Radebeuler Vermächtnis

Rezensionen

Radebeuler Vermächtnis

Man sollte doch meinen, dass die Musiker der Landesbühnen dieser Tage nur mit geballter Faust durch die Gegend laufen. Und dann erlebt man doch hin und wieder einen künstlerisch so herausragenden Abend… (Foto: Hagen König)

Rasch noch mit dem Taschentuch über die Klaviatur gewischt. Ein letztes Aufdehnen der Hände, den Kopf gesenkt. Dann floss dem Solisten Sandro Ivo Bartoli eines der virtuosesten Konzerte der russischen Klavierliteratur, das "Rach 2", aus den Fingern. Sergej Rachmaninow spielte den üppig sich ausbreitenden Solopart bei der Uraufführung 1901 selbst; es war der Wiedereintritt in eine musikalische Öffentlichkeitssphäre nach jahrelanger Depression und Abschottung.

Bartoli interpretierte das Konzert, dessen erzene Glockenschläge das Bassregister des kleinen Steinway-Flügelchens im Radebeuler Stammhaus schon zu Beginn ängstlich erzittern ließen, als allmähliche psychologische Befreiung. Mithin wirkte er noch im Mittelsatz, in dem das Orchester wunderschöne, elegische Melodien aussingen darf, äußerst angespannt; die Noten stets im Blick, schien er sich jede neue Passage, jeden neuen Gipfel angestrengt erarbeiten zu müssen. An Stellen, wo das Klavier eigentlich nur den weichen Teppich für leidenschaftlich-träumerische Liaisons verschiedener Orchesterstimmen ausrollen soll, blieb der Solist manchmal etwas zu präsent, zu perkussiv. Immerhin, im "Allegro scherzando" betitelten Schlusssatz ließ er dann die Tonketten dramatisch perlen und die Akkorde spritzen, dass man ihm das neuerlangte Selbstbewusstsein gern abnahm. Mit dem letzten Ton aufspringen und den Dirigenten umarmen, waren eins! Das Publikum erklatschte sich freundlich einen Satz einer strengen Sonate von Domenico Scarlatti, den Bartoli, nun fühlbar aller Anspannung ledig, fast eine Spur zu ausgelassen anging.

Seinen Höhepunkt erreichte das dritte Sinfoniekonzert erst nach der Pause. Da stand Tschaikowskis letzte Sinfonie auf dem Programm, der der Bruder des Komponisten den Beinamen "Pathétique" gab. Äußerste Konzentration im Orchester vom ersten, beinah unhörbaren Ton an: die fahlen Kontrabassnebel dräuten, dann brach das düstere Schicksal sich Bahn. Grimmig schlug Michele Carulli den Takt zum zynisch auftrumpfenden Triumphmarsch, schon gab das Publikum – ganz zu Recht! – dröhnenden Applaus für diesen Wahnsinnsstreich. Da schnellte die Hand des Dirigenten hoch; und der Finalsatz erklang wie ein glühendes, zuletzt alles mit sich reißendes Weltende. Totenstille im Publikum! "Was haben Sie nur getan?! Das ist doch ein Requiem, ein richtiges Requiem!," zitiert das Programmheft den Schreckensruf eines geschockten Premierenbesuchers. Man kommt nicht umhin, diesen Abend als Radebeuler Vermächtnis zu lesen.

Eine Textfassung des Artikels ist am 30. Januar in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

09.02.2012Rezensionen