Dem Andenken einer Teufelin

Rezensionen

Dem Andenken einer Teufelin

Lulu (Gisela Stille) und Schigolch (Ketil Hugaas). Fotos: Matthias Creutziger

Lulu, die teuflische Versuchung. Geliebte, Muse, Prostituierte. Der zwielichtige, pferdefüßige Schigolch (gelungenes Semperoperdebüt: der norwegische Bass Ketil Hugaas) könnte ihr Vater sein, was ihn nicht hindert, ihr hin und wieder die Schöße für einen glutspritzenden Quickie zu raffen. In Stefan Herheims lustvoller immer-Geradeaus-ins-Verderben-Lesart der Oper elektrifiziert das Weib Lulu die Männer. Die Sächsische Staatskapelle liefert dazu den Drehstrom – und wummert unter Cornelius Meister im Ersten Akt etwas zu dick. Die schwebenden "Augenblicke, wo man gewärtig ist, sein ganzes Inneres einstürzen zu sehen" (Wedekind) – sie bleiben rar, den Introspektion ist nicht angesagt. Stattdessen wuseln der Dresdner Lulu eine Rotte Verflossener hinterher, die, ins Zirkusreich übergetreten und von ihr zu Clowns gemacht, neue Opfer sogleich zurechtschminken und ins Gefolge aufnehmen.

Alwa (Jürgen Müller) als träumerischer Naivling – das roch eher nach Adalbert Stifter als nach Wedekind

Gisela Stille singt die Lulu tonschön, aber manchmal etwas zu akademisch im hauchdünn-latexnen Evakostüm (mit aufgenähtem Feigenblatt). Dass sie für die Enthüllungsszenen im Atelier des suizidalen Malers (eher blass, bisweilen etwas kieksig Nils Harald Sodal) nicht völlig blankzieht, ist wohl eher der Sängergewerkschaft als der vornehmen Zurückhaltung der Inszenierung geschuldet; ein bisschen verklemmt wirkt die gefundene Lösung der Kostümbildnerin Gesine Völlm schon, und erinnert an die kluge Bauerstochter ("nicht gekleidet, nicht nackend…") Ach so, die Aufführung sollte natürlich schülertauglich bleiben.

Worauf die in allen musikalischen Techniken bewanderten Lustgreise im Parkett (schon in der ersten Vorstellung nach der Premiere waren die oberen Ränge gesperrt) jedoch am meisten gespannt haben dürften, war die Neukreation des dritten Aktes durch den Dirigenten-Komponisten Eberhard Kloke. Der setzt – im Gegensatz zur liebedienerischen Cerha-Fassung von 1977 – das Bergsche Orchesterinstrument kurz ab, lässt neu einstimmen, addiert ein Akkordeon – und beschwört klanglich eher eine Art Postskriptum herauf, in dem alles nur noch konzentriert dem einen, schrecklichen Ausgang zustürzt, Klänge zerbrechen. Eine Sologeige auf der Bühne (beachtlich: Kapellmusikerin Barbara Meining) scheint mit Bausteinen des Bergschen Violinkonzerts zu hantieren, auch andere Komponisten werden gestreift (sogar ein Wunderhornlied meinte ich zu hören?). Der Text wird hastiger, bruchstückartiger, die Elemente zerfasern.

In Herheims Welt ist dieser dritte Akt eine improvisierte Leseprobe des euphorisierten, von Jürgen Müller ein bisschen zu naiv geschauspielerten Komponisten Alwa. Blatt für Blatt erdenkt er sich die Stimmen und Stimmungen, die für Lulu ins Verderben führen (das im übrigen musikalisch wie szenisch erschreckend gut gelingt). Am Ende löst sich das Musiktheater in Schall und Rauch auf. Ein tolles Bild. Und trotz kleinerer interpretatorischer Insensibilitäten vor und auf der Bühne einer der eindrucksvollsten Semperopern-Abende seit langem.

 

Lulu – Oper in drei Akten
Neufassung des dritten Akts von Eberhard Kloke

Eine Kooperation mit Det Kongelige Teater Kopenhagen

Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Inszenierung: Stefan Herheim
Szenische Einstudierung: Annette Weber
Bühnenbild: Heike Scheele
Kostüme: Gesine Völlm
Licht: Stefan Herheim, Fabio Antoci
Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach

Nächste Vorstellungen: 10. Februar; 25., 28. März; 19., 22. Juni 2012

http://www.semperoper.de/oper/repertoire/spielzeit-201011/detailansicht/details/55849/besetzung/1821.html

09.02.2012Rezensionen