Semper Jazz? Das war einmal.

Kolumnen

Semper Jazz? Das war einmal.

Zwei Jahrzehnte lang gab es „Jazz in der Semperoper“. Das waren zwei Jahrzehnte mit herausragenden Sternstunden des Genres, in denen sich die Größten der Größten ein musikalischen Stelldichein in der Elbestadt gaben. Darin durfte und damit wollte das Haus sich schmücken, hat zahllose Jazzfreunde zu begeistern vermocht und ihnen die möglicherweise vorhandenen Schwellenängste vorm prestigeträchtigen Musentempel genommen.

Nachdem es seit langem die Spatzen von den Dächern zwitscherten, sich offiziell aber niemand aus dem Verwaltungsapparat der Sächsischen Staatsoper für berufen genug hielt, eine eindeutige Auskunft zu geben, wurde am letzten Februar-Dienstag nun endlich mal Klartext geredet. Es ist ab sofort Schluss mit dieser Reihe. Also auch mit der Musikgattung Jazz. Das Pressefrühstück war mit dicken Krokodilstränen garniert. Da mochte gar niemand zugreifen, die meisten Croissants blieben un(an)gerührt. Ein paar Nachfragen zu derart schlechten Nachrichten, die gab es aber doch.

Ob denn tatsächlich kein Platz sei für zwei bis drei Jazzkonzerte pro Jahr? – Nein, angesichts von mehr als 350 eigenen Veranstaltungen pro Jahr (darunter auch einige zeitversetzte am Tag) seien sämtliche Kapazitäten ausgeschöpft. Das Haus als schöpferische Produktionsstätte wolle, solle und müsse schließlich zuallererst die eigenen Hervorbringungen zeigen. So weit, so gut. Aber, so musste doch nachgefragt werden, könne man künftig denn auf das Publikum verzichten, das zu den Jazz-Abenden kam? – Dieses Publikum solle ab sofort mit eigenen Produktionen geködert werden, hieß es.

Wer eisern bleiben wollte, hakte noch einmal nach und kam auf die gastierenden Künstler zu sprechen. Die Großen des Genres sonnten sich ebenso wie so manches Nachwuchstalent in diesem Theater. Immerhin gab es drei Reihen, neben dem Late Night noch das Jazz-Special und die Jazz-Gala. Da kamen nicht nur die Koryphäen, die anschließend in aller Welt vom Glanz der Semperoper schwärmen würden, sondern hatten auch Stars von morgen und übermorgen ihre Chance. – Gewiss sei das bitter, aber … Siehe oben. Nicht genug Raum für Proben und Vorstellungen, zu wenig Personal im Technikbereich.

Könnte es denn nicht sein, dass die Krise im Probenbereich hausgemacht sei? Schließlich wurde die Spielstätte der kleinen szene auf der Bautzner Straße mutwillig dichtgemacht und statt dessen die einstige Probebühne zu semper 2 umgemodelt. – Davon könne keine Rede sein, angesichts der vielen Produktionen von Oper, Ballett und Kapelle werde jeder denkbare Raum genutzt, gebe es keine weitere Kapazität mehr. Ob die Fülle der Produktionen zu groß sei, wurde nicht gefragt. Wohl aber, ob man denn mit dem langjährigen Partner der Semperoper, der Gläsernen Manufaktur von VW gesprochen habe. Vielleicht könnten künftige Jazzkonzerte ja dort ausgerichtet werden? – Das sei eine gute Idee. Man werde mal reden.

Hieß es nicht vorher noch, alle Möglichkeiten zum Fortbestand dieser Reihe seien bis zuletzt gründlich geprüft worden? Man kann nur hoffen, das Bekenntnis, für die Spielzeit 2013/14 den Jazz eventuell auch in der Oper wieder aufleben zu lassen, wird weniger improvisatorisch angegangen. Denn mit „Jazz in der Semperoper“ verliert Dresden – "vorerst" – ein wichtiges Podium für diese Gattung. Zu vergleichbaren Konzerten müssen sich Jazzfreunde künftig nach Berlin oder Leipzig auf den Weg machen. Der Jazzclub Tonne allein kann das nicht auffangen, obwohl er auch in diesem Monat wieder ein Programm bietet, das man sich nicht entgehen lassen sollte!
 

Einen jazzigen März wünscht
Aldo Lindhorst

03.03.2012Kolumnen