Leb wohl, Blaumeise!

Kolumnen

Leb wohl, Blaumeise!

Ich lebe seit 1984 in Dresden. Aufführungen der Staatsoper Dresden, im Großen und im Kleinen Haus, Konzerte im Kulturpalast, in der Kreuzkirche, lockten mich schon Jahre zuvor hierher. Als Student, von Berlin aus, als Tramper. Das war aufregend, wenn ich so gegen 10 Uhr in Altglienicke an der Auffahrt stand und wusste, dass um 18 Uhr „Der Rosenkavalier“ beginnt. Es hat immer geklappt. Und irgendwann habe ich sie entdeckt, zunächst im Großen Haus, im ersten Rang, erste Reihe. Dann in der Kreuzkirche, bei einer Vesper, wieder ganz vorn, in der ersten Reihe. Die kleine Frau, die ich zunächst für ein Kind hielt, denn sie trug immer einen Rock mit Falten, in meiner Erinnerung bei jedem Wetter Kniestrümpfe, eine Strickjacke, das schwarze, später grauer werdende Haar, kindhaft gescheitelt. Die Handtasche passte da nicht ganz, die Hausschuhe schon eher. Aufgefallen war mir, wie ernsthaft sie die Aufführungen oder Konzerte verfolgte; wie immer wieder ihre Hände begannen mitzudirigieren oder sich auch schon mal wütend zur kleinen Faust ballten, bis die Haut über den Knöcheln bläulich anlief.

Das war die „Blaumeise“. Ich wusste von diesem Namen nichts, ich habe ihn erst spät erfahren: er war liebevoll gemeint. Später, als ich ab 1984 selbst für Konzerte in der Trachenberger Weinbergskirche mit verantwortlich war, haben wir oft und gerne miteinander gesprochen, die Augen der kleinen Blaumeise leuchteten immer, wenn sie von „ihren“ Studenten sprach, mit denen sie am Wochenende wandern war. Manche „ihrer“ Studenten haben vielleicht damals in den Konzerten gesungen, besonders berührt war die kleine Frau nach einer Aufführung von Pergolesis „Stabat mater“ mit Susanne Stahl und Angela Liebold und dem Kraus-Quartett. Als aber die vier Herren der Staatskapelle einmal ein Quartett von Schostakowitsch in der Kirche spielten, da nahm sie mich ernsthaft ins Gebet, solche Musik habe in der Kirche nichts zu suchen, und ein Konzert mit dem Jazzmusiker Hannes Zerbe und der kubanischen Sängerin Nancy Bello machte sie noch wütender. Gänzlich aus war es dann im Dezember 2004. Nach einem Projekt mit Studierenden der Evangelischen Fachhochschule für Religionspädagogik stellte mich Frau Edith Kopatz (den Namen habe ich jetzt erst aus der Zeitung erfahren) ganz ernsthaft und erregt zur Rede, denn ich hatte nach ihrer Meinung nicht jene neumodischen, teuflischen Unsitten verhindert, dieses „Jäh, jäh, jäh“ habe in einer Kirche nichts zu suchen. Grund waren ein paar rockige Akkorde einer E-Gitarre mit der die Studenten ein Weihnachtslied begleiteten. Wir konnten uns damals nicht einigen, alle Versuche das Gespräch zu führen blieben erfolglos. Vermisst habe ich sie dann doch. Jetzt erfuhr ich aus der Tageszeitung, dass sie am 12. Januar verstorben ist, diese kleine Frau, deren Lebensmittel die Musik war. Verständlich, dass ihr da manches besser und manches nicht so gut schmeckte. Heute fand die Feier zur Urnenbeisetzung statt. Leb' wohl, „Blaumeise“, im Himmel soll´s ja viel Bach geben und Mozart auch, wegen der Ökumene. Das müsste doch schmecken wie himmlisch´ Manna.

Gestern ging mit einer lautstarken Aufführung von Mag Stuart / Damaged Goods in Hellerau die 10. Tanzplattform Deutschland zu Ende. Tanzplattform Deutschland, aller zwei Jahre, die Mustermesse des deutschen freien Tanzes, unsere Besten, ausgewählt von einer vierköpfigen Fachjury. (Dresdner Produktionen hatte keine Chance.) Die deutsche Szene ist längst international, und so könnte diese Zusammenschau auch zugleich anzeigen, wie es überhaupt um den freien Tanz steht. Zunächst ist das Interesse da. 500 Fachleute waren angereist, manchmal klang es wunderbar babylonisch im Hellerauer Plattformzentrum, da hatte man sogar an die Raucher gedacht und ihnen ein Zelt ans Festspielhaus gebaut. Nicht schön, aber immerhin eine Geste, sogar beheizt. Vor dem Kleinen Haus wird für Raucher sogar die Umwelt beheizt, grüner geht´s nicht. Insgesamt kamen fast 7000 Menschen in die 33 Vorstellungen in Hellerau, in beiden Häusern des Staatschauspiels, in Aula und Loge des Heinrich-Schütz-Konservatoriums. Für Dieter Jaenicke, künstlerischer Leiter des diesjährigen Ausrichters, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste, war diese Jubiläumsauflage aber weit mehr als ein Branchentreffen, „sondern ein wichtiges Ereignis für die Stadt.“ Da hat er uneingeschränkt recht und für gebührt ihm samt Team für harte Arbeit großer Dank. 

Tanz, das ist ein weites Feld. Extrem gesagt, so beweist das Treffen der Auserwählten, bedeutet er für die einen, sich zu bewegen, für andere sich so gut wie jede Bewegung zu verbieten. Heißt „Tanz“ für andere darauf zu vertrauen, dass die Sprache des Körpers ein ganz besonders kostbares Gut ist und über ein Repertoire an Signalen verfügt, die so anderen darstellenden Künsten nicht eigen sind und sich ganz darauf konzentrieren, so haben wieder andere den Anspruch mit weiteren Medien erklären zu müssen, was sie machen. Das nervt oftmals, ich frage mich, ob ich da für blöd gehalten werde, ob ich nicht selber sehen kann, worum es geht, und ob es bei dieser Kunst überhaupt immer so unbedingt nötig ist erklärt zu bekommen, was man mir sagen will.

So präsentierte im Kleinen Haus Helena Waldmann ihre Produktion „Revolver besorgen“. Thema „Demenz“, ein Solo für die Tänzerin Brit Rodemund. Warum aber, fragte ich mich, je mehr ich die tänzerischen Potenzen der Protagonistin erkannte, muss der Intensität ihres stummen Ausdrucks noch ein aufklärendes Feature zugefügt werden? Diese Arbeit steht meines Erachtens beispielhaft für einen immer noch anhaltenden Trend, der eigenen Kunst zu wenig zu vertrauen; zu versuchen, jede Art von Missverständnis auszuschließen, sich in seinen zumeist sozialen oder politischen Botschaften regelrecht abzusichern. Mögen Bewegungen mehrdeutig sein: es gilt der gesprochene Text.

Ganz anders, mutiger, fordernder, auch ein wenig anstrengend, Sebastian Matthias im rappelvollen Saal, ganz oben, unterm Dach des Kleinen Hauses mit seinem Kammerspiel „Tremor“, in dem er selbst mit Lisanne Goodhue und Isaac Spencer tanzte. Einsame Menschen. Kontakte so gut wie unmöglich, vielleicht zufällig. Kein Wort, nur Sound, etwas nervig, aber doch eine Korrespondenz zur getanzten nervlichen Anspannung der Protagonisten, die bei ihren Bewegungsforschungen dermaßen mit sich selbst beschäftigt waren, dass ich mich auch schon mal fragte, ob ich hier nicht etwas sehe, was eigentlich gar nicht für mich bestimmt ist. Ich wurde zum Voyeur – aber das ist ja wieder genau die Sache des Theaters: zusehen, wie andere leiden.

An Atemnot müsste die Tänzerin Sahra Huby leiden, die von Anna Konketzky in einen Glaskasten gesperrt wurde, in dem es schon schwer genug ist, sich zu bewegen, geschweige denn zu tanzen. Das kurze Stück hieß „Abdrücke“; eine einsame Frau in einer gläsernen Isolationshaft sendet uns immer wieder Botschaften, Versuche, sich abzubilden, solange es noch möglich ist; weiße oder schwarze Blätter schickte sie uns Umstehenden zu, schob sie durch kleine Schlitze im Kasten, dessen Scheiben mehr und mehr durch den Atem der Gefangenen beschlugen. Ich habe mir zum Andenken so ein Blatt mitgenommen – deutlich zu sehen, mindestens zwei Leute sind draufgelatscht. Aber, so überlege ich, was wäre denn, wenn ich das vorgetäuschte Spiel ernst nähme, also einen Hammer nähme und den Kasten zertrümmerte, und sagte komm endlich raus hier, steh doch mal auf und atme durch! Na ja, wahrscheinlich käme ich nicht gleich in den Kasten, aber ganz ungestraft käme ich nicht davon.

Herzlich, bis Montag,
Boris Gruhl

27.02.2012Kolumnen