Sächsische Staatstheater – ein Schritt zurück in die Zukunft?

Kolumnen

Sächsische Staatstheater – ein Schritt zurück in die Zukunft?

Auf alten Programmzetteln prangt er noch, der Name „Sächsische Staatstheater“. Wenn alles glatt läuft, wird es schon bald wieder soweit sein. Aus der Sächsischen Staatsoper und dem Staatsschauspiel Dresden soll mit Wirkung vom 1. Januar 2013 erneut ein Konstrukt mit diesem Namen geschmiedet werden. Alteingesessenen mag das nach „Kombinatsbildung“ klingen, doch unterm Strich soll diese Fusion, die keine Fusion, sondern eine Strukturänderung ist, ein Schritt in die sichere Zukunft sein.

Ausgerechnet die Verwaltungsräte der beiden Häuser haben die Vision auf den Weg gebracht, die den zwei Leuchttürmen der Dresdner Kultur ein Garant fürs weitere Fortbestehen sein soll. Vergleichbare Überlegungen gibt es zwar schon seit einer Reihe von Jahren, doch sollen nun in einer für hiesige Verhältnisse eher ungewohnten Geschwindigkeit neue Strukturen aufgebaut, entwickelt und ausgebaut werden. Da solche Absichten in ihrer Umsetzung freilich auch mit einer Menge Geld verbunden sind – das sich übrigens nicht nur in Dresden mit seiner Bereitstellung etwas mehr Zeit lässt, die Stadt ist schließlich nicht Athen – bleibt der weitere Fortgang erst einmal abzuwarten. Ein Spiel mit offenem Ende, also doch nicht so neu. Siehe Kulturpalast, siehe Kulturkraftwerk, Staatsoperette, Theater der jungen Generation et cetera p.p.; bekannte Vorgänge, deren Reifeprozess sehr gutem Whisky zur Ehre gereichte.

Solche Vergleiche hinken bekanntlich, schon was das Gehaltvolle daran betrifft. Die genannten Baustellen sind kommunaler Schläfrigkeit verhaftet, bei Schauspiel und Oper geht es ums Land. Soll die freistaatliche Regierung plötzlich zum Füllhorn gegriffen haben, um gewaltige Investitionszusagen locker zu machen? Aus den zuständigen Ministerien ist in diesem Zusammenhang bis jetzt nichts von dergleichen Wundertätigkeiten zu hören. Und die betroffenen Häuser schmücken sich erst einmal mit dem Bekunden, schlanker werden zu wollen. Bella Figura, das kommt nicht nur körperlich und in der Fastenzeit ziemlich gut an, das kann auch auf dem Wettbewerb der Begehrlichkeiten vordere Positionen verschaffen. Wobei Semperoper, Staatskapelle und Ballett auf den Laufstegen ihrer Phalanx ohnehin ziemlich gut dastehen. Und das Dresdner Schauspiel hat in jüngster Vergangenheit ebenfalls einen ziemlichen Sprung nach vorn gemacht.

Dennoch sollen Staatsschauspiel und die Sächsische Staatsoper schon zum 1. Januar unter dem gemeinsamen Dach Sächsische Staatstheater agieren. Die Intendantensessel bleiben davon ungerührt, zur Gemeinschaftsleitung des Kunstkombinats wird dann noch ein Kaufmännischer Geschäftsführer zählen, für den Fall des Falles tut eine ungerade Zahl freilich Not. Die künstlerische Seite bliebe jetzigem Stand zufolge komplett unberührt von dieser neuen Struktur, aber hinter den Kulissen würde sich einiges tun. Die Zusammenlegung der allgemeinen Verwaltung, sowie gemeinsame Proben- und Logistikzentren sollen erfolgen, wobei für letztere erst einmal die materielle Basis geschaffen werden müsste. Im Gespräch sind Neu- und Ausbauten der bisherigen Werkstätten, die im übrigen ja schon erfolgreich für Dresdens Sprech- und Musiktheater agieren.

Da in Sachsen ja viele Hilfskräfte aus Baden-Württemberg am Rudern sind, ein kurzer Blick vom Elbtal in den Kessel von Stuttgart: Dort wurde vor knapp zwei Jahren ein Probenzentrum eröffnet, das auch gleich noch eine Studiobühne bereithält. Kostenpunkt damals 25 Millionen Euro, zuzüglich 3,6 Millionen für die Erstausstattung.

Die Vorteile künftiger Logistik liegen klar auf der Hand: Statt Dekorationen und Bühnenbilder weiterhin über die ganze Stadt verteilt einzulagern, um sie für Proben und Vorstellungen mit viel Aufwand ins Theater zu karren, könnte ein zentrales Lager für kurze Wege sorgen. Bis jetzt betreibt die Oper ihren Fuhrbetrieb selbst, am Schauspiel ist dies bereits ausgelagert. Bei den entsprechenden Fremdfirmen dürften folglich die ersten Auftragseinbrüche anstehen. Ansonsten soll kein Personal abgebaut werden, wird kräftig beteuert. Die Strukturveränderungen seien lediglich dazu gedacht, beide Kunsteinrichtungen zukunftsfähiger zu gestalten. Ob da allerdings mit Staatskapelle und Ballett, immerhin zwei angehenden Separatstaaten im Staate der Oper, schon über alle Details gesprochen worden ist?

Rückenwind kommt, fast überraschend, vom Deutschen Bühnenverein. Deren Direktor Rolf Bolwin schätzt die Pläne als „ganz normalen Vorgang“ ein. Man könne „Theaterbetriebe wie in Hamburg getrennt führen, kann sie aber auch wie in Stuttgart zusammenbringen. Das muss vor Ort entschieden werden, von welcher der Möglichkeiten man sich da mehr verspricht.“ Wichtig sei, dass für die Künste genügend Mittel bereitgestellt würden, die Häuser ihre Eigenständigkeit behielten und Personal, wenn überhaupt, dann „nicht wahllos“ abgebaut würde. „Ich kann mir nicht vorstellen,“ so Bolwin, „dass aus einer neuen Organisationsform ein Schaden entsteht. Semperoper und Staatskapelle sind so starke Marken, die werden sich auch künftig behaupten.“ Überhaupt würde sich kein einziger Zuschauer für die Organisation interessieren.

Darüber können wir ja mal nachdenken.

Bis nächsten Freitag –
Michael Ernst

23.02.2012Kolumnen