Musik heilt alle Sünden

Kolumnen

Musik heilt alle Sünden

Ja, auch Friedrich Schiller ist Musik. Da hat der Mime Wolfgang Michalek, der heut Abend zur Premiere der „Räuber“ im Staatsschauspiel den Franz Moor geben wird, vollkommen recht in seinem DNN-Interview. Was Theater- und Opernregisseur Sebastian Baumgarten aus diesem aktuell gebliebenen Anarcho-Drama gemacht haben wird, haben Sie als Premierengast heute schon selbst mit angesehen? Entnehmen Sie am Montag den Rezensionen? Oder werden Sie sich erst noch selbst ein Bild machen?

Musikalische Bildsprache erleben könnte man auch im 9. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle, das von Sonntag bis Dienstag Sergej Rachmaninows Klavierkonzerte Nr. 3 und 4 neben Alexander Skrjabins Symphonie Nr. 3 c-Moll „Le Divine Poème“, dessen „La Poème de l'Extase“ sowie dem Klavierkonzert fis-Moll op. 20 stellen wird. Da lohnt sich wohl der wiederholte Besuch, um die gestalterische Kraft des visionären Synästhetikers ganz auszukosten. Mit Virtuosität sind die Rachmaninow-Konzerte ebenso unzutreffend charakterisiert wie Skrjabins Tonkunst mit dem Begriff Klangmalerei. Beide Russen waren übrigens zeitweise eng mit Dresden verbunden; eingeborene Musikfreunde könnten also durchaus einen Hauch lokaler Vergangenheit nachspüren, wenn sie die Semperoper zu dieser Serie – Stabführung Kirill Petrenko, der designierte GMD der Bayerischen Staatsoper München, Soloparts Boris Beresowski, der berauschende Weltbürger aus Moskau – besuchen.

Ortsbezug wird auch beim Motto „Dresdner Romantik“ deutlich, den sich das Orchester der Landesbühnen Sachsen auf die Fahnen zum 4. Sinfoniekonzert geschrieben hat. Mit E.T.A. Hoffmann und Richard Wagner, Carl Maria von Weber und Robert Schumann kann man nichts falsch machen, dürften sich die Programmgestalter gedacht haben – und wagten doch ein Konzert der Überraschungen. Denn Hoffmanns Ouvertüre zu „Undine“ dürfte einem breiteren Publikum ebensowenig vertraut sein wie Schumanns „Manfred“-Ouvertüre. Und erst recht Wagners einzige vollendete Sinfonie, die ebenfalls erklingen wird. Anders verhält es sich mit Webers 2. Klarinettenkonzert, dessen Solopart Roland Vetters interpretieren wird. Dieses Stück hat der seit 15 Jahren als Soloklarinettist bei den Landesbühnen agierende Musiker bereits zu seinem Diplomkonzert an der Dresdner Musikhochschule Carl Maria von Weber gespielt, diesen Samstag dirigiert mit Radebeuls GMD Michele Carulli ein ehemaliger Klarinettist, der dieses Werk selbstredend aus dem Effeff kennt. In einer Wiederholung desselben Programms werden – am 29. April im Konzertsaal der Hochschule – Dirigierstudenten die musikalische Leitung dieser Stücke übernehmen.

Und was macht die Dresdner Philharmonie? Hin- und hergerissen von den Entscheidungen des Stadtrats, was denn nun aus den längst vor ihrer Realisierung uralt gewordenen Umbauplänen des Kulturpalastes werden soll (die Frage nach dem Warum und dem Wie stellt schon kaum jemand mehr, dringlicher wird allmählich das Wann?!), widmet sich das Orchester den ureigensten Aufgaben. Im 6. Außerordentlichen Konzert führt es Samstag und Sonntag Werke von Claude Debussy, Thomas Larcher, Bohuslav Martinů und Wolfgang Amadeus Mozart auf. Dass der 1963 geborene Komponist Thomas Larcher sowohl mit seinem Orchesterstück „Red and Green“ als auch solistisch in Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 in Erscheinung treten wird, verdient gewiss besondere Aufmerksamkeit. Und dass es dabei schon wieder um musikalische Farbenpracht geht, ist vielleicht doch nicht nur Zufall?

Egal. Was diese unvollständige Auswahl an Konzertempfehlungen verbindet, sind nicht nur die klingenden Felder der stilvoll so schillernd wie colorierten Kompositionen, sondern vielmehr die diversen Bezüge des Tonmaterials und deren Schöpfer zum klingenden Ort. Was für ein passender Zufall, dass an diesem Freitag, dem 13., der sonst so kaum in Erscheinung tretenden Kulturbürgermeister Ralf Lunau auf Titelseiten präsent ist. Ein Stück Ziegenleder hat er zu zeigen, das per Zufall wiedergefunden wurde und auf dem ein früher Gottesknecht namens Bonifatius vor gut sechshundert Jahren einen „Ablass“ von vierzig Tagen jedem Menschen versprach, der sich musikalischen Andachten ausgesetzt hat.
Um wieviel leichter haben wir es doch heute. Wir dürfen auf päpstlichen Kokolores verzichten und trotzdem – nein: erst recht – die Musik in Hülle und Fülle genießen. In ihrer Vielgestaltigkeit also.

Das wünscht Ihnen allen, mit besten Grüßen bis zum nächsten Freitag –

Michael Ernst

14.04.2012Kolumnen