„Mein Ziel ist, ein neues Orchester zu finden, wo es Räume für eine künstlerische Entwicklung gibt“ – Michele Carulli hört in Radebeul auf

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„Mein Ziel ist, ein neues Orchester zu finden, wo es Räume für eine künstlerische Entwicklung gibt“ – Michele Carulli hört in Radebeul auf

"Mein künstlerisches Ziel war immer, ein Orchester von innen heraus zu verbessern." (Foto: Martin Krok)

Michele Carulli, nach einigen heißen Tagen im Advent scheint der öffentliche Zorn über die Fusion des Landesbühnenorchesters mit der Elbland-Philharmonie schnell wieder verraucht. Wie ist die Situation am Haus?

Mein genereller Eindruck ist: die Pläne der Regierung sind trotz aller Proteste praktisch akzeptiert. Es ist natürlich bedauerlich, dass das kulturelle Angebot im Freistaat nun verknappt wird. Aber die Leute scheinen generell akzeptiert zu haben, dass es künftig ein Orchester weniger geben wird.

Die Auflösung des Landesbühnen-Orchesters und der Weg der "Novum" GmbH sind vom Ablauf her vorgezeichnet. Was aber wird mit Ihrem eigenen Vertrag als GMD, den Sie mit dem Freistaat abgeschlossen haben?

Was wird? Ich habe keine Ahnung. Mein bisheriger Vertrag läuft bis 2013. Danach werde ich hier nicht mehr gebraucht. Ich wurde bereits gefragt, ob ich eine Abfindung akzeptieren würde, damit ich den Titel früher abgebe und die Produktionen der Übergangszeit als Gastdirigent begleite.

Das heißt, die Landesregierung kann sich von vornherein nicht vorstellen, dass Sie irgendwann das fusionierte Orchester leiten?

Mir wurde quasi gekündigt. Es wurde mir gesagt, dass Posten des GMD vorerst nicht besetzt wird, weil kein Orchester da ist. Später soll ein neuer Dirigent engagiert werden, der auch die Position der Opernleitung innehaben wird. Aber das ist nicht meine Tätigkeit.

Haben Sie das Angebot, mit einer Abfindung früher zu gehen, angenommen?

Noch nicht. Wir sind da in einer Diskussionsphase, um eine Vereinbarung zu finden.

Mein Eindruck: Sie sind dem hiesigen Orchester künstlerisch sehr eng verbunden; das Schicksal des Hauses und der Musiker ist Ihnen nicht egal…

Als Dirigent habe ich mich immer mit einem bestimmten Haus identifiziert. Es gibt viele Kollegen, die nicht mit einem Theater oder einem Orchester verbunden sein möchten. Als Gast hat man ja keine Probleme zu lösen! Aber mein künstlerisches Ziel war immer, ein Orchester von innen heraus zu verbessern. In letzter Zeit habe ich daneben verstärkt gastiert, etwa in Fernost, in der Tschechei oder Italien. Da merkt man dann, dass es Probleme gibt, man darf an diesen Problemen aber nicht arbeiten, wenn man nur eine Woche da ist. Radebeul ist ja meine erste GMD-Position; ich bin hier sieben Jahre geblieben, eine ziemlich lange Zeit. Ich glaube, das Orchester und ich haben eine gute Beziehung entwickelt, das künstlerische Niveau ist überhaupt gestiegen. Das kann man nicht zuletzt an den Kritiken der letzten Zeit ablesen.

Neben dem Opernrepertoire haben Sie vor allem Wert auf Orchesterkonzerte gelegt.

Wenn ein Orchester auf der Bühne steht, ist es die Primadonna. Die Probenphasen für die Vorbereitung eines Konzerts sind andere als bei einer Oper. Der Dirigent hat die Möglichkeit, zu verbessern und zu ermutigen. Sonst muss er immer nur sagen: bitte nicht zu laut!

Trotz der Sparzwänge versuchten Sie, für "frisches Blut" zu sorgen…

Ja, das Projekt mit dem "Jungen Europa" war eine Erfindung von mir. Die Landesregierung hatte ja offenbar schon länger die Idee, das Orchester aufzulösen, und erlaubte nicht, die Stellen von Kollegen, die in Rente gingen, neu auszuschreiben. Aber leere Plätze in einem Orchester? Nun war ich letztes Jahr bei einem Musikseminar in Italien. Die jungen Musiker sagten mir: so viel Repertoire kennen wir nicht! Eine Anzahl von ihnen habe ich nach einem Probespiel mitgebracht. Sie machen im Orchester ein Praxisjahr, das von der Europäischen Union bezahlt wird.

Wie sehen Ihre persönlichen künstlerischen Pläne nach dem Kapitel Radebeul aus?

Ich war unvorbereitet, diese Position hier verlassen zu müssen. Mein Ziel ist nun, ein neues Orchester zu finden, wo es Räume für eine künstlerische Entwicklung gibt. Wenn das nicht klappt, würde ich versuchen, meine Aktivitäten als Gastdirigent weiterzuentwickeln. Ich bin jetzt fast Mitte fünfzig: auch für die pädagogische Richtung ist jetzt die Zeit! Momentan entwickle ich ein Projekt mit einer Musikhochschule in Pavia: die dortigen Studenten – Sänger, Orchestermusiker, Regieteam – werden drei Mozart-Opern einstudieren.

Sächsische Kulturpolitiker betonen oft und gern, dass von allen Bundesländern Sachsen die höchste pro-Kopf-Förderung im Bereich Kultur hat. Dennoch sahen Sie sich in den letzten Monaten oft zu leidenschaftlichen "Brandreden" nach den Orchesterkonzerten genötigt, um auf den Notstand aufmerksam zu machen. Wird in Radebeul am falschen Ende gespart?

Ich habe viel für mein Orchester gekämpft, das ist doch selbstverständlich. Seit nun klar war, dass die Fusion kommen würde, hatte es wenig Sinn, weiter dagegen zu protestieren. Was die Kultur in Sachsen angeht, kann ich nur Fakten zitieren. Ich habe einen Wohnsitz in Bayern: dort waren 2005 das Münchner Rundfunkorchester und die Münchner Symphoniker von der Auflösung bedroht. In der Tat wurde damals eine saubere Lösung gefunden und beide Orchester gerettet. Hier in Sachsen wird das Orchester der Landesbühnen nun, trotz massiver Proteste und mehr als 30.000 gesammelten Unterschriften, einfach aufgelöst. Diese Fakten soll jeder für sich selbst kommentieren. Ich finde es einfach sehr bedauerlich, dass es in Sachsens Kulturpanorama zukünftig ein Orchester weniger geben wird. Wenn andere Bundesländer sich an Sachsen orientieren, wird es echt gefährlich für diese Musikkulturnation.

Worauf sind Sie stolz, was hat in Radebeul gut funktioniert? Und was vielleicht nicht so sehr?

Zuerst: sieben Jahre ist doch eine perfekte Nummer! Was ist zwischen mir und meinem Orchester geschehen? Nun, ich gehe respektvoll mit den Kollegen um, aber ich bin auch sehr streng in meiner Arbeit. Und ich bin nicht bereit, Kompromisse zu schließen, wenn ich ein künstlerisches Ziel verfolge. Ich wette, wenn Sie die Musiker fragen, sagen die: "Manchmal war er zu streng." Aber der Musik hat das gut getan.

27.01.2012Interviews