit einem großen Rahmen herum und einem Schweinskrönchen darauf, die das Spielgeschehen in die Mitte konzentriert. Den 3. Akt begrenzt ein glänzend-habsburgischer K & K-Adler.

Aus der Ensembleleistung ragen die in Stimme, Spielvermögen, Aussehen durchweg bestens besetzten Paraderollen. Buchstäblich treten sie auch hervor für Soloparts oder im Duett auf eine Spielplatte, die vor den Orchestergraben gebaut ist. Gast, der sonst aus dem festen Ensemble besetzten Aufführung – 11 Solisten führt der Theaterprospekt – ist Christoph Schröter. Mit jugendlich samtenen Tenor und blendendem Spiel brilliert er in der Rolle des Baron Sandor Barinkay. Sich mit ihm bald zu einem Paar findend, ist das Zigeunermädchen Saffi, mit der in Freiberg beliebten Lilian Milek, in Stimme und Allem der Rolle adäquat besetzt. Die Stammesälteste der Zigeuner und Behüterin von Saffi, Czipra, wird von Zsuzsanna Kakuk dargestellt, die in oberster Tonlage am Premierenabend etwas Prägnanz vermissen ließ. Den Schweinefürsten Kálmán Zsupán sang und spielte Sergio Raonik Lukovic, dessen klarer Bass und auch Sprechton das Theater herrlich füllte. Ganz obenan ist Jan Michael Horstmann zu stellen, der mit der Mittelsächsischen Philharmonie ins Volle ging, dabei mit klarem Klang und straffer Metrik jedes Driften in synkopischen Operettenschmelz vermied.

Das Publikum dankte mit mehr als fünf Vorhängen Beifall, der zu den Darstellern und Musikern auch das Regieteam auf die Bühne holte. Ein Erfolg auch für Ralf-Peter Schulze, der als designierter Intendant und im Amt seit 1. Januar 2012 die insgesamt 6 Premieren in Spielzeit 2011/12 der Musiktheatersparte des Mittelsächsischen Theaters vorbereitet und zu verantworten hat. Schulze folgte Manuel Schöbel, der nach vielen Jahren der künstlerischen Theaterleitung Freiberg ab 30.9.2011 verließ um eine solche Aufgabe an den Landesbühnen Sachsen zu übernehmen.

Weitere Aufführungen des ‚Zigeunerbaron‘ in Freiberg folgen am 27. April und 29. April, am 6., 9., 11. und 17. Mai. Am Theater in Döbeln, der zweiten Hauptspielstätte des Mittelsächsischen Theaters Freiberg-Döbeln, wird der “Zigeunerbaron” erst in der nächsten Saison gegeben.

279 begeisterte Zuschauer…

Die ‚Mittelsächsischen Theater und Philharmonie GmbH Döbeln-Freiberg‘ ist eine der beiden Theatereinrichtungen im Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen neben ‚Erzgebirgische Theater- und Orchestergesellschaft Annaberg-Buchholz/Aue‘. Das Mittelsächsische Theaters betreibt als Hauptspielstätte das Theater am Freiberger Buttermarkt und das das Stadttheater Döbeln, zur Sommerzeit die Seebühne am Kriebstein-Stausee. Der Jahresetat des drei-Spartentheaters ist derzeit 10 Millionen Euro hoch. Der Zuschuss aus Mitteln des Kulturraum-Etat konnte, nachdem seit 2010 Kürzung drohte, dann doch auf bisherige Höhe verhandelt und mit leichter Steigerung für drei Jahre fest gesichert werden: 5,52, 5,60, 5,62 Millionen Euro zahlt der Freistaat zu. Die Gesellschafter der GmbH – die beiden Theatersitz-Städte und der Landkreis – finanzieren komplementär, was bis zu Höhe der Gesamtkosten fehlt.

Für weitere Sicht mit prognostiziertem Bevölkerungs- und folgend Besucherschwund, Staatsmittelkürzung und Mehrausgaben zumindest für Personal, gibt ein Theatergutachten des Kultursenats Sachsen ein Anpassungsszenario vor. „Dem Kulturraum wird die strukturelle Umgestaltung seines Theater- und Orchesterangebotes durch Zusammenführung der Erzgebirgischen Theater- und Orchestergesellschaft mit der Mittelsächsischen Theater und Philharmonie GmbH durch feste Kooperation oder Fusion unter Beibehaltung der Produktionsstandorte Annaberg und Freiberg empfohlen.“ * Ob dann noch ein „Husarenritt“ gegen Dresden hilft? 

*aus: Gutachten Theater und Orchester im Freistaat Sachsen, Kulturstiftung 2007

27.04.2012Rezensionen