„Oh Gott! Welch ein Augenblick!“

Kolumnen

„Oh Gott! Welch ein Augenblick!“

10 Minuten waren es noch bis zum Beginn der Expertenanhörung vor den Ausschüssen der Stadt, da schickte die Philharmonie eine Pressemeldung ab. Ihr Titel: "Oh Gott! Welch ein Augenblick!" Wer librettofest ist, kennt auch die folgenden Zeilen aus "Fidelio": "Gerecht, O Gott, ist dein Gericht / Du prüfest, du verlässt uns nicht!"

Die Stadträte haben es heute gut mit der Philharmonie gemeint. Sie konnten nicht anders. Zu groß wäre der Gesichtsverlust gewesen, das Umbauprojekt, das nun bald zwanzig Jahre auf der Tagesordnung steht, wiederum und noch einmal einzustampfen oder ein weiteres Mal hinauszuzögern. Der Ruf des Kulturbürgermeisters, des Finanzbürgermeisters, der Oberbürgermeisterin standen auf dem Spiel. Der neue Chefdirigent Michael Sanderling hatte ja bereits indirekt gedroht, das Orchester wieder zu verlassen, sollte die Stadt das Umbauprojekt verschieben. Also nun: Umbau. Vorerst.

Denn die Kuh ist ja noch nicht vom Eis für die Philharmonie. Wohl ist dem Orchester damit wieder die "Perspektive eröffnet, (…) künftig in einem erstklassigen Saal spielen zu können", wie Intendant Anselm Rose frohlockt. Aber die Finanzierung ist unsicherer denn je. Für die weggefallenen, nein, die nie beantragten EU-Fördermittel von 35 Millionen Euro, will die Stadt nun unter anderem die Kreuzchorstiftung anzapfen – was rechtlich eigentlich gar nicht möglich ist, wie inzwischen bekannt wurde, und wogegen sich mindestens der Kreuzchor und seine beachtliche Lobby deswegen mit Händen und Füßen wehren werden. Schulden machen jedoch darf die Stadt für das Projekt nicht.

Erleichterung – ja, das kann man den Philharmonikern zugestehen. Aber Freude, Begeisterung? Darüber, dass nun ein Saal gebaut werden soll, der, wie sämtliche Experten in der Anhörung betonten, "keine Luxusvariante" ist? (Ergo: der akustisch nicht zu den allerhochwertigsten gehören wird!) Darüber, dass der Terminplan für den Umbau "äußerst kritisch" betrachtet werden muss, die Stadt durch einen Planungsstopp bereits mehrere Monate im Verzug ist, bevor überhaupt ein einziger Bagger seine Zähne in das marode Gebäude gegraben hat? Darüber, dass bestimmte Kosten für eine "nutzerspezifische Ausstattung des Saales" von immerhin 7,4 Mio. überhaupt noch nicht in der Rechnung enthalten sind?

Um den Stadträten den Umbau trotzdem so schmackhaft wie möglich zu machen, machte der von der CDU-Fraktion eingeladene Hochbauamtsleiter Roland Müssig am Dienstag im Kulturrathaus noch einmal im rasenden Schnelldurchlauf (ihm waren nur 10 Minuten Redezeit erteilt worden) eine Gegenrechnung auf: was würde alternativ eine denkmalgerechte Sanierung des Hauses und die akustische Ertüchtigung des vorhandenen Mehrzwecksaales in einen Konzertsaal für die Philharmonie denn kosten? Als Müssig zu seiner letzten Folie mit den nackten Zahlen kam, lachten manche im Publikum auf: gerade einmal eine halbe Million weniger sollte die Sanierung im Vergleich mit dem Neueinbau eines neuen Saales kosten. Das muss man nicht kommentieren.

Wer noch nicht einmal erleichtert sein wird über den heutigen Stadtratsbeschluss, das sind die Befürworter eines Konzerthauses in Dresden. Erst kürzlich hatte das Forum Tiberius internationale Experten zum Thema befragt – das Ergebnis war eindeutig gewesen. Und erst vorgestern – typisch Dresden, diese Last-Minute-Aktionen – hatte sich ein potenter Sponsor für ein Konzerthaus gemeldet: die Stadt müsse die Philharmonie nur für 20 Jahre in seinem Haus einmieten, dann würde er die Immobilie komplett vorschießen. Mit dem nun wiederum beschlossenen Palastumbau dürfte solchen Mäzenen und Konzerthausfreunden die Lust auf bürgerliche Initiative auf lange Zeit vergangen sein. Ohne die Philharmonie rechnet sich ein Konzerthaus nicht. Punkt.

Es ist Ausdruck größter Hilflosigkeit, dass die Stadt ihre kulturellen Protagonisten Kreuzchor und Philharmonie für den Umbau gegeneinander ausspielt. Es ist ungewiss, was die Presslufthämmer innerhalb des Palastes in den nächsten Jahren zutage fördern werden (siehe die Rathausbaustelle!). Und es ist unwahrscheinlich, dass die international renommierten Orchester zukünftig öfter nach Dresden kommen werden. In einen Siebzigerjahrebau, einen vielleicht nur mediokren Konzertsaal, in ein Haus ohne Probensäle, ohne ausreichende Infrastruktur wie Garderoben etc.?

Wie ich Dresden und die Dresdner kenne, sind die Diskussionen um diesen Umbau noch nicht verstummt. Sie treten jetzt, da der Stadtrat sich erneut zum Umbau bekannt hat, ohne dass dafür eine solide Finanzierung stehen würde, erst in ihre heiße Phase ein.

04.04.2012Kolumnen