Eine neue Veranstaltungshalle in neun Monaten – nur leider nicht bei uns

Kolumnen

Eine neue Veranstaltungshalle in neun Monaten – nur leider nicht bei uns

Das Architektenbüro gmp hat im August 2011 den Auftrag bekommen, einen neuen "Kristallpalast" für Baku zu entwerfen. Und jetzt kommts: die Halle wird im März 2012 fertig sein. Der Bauherr, der aserbaidschanische Staat, leistet sich diesen neuen Diamanten für den anstehenden Eurovision Contest.

Auch Dresden hat bekanntlich einen Kristallpalast, und auch Dresden kam einmal in den Genuss eines Entwurfs dieses Architektenbüros – auch wenn er bis heute nicht Eingang in die Projektliste der Architekten gefunden hat. Leider ist hierzulande nicht mit einem Neubau zu rechnen, so gelegen der Philharmonie ein Bauprojekt käme, noch dazu, wenn es nur neun Monate dauert…

Ein interessanter Vortrag von Meinhard von Gerkan über "Lingang New City – eine Großstadt im Chinesischen Meer" hat übrigens Eingang in eine äußerst kurzweilig zu lesende Publikation gefunden, die dieser Tage im Thelem Verlag erscheint. "Gartenstadt: Geschichte und Zukunftsfähigkeit einer Idee" heißt sie, und versammelt Tagungsbeiträge eines Kolloquiums, das vom Institut für Baugeschichte, Architekturtheorie und Denkmalpflege der TU Dresden gemeinsam mit der Kulturstiftung des Freistaates veranstaltet wurde. Interessant und von verschiedenen Standpunkten aus werden die Geschichte des Konzepts "Gartenstadt" aufgefächert und auch Zukunftsvisionen gewälzt. Manchmal kann man schmunzeln – etwa wenn man erfährt, dass "manche Gartenstadtbewohner an warmen, sonnigen Tagen ihre Gartenarbeit nackt verrichteten" (diese Tradition sollte unbedingt wiederbelebt werden!). Bedrückend dagegen zu erfahren, welche Rolle das junge Hellerau für die "neudeutsche Bewegung" spielte (das Promotionsthema des in Hellerau geborenen Thomas Nitschke). Sicher, viele lebensreformatorische Ideen, die Naturheilkunde, die Kleidung oder vegetarische Ernährung betreffend, sind aus heutiger Sicht harmlos einzuordnen. Aber dass an der Dalcroze-Schule auch völkische Seminare abgehalten wurden, denen der damals herrschende Freigeist wenig entgegensetzte, ist eine Wahrheit, die wenig zu unserem heutigen Helleraubild passt.

Apropos Dalcroze: der damalige "Verein zur Förderung der Dalcroze-Schule" vereinte unter seinen Gründungsmitgliedern den damaligen Generalmusikdirektor der Hofkapelle, Ernst von Schuch, und seinen Intendanten, Nikolaus Graf von Seebach. Die Beziehungen vom grünen Hügel in die Stadt waren quicklebendig! Etwas hilflos leitet da Christiana Hartmann ihren Beitrag "Tanz in die Reform" ein: "Die Organisatoren [des Kolloquiums erhofften sich], dass aus dem Planungsgedanken Gartenstadt […] Leitbilder für aktuelle Stadtplanungen entwickelt werden können. Aber genügt es, allein Planer und Architekten mit einer solchen Aufgabe zu betrauen? Ich hoffe, dass die Gesamtidee Hellerau noch auf weitere Ziele gerichtet ist…" Hatmanns Essay über den Tanz, den "Geburtshelfer der Moderne", bleibt thematisch etwas vereinsamt, wie auch der aus meiner Sicht lesenswerteste Beitrag des Sammelbands, nämlich Vladimir Slapetas Artikel über "Gartenstädte in Tschechien und in der Slowakei". Hier wartet so mancher Ausflug auf Neugierige!

Ein Fluch wissenschaftlicher Tagungsbände ist ihre fehlende Aktualität. Fast vier Jahre lang sammelten Thomas Will und Ralph Lindner die Beiträge – die Tagung fand bereits im Juni 2008 statt. Nicht nur vermisst man eine Diskussion und Engführung der Texte durch die Herausgeber; das Buch wirkt eben auch eine Spur zu gestrig. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima feierte die Gartenstadt-Idee in Japan vor Jahresfrist eine Renaissance –  leider ist im Buch diese interessante neue Entwicklung nicht wenigstens ansatzweise erwähnt. Ebenso war die Ausstrahlung des Kolloquiums offenbar doch zu gering, um auch internationale Tagungsteilnehmer in größerem Ausmaß anzuziehen. Faszinierend etwa das gelebte Gartenstadt-Konzept "Lange Eng" ('Langewiesen') in Albertslund, Dänemark: Hier finden sich neben der Idee, bezahlbaren kommunalen Wohnraum für viele Gleichgesinnte in einer weitgehend grünen Umgebung in unmittelbarer Nähe zur Großstadt Kopenhagen zu schaffen, auch lebensreformatorische Gedanken wieder, etwa was ökologische Kleidung, Nahrung und Nachhaltigkeit betrifft.

Ich bin äußerst neugierig, was sich im Spannungsfeld von Architektur und Kultur in Dresden in den nächsten Wochen tun wird.

Soweit – herzlich, bis Mittwoch,
Martin Morgenstern

02.02.2012Kolumnen