Auf Katzenpfötchen gegen den Strom

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Auf Katzenpfötchen gegen den Strom

Eine der großen Ankündigungen des diesjährigen SemperOpernballs: das Ballett des Pariser Varietés Moulin Rouge. Ihre professionellen Tanzkünste ließen, nach Meinung einiger Semperoper-Tänzerinnen, dann doch einige Wünsche offen. Die Damen fielen dafür durch glitzernde Bikinis und viel unbedeckte Haut ins Auge. Ähnlich plump wurde auf dem roten Teppich gereizt: Die Prominenz einiger Gäste, die sich dort zeigten, beruht oft weniger auf Kompetenz in dem, was sie tun, sondern mehr in ihrem kommerziellen Erfolg. Dass beispielsweise Mario Barth oder Richard Lugner sich angekündigt hatten, passte nicht zu der „hochkarätigen“ Gästeliste.

Begeistert begrüßt: Reality-TV-Teilnehmerin Katzenberger (Fotos: M. Funk)

Glitzer, wohin das Auge schweift; Kleider, exotischer als jeder Cocktail, dazu Playbackmusik auf dem Theaterplatz. Besonders laut und begeistert begrüßte das Außenpublikum Roberto Blanco und Daniela Katzenberger. Nebenan war Roman Knoblauchs Hauptaufgabe vor Beginn der offiziellen Fernsehübertragung, das träge Publikum zum Klatschen zu bewegen. Gotthilf „Gotti“ Fischer sprang für die Gruppe „Adoro“ ein und nochmals auf die Außenbühne, legte noch einige Gassenhauer obendrauf. „Trink, trink, Brüderlein, trink“, sang der Playbackchor einsam, die Dresdner schienen sich zur recht frühen Stunde noch nicht diesem Schicksal ergeben zu wollen. Ein Paar jedoch musste sich nicht mit Prozenten die Glieder wärmen, während es draußen auf den Auftritt Helene Fischers wartete. Getreu dem Grundsatz der sozialen Integration durften zwei junge Gäste von außen ohne Karte ins schillernde Warme. Als Paar des Abends ausgelost, schön hergerichtet und fein in der Königsloge vorgezeigt, mussten, nein, durften sie von ihrer Verwandlung im Fernsehen berichten und der interessierten Moderatorin Mareile Höppner erzählen, wie man sich im normalen Arbeitsalltag sonst so kleidet.

Vorher waren die Orden des Ritters, der für die gute Sache streitet, gegen den Strom schwimmt, St. Georg, verliehen worden. An den Schauspieler Sir Roger Moore, für sein Lebenswerk. Das, wie Laudator Thomas de Maizière erwähnte, nicht nur aus James-Bond-Stunts, sondern auch UNICEF-Engagement besteht. An S.E. Khaldoon Khalifa Al Mubarak für ein Pionierprojekt einer Kohlenstoffdioxid-neutralen Stadt und seine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Sachsen. Und an „die italienische Antwort auf Marilyn Monroe“, wie ihr Laudator Peter Lewandowski meinte: Ornella Muti. Worte des Lobes und des Dankes wechselten sich mit nun wirklich professionellen musikalischen Beiträgen ab. Der Dresdner Sänger René Pape wurde mehrfach auf die Bühne gebeten, ebenso wie seine polnische Kollegin Alexandra Kurzak.

Und auch zusammen gaben sie sich ein romantisches Stelldichein unter Begleitung der Sächsischen Staatskapelle. Dirigiert von Asher Fisch, musizierte diese, wie auch später der Chor des Hauses, souverän und präzise von Can-Can über Bernstein bis hin zu Gounods Oper „Faust“. Und zwischendrin hüpften auch wieder die leicht bekleideten Damen des Moulin Rouge auf die Bühne, schlugen Räder und machten Spagat. Durch das Programm führten auf eine recht einfallslose Art Gunther Emmerlich und Ruth Moschner.

Seit wann, fragt man sich, schwimmt Helene Fischer "Gegen den Strom"?

Der Sonderorden des Heiligen Georg, letztes Jahr noch an Bob Geldof für sein soziales Engagement verliehen, ging nun, kurz draußen auf dem Balkon der Oper für das Außenpublikum sichtbar, an Helene Fischer. Weil sie im vergangenen Jahr die erfolgreichste deutsche Sängerin war. Gekommen wäre sie sowieso, um ihr Konzert zu geben, von den schwierigen und abwechslungsreichen Themen zwischenmenschlicher Beziehungen zu singen. Draußen konnte, wer noch da war, über die Leinwand zusehen, drinnen erntete sie nur gemäßigten Beifall. Gut so, denn wie hätte man den Orden dessen, der gegen den Strom schwimmt, sonst rechtfertigen sollen? Mit einschlagendem Erfolg wegen wenig anspruchsvoller Texte zur vielleicht populistischsten Musik in Deutschland wohl kaum. Wenig anspruchsvoll präsentierte sich leider auch die Pop-Klassik-Gruppe „Adoro“ mit einer ausgesprochen schmalzigen Version von „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“.

Sehr wertvoll für das Zuschauerauge und -ohr gelang der Auftritt der Debütanten. Begleitet von der Staatskapelle und einheitlich herausgeputzt, schritten sie auf die Bühne und präsentierten ihr Können. Die Choreographie sah schön und nicht einfach aus, begeisterte das Publikum, das nach der offiziellen Balleröffnung durch Stanislaw Tillich und Partnerin auch zahlreich auf die Tanzfläche strömte und sich erst wieder ein wenig verstreute, als Helene die Bühne betrat.

Dieser Semperopernball war laut Ankündigungen weniger als Fernsehereignis gedacht (paradox, bei neuerdings vierstündiger Übertragung) und mehr als Veranstaltung für die Theaterplatzgäste, das half jedoch nichts. Das einzig neue draußen waren die luftigen Röcke des Moulin-Rouge und eine kurze Tanzanleitung von Joachim Llambi. „Adoro“, groß angekündigt, musste draußen „wegen einer Kameraprobe“ fehlen und der große Star des Abends, die schöne Helene, zeigte sich nur kurz draußen. Immer mehr verstärkt sich der Eindruck, das Ziel des Programms sei das Programm selbst. Auch die seriösen St.Georgs-Orden-Preisträger verflüchtigen sich, spätestens seit vergangenem Jahr. Wenn man den Orden Menschen, die gegen den Strom schwimmen, verleihen und der Ball seinen guten Ruf behalten möchte, darf das nicht so weitergehen.

22.01.2012Allgemein