Willkommen und Abschied

Kolumnen

Willkommen und Abschied

Etwas missverständlich die Ankündigung eines Ballettabends in Chemnitz. „Bilder einer Ausstellung“, aber eben nicht mit der Musik von Modest Mussorgsky. Bach, Brahms, Cage, Górecki, Reich, Aulis Sallinen, Terry Riley, George Crumb und Tom Waits haben die beiden Choreografinnen Catherine Habsque und Natalia Horecna für ihre getanzten Bilder gewählt, zu denen sie sich anregen ließen eben durch Bilder einer Ausstellung. Catherine Habasque sah in den Chemnitzer Kunstsammlungen das „Familienbild Justizrat Dr. Emmrich“ aus dem Jahr 1849 von Friedrich Gottlob Schreiber. Und Natalia Horecna ließ sich durch Francis Bacon anregen, einem Bild, das seiner Reihe „Schwarze Triptychen“ zugerechnet wird. Beide haben kein Bildertheater im traditionellen Sinne choreografiert, sondern verführen uns mit ihren getanzten Bildfantasien zum Besuch einer Galerie im Bilderdepot der eigenen Erinnerungen. Ein neuer Akzent in Chemnitz, und eine weitere Facette in der eigentlich doch ganz schön weiten sächsischen Tanzlandschaft.
Am Tanzhimmel über Dresden wird demnächst ein neuer Stern leuchten.

Sie dürfte derzeit wirklich eine der ganz großen Ballerinen weltweit sein: die 27jährige Polina Semionowa, noch erste Solistin beim Staatsballett in Berlin. Eben, noch. Denn die Semionova will nicht mehr zum Staatsballett der Hauptstadt gehören, sie fühlt sich nicht genug gefördert, sie sucht neue Herausforderungen. So haben wir das Glück, dass sie in der neuen Saison als Gast in der Semperoper tanzt, dass die zunächst in Klassikern und in der nächsten Gala auftreten wird. Hoffentlich gelingt es Ballettchef Aaron S. Watkin auch weiterhin, der dem Neuen gegenüber sehr aufgeschlossenen Künstlerin verlockende Angebote zu unterbreiten.

Dunkle Wolken zeigten sich Ende letzter Woche überm Thüringer Tanzhimmel, bzw. über den wenigen nicht dunkel bewölkten Stellen, die davon übrig geblieben sind. Einst wurde in Thüringen beinahe flächendeckend getanzt. Acht Ballettensembles gab es. Jetzt gibt es nur noch drei. Und da hieß es, das Theater in Eisenach muss geschlossen werden? Die Stadt kann die knapp zwei Millionen Zuschuss nicht mehr zahlen – bei einem Gesamtetat des Theaters von 4,9 Millionen Euro. Dabei wurde in Eisenach schon gestrichen wie wild. Die Landeskapelle ist zum Kammerorchester geworden. Vom Schauspiel blieb eine kleine Jugendtheatertruppe, das Musiktheater ist auch weg; blieb das Ballett, eine starke Kompanie, immer wieder auch überregional im Gespräch, zunächst unter Tomasz Kajdanski, jetzt unter Andris Plucis. Die Schließungsmeldung ereilte Eisenach kurz vor der jüngsten Ballettpremiere mit zwei Klassikern der modernen Tanzliteratur, Schönbergs „Verklärter Nacht“ und Strawinskys „Le Sacre du Printemps“, wie sinnig, auf Deutsch „Das Frühlingsopfer“. Mit uns nicht!, sagten sich die Eisenacher am Premierensonnabend, gingen zu Hunderten für ihr Theater, ihr Ballett, auf die Straße und im feierlichen Gottesdienst zur Eröffnung der Thüringer Bachtage wurde zwar nicht für das Theater gebetet, aber man solidarisierte sich. Am Abend war das Theater ausverkauft, die Premiere wurde stürmisch gefeiert, völlig zurecht, sagt der Tanzreisende, und Thüringens Kultusminister Matschie versprach alles daran zu setzen, eine Schließung abzuwenden. Nicht nur das – er finde auch, das Theater müsse in seiner jetzigen Form weiter Bestand haben.

Weil ich unterwegs war, konnte ich nicht dabei sein, als Jörg Herchets Kantate zum 5. Sonntag nach Trinitatis mit einem Text von Jörg Milbradt im außerordentlichen Konzert der Philharmonie uraufgeführt wurde. Ich hole es nach, morgen bringt MDR-Figaro um 20.05 Uhr den Mitschnitt des Konzertes. Beim Namen des Komponisten und seines Textautors gehen meine Gedanken weit zurück, es sind gute, dankbare Erinnerungen. Denn Ende der sechziger Jahre, als junger Student in Berlin, durfte ich dabei sein, wenn in der kargen Wohnung des Philosophen und Altphilologen Milbradt der junge Komponist Herchet einer andächtig lauschenden Gruppe auf blanken Holzdielen bei Kräutertee Musik erklärte, z.B. „Der Tod bei Gustav Mahler“ oder Einführungen in neue Musik gab. Milbradt war ein Verweigerer, er trug einen gebügelten blauen Arbeitsanzug, auch als fleißiger Opernbesucher, da galt seine große Zuneigung der Sopranistin Ludmila Dvorakova (geb. 1923), wahrscheinlich eine der letzten wahrhaft hochdramatischen Sängerinnen und für den Osten von der Bedeutung einer Birgit Nilsson (1918 – 2005) im Westen.

Im Westen von Berlin, an der Deutschen Oper, ein Jahr nach der Eröffnung des Hauses 1961 bis 1999 war der Bariton des Ensembles, Barry McDaniel, ein „Amerikanischer Papageno mit wienerischem Charme“, wie ihn die Zeitschrift Opernwelt nannte, zu Hause und beim Publikum beliebt. Dass er ein begnadeter Liedersänger ist, wusste man. Seine beiden Einspielungen von Schuberts Zyklus „Die Winterreise“ hatten immer Bestand, auch im Schatten des zeitweiligen deutschen Übervaters des Liedgesanges Dietrich Fischer-Dieskau. Jetzt hat das verdienstvolle Label audite ein Album mit zwei CDs heraus gebracht und damit den Freunden dieser holden Kunst rechtzeitig zum Osterfest eine Überraschung bereitet. Barry McDaniels Liederaufnahmen von 1963 bis 1974 sind darauf dokumentiert, seine Begleiter sind Hertha Klust und Aribert Reimann, dazu kommen bei Liedern von Ravel Eberhard Finke, Cello, und Karlheinz Zoeller, Flöte. McDaniel singt auf den beiden CDs außerdem Lieder von Schubert, Schumann, Hugo Wolf, Henri Duparc und Claude Debussy. Sein Gesang tut einfach wohl, der Einschätzung von Christine Lemke-Matwey im Booklet der angemessen aufgemachten Ausgabe ist auch nichts hinzuzufügen. „Es ist die Verschränkung von Wissen und Naivität, von Gefühl und Gestaltung, von beseeltem Ausdruck und makelloser Gesangskultur, die Berry McDaniels Liedinterpretationen einzigartig machen.“

Gestern, am 1. April, wäre der Dirigent Wolfgang Rennert 90 Jahre alt geworden. Er ist am 24. März verstorben. Seit er 1974 im Großen Haus die Premiere der Oper „Die schweigsame Frau“ von Richard Strauss, in der Inszenierung von Harry Kupfer mit Jeanette Scovotti in der Titelpartie dirigierte, kam er immer wieder zurück ans Pult der von ihm hoch geschätzten Sächsischen Staatskapelle Dresden. Gerne denke ich an seine Abende mit Leoš Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ und „Jenufa“, zur Premiere mit der grandios agierenden und singenden Evelyn Herlitzius in der Titelpartie. Am 28. März 2008 hat Wolfgang Rennert seine letzte Vorstellung in der Semperoper dirigiert, „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Mit den sparsamen Taktangaben mit dem Stab in der rechten Hand und den mitunter spielerisch anmutenden oder weit ausholenden Gestaltungsbewegungen der linken Hand hat er uns wahrhaft große Opernabende geschenkt.

Herzlich, bis Montag,
Boris Gruhl

02.04.2012Kolumnen