Regen in Regensburg

Kolumnen

Regen in Regensburg

Am Donnerstag vor Ostern war ich in Regensburg. Es hat geregnet. Aber ich wollte ja nicht die Stadt sehen sondern sehen und hören, was da ein junger Dirigent macht, der in Dresden studiert hat, für einige interessante Aufführungen der Sächsischen Staatsoper in der kleinen Szene sorgte und besonders dem neuen Musiktheater gegenüber sehr aufgeschlossen war. 

Fürs Neue auf der Opernbühne setzt sich Gelsomino Rocco auch in Regensburg ein. Ich erlebte die Premiere der Kammeroper „Der letzte Virtuose“ des dänischen Komponisten Lars Kilt unter Roccos engagierter Leitung. Kilts einstündiges Werk mit dem Text von Sanne Bjerg spielt in einem zeitlosen Irgendwo, in dem ein ganz und gar nicht zeitloser Krieg tobt. Das hält einen Virtuosen der Violine nicht davon ab, nur daran zu denken, wie er zu einem neuen Instrument kommen kann. In einem Bunker, von dessen Decke es bedenklich rieselt, wenn darüber Bomben einschlagen, haust ein besessener Geigenbaumeister mit seiner Buchhalterin und seinem zurückgebliebenen, naiven Sohn. Der Meister verachtet den Sohn und arbeitet sich die Hände blutig, aber das Instrument mit dem idealen Ton lässt sich nur schaffen, wenn das Blut eines anderen Menschen, eines jungen Mädchens, fließt und dessen Seele künftig im Instrument wohnen wird…

Eine Geschichte vom Wahn, wie geschaffen für die Musikalisierung. Kammermusikalisch, für sieben Instrumente, hat Lars Kilt dem Wahnsinn Klang gegeben. Jazz und Blues, Elektrorock, aber auch die Kantilene der Violine im Konzert von Alban Berg, „Dem Andenken eines Engels gewidmet“, meint man zu vernehmen. Vieles kommt zusammen, der Eindruck von willkürlichem Eklektizismus kommt nicht auf. Regensburg im Regen – vielleicht mache ich mich ja noch mal auf den Weg. Demnächst nämlich tritt da ein neuer Intendant sein Amt an. Jens Neuendorf von Enzberg ist das und er hat ja auch Spuren in Dresden hinterlassen. Der junge Dramaturg kam hierher vom Meininger Theater und übernahm die Leitung der kleinen szene. Ich habe damals für eine Dresdner Tageszeitung ein Gespräch mit ihm geführt. Am Ende des Gespräches sagte mir Jens Neuendorf, er wolle Frische ins Programm und in den Stil der kleinen szene bringen. Dann greift er nach einem Apfel, beißt hinein, es knackt und der Saft spritzt. Das, so dachte ich, kann man doch gut als Bild an den Schluss des Textes setzen, zumal der Redakteur einen Text mit „Biss“ erbeten hatte. Was ich über den Biss in den Apfel berichtete, wurde gestrichen – und die Tageszeitung wollte auch keinen Text mehr von mir.

Zum Osterspaziergang lud das Feiertagswetter nicht ein. Aber zum Radiohören, ganz entspannt, mit allen Annehmlichkeiten, die man sich dabei gönnen kann. Beeindruckt hat mich im Deutschlandradio Kultur in der Reihe Interpretationen eine Sendung über verschiedene Aufnahmen des Requiems von Gabriel Fauré. Als Liebhaber der Frauenstimmen dachte ich immer meine Aufnahme mit Lucia Popp in der Sopranpartie sei die schönste. Ohne auf diese Einspielung verzichten zu wollen, die Interpretation der französischen Sopranistin Suzanne Danco hat mich mal wieder in die berühmte Gänsehautsituation gebracht. Leider ist die Aufnahme nicht mehr erhältlich. Immerhin konnte ich mir eine andere Einspielung mit der Danco kaufen, Benjamin Brittens „Les Illuminations“ mit dem Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Ernest Ansermet von 1953. Wieder Gänsehaut. Geht es Ihnen auch mitunter so, dass Sie beim Hören solcher Dokumente geneigt sind zu sagen, früher wurde schöner gesungen?

Ob früher schöner oder besser getanzt wurde, weiß ich nicht. Ich weiß nur: in den nächsten Tagen wird sich bei mir so gut wie alles um den Tanz drehen. Am Donnerstag wird in HELLERAU, dem Europäischen Zentrum der Künste in Dresden, die Tanzwoche eröffnet. Zur Eröffnung gibt es eine Gala mit fast 100 Mitwirkenden, die meisten kommen von den Ballett- und Tanzkompanien sächsischer Opernhäuser und Mehrspartentheater. Es gibt Zeitgenössisches und Neoklassisches, der ganz junge Nachwuchs stellt sich vor, junge Breakdancer vollführen ihre waghalsigen Künste und die freie Szene stellt sich mit experimentellen Beispielen vor. Das sage ich hier mal nicht so ganz uneigennützig, denn ich habe die Freude, diese Veranstaltung zu organisieren und die Ehre, sie zu präsentieren. Wer sehen möchte, wie und was in Sachsen so getanzt wird auf den Bühnen der Theater oder in der Off-Szene, hätte hier die beste Gelegenheit. Gäste sind auch dabei, aus Eisenach, aus Koblenz und aus Dortmund. Eine Überraschung gibt es auch; den Namen der Tänzerin, erste Solistin bei einer der renommiertesten deutschen Ballettkompanien, verrate ich nicht. Aber sie wird eine Kreation für sie von Marco Goecke tanzen. Der ist gerade 40 geworden und ein aufsteigender Stern am Tanzhimmel. Gewissermaßen ein Debüt für Dresden. Entstanden ist die Arbeit für eine Gala beim Ballet de Monte Carlo im Grimaldi Forum. Nun ja, wenn man Dresdner in Regensburg trifft, warum soll da die Welt nicht nach Dresden kommen?

Bis Donnerstag? Auf jeden Fall aber, herzlich, bis Montag,
Boris Gruhl

18.04.2012Kolumnen