Wanderer, kommst du nach Dresden…

Kolumnen

Wanderer, kommst du nach Dresden…

Als der Lieblingsbratscher der Redaktion kürzlich seine Professur an der Dresdner Hochschule zurückgab, um nach München zu gehen, hätten die städtischen Kulturpolitiker aufhorchen müssen. Er benannte u.a. die Schwachpunkte der Dresdner Kulturpolitik ungewöhnlich deutlich, er litt an der Zerstrittenheit der städtischen Akteure und sah kaum Hoffnung auf Besserung des allgemeinen Klimas in dieser selbsternannten Kulturstadt, in der man Kreativität und Eigeninitiative erst einmal misstrauisch begegnet.

Vorige Woche hat nun Prof. Hans-Christoph Rademann den Ruf als neuer Leiter der Bach-Akademie Stuttgart angenommen. Seine Tage in Dresden sind damit ebenfalls wenn nicht gezählt, so doch empfindlich beschnitten; es würde mich nicht wundern, wenn auch er seine Professur demnächst zurückgäbe. Mit ihm wird ein weiterer hochgeachteter Musiker (das hat nicht zuletzt seine Ernennung als Nachfolger von Helmuth Rilling gezeigt – Alternativkandidaten wurden von der Findungskommission gar nicht erst genannt) und auf vielen Ebenen aktiver Kulturstratege der Stadt den Rücken kehren. Man könnte weitere Symptome bennen für das langsame Ausbluten der Dresdner Kultur. 

Was denn, werden manche sagen, Hochschulpolitik ist doch Landessache, warum immer auf den Stadtrat einhaun! Herr Mönkemeyer und Herr Rademann kehren Dresden aber nicht den Rücken, weil Ihr Professorengehalt zu niedrig wäre oder das Klima an der Hochschule nicht stimmte, nein; es ist offenbar das kulturelle Klima der Stadt, was ihnen – und eben nicht nur ihnen – zu denken gibt. Die Neiddebatten, wenn es um Kulturförderung geht und die Perspektivlosigkeit der Kulturpolitik im Allgemeinen. Und hier müssten wir gemeinsam Lösungen suchen. Parteipolitisch motivierte Streitereien im Stadtrat dürfen nicht den Blick auf größere Entwicklungsziele verstellen. Wir brauchen keine teuer bezahlten Studien, die uns mitteilen, wir sollten international eher mit der Semperoper als mit der Frauenkirche werben. Wir brauchen ein substantiell unterfüttertes Gesamtkonzept, das alle kulturellen Institutionen der Stadt, ob städtisch, freistaatlich oder anderweitig finanziert, einbezieht, um international auszustrahlen. Wir müssten uns auch mal fragen: warum haben Namen wie René Pape oder Hartmut Haenchen in ihrer eigenen Geburtsstadt momentan so wenig Resonanz? Muss man denn die Stadt mangels künstlerischer Perspektiven erst verlassen, ehe die Städter merken, was fehlt?

Es gab mal diesen Trompeter, der einen "Ruf aus Dresden" stolz in die Welt trug. Wenn demnächst – Gott behüte!, aber es deutet mehr und mehr darauf hin – die Philharmonie auf lange Zeit heimatlos zwischen akustisch minderwertigen Spielstätten hin- und herirrt, ein weiterer Startrompeter seine Professur zurückgibt, weil er fortan im Fernsehen Castingshows machen will, und Radebeul ziel- und konzeptlos ohne GMD dasteht, ist mir irgendwie eher nach einem kläglichem Hilferuf zumute.

Und als wenn die Winterdepression tiefer schon nicht mehr sinken könnte, landet noch eine Neuinterpretation der "Winterreise" im Briefkasten. Moment, frage ich mich irritiert, nachdem ich die schwarze, einer Langspielplatte nachempfundene CD eingelegt habe. Ist hier etwa die falsche Abspiel-Geschwindigkeit eingestellt? Nein, der dramatisch rabenschwarze Bass Ferrucio Furlanetto singt den Zyklus in der tiefen Stimmlage; Igor Tchetuevs Steinway grummelt dazu bescheiden im Hintergrund herum und wartet auch demütig, wenn Furlanetto auf einer Silbe wieder einmal länger verweilt. (Die vertane Zeit versucht er dann unauffällig in den Zwischenspielen aufzuholen.) So hätte die "Winterreise" vielleicht geklungen, hätte sie Mussorgski vertont: die Töne schleift der Bass gefährlich von unten an und versagt sich auch ein romantisch bebendes Vibrato nicht – was wenigstens die bisweilen arg grenzwertige Intonation kaschieren hilft… Die Altersweisheit hätte dem Sänger eigentlich verbieten sollen, dieses Projekt überhaupt anzugehen. Na gut, seufze ich erleichtert, nicht nur in Dresden verkennt man die eigene kulturelle Qualität.

26.01.2012Kolumnen