Gut beraten

Kolumnen

Gut beraten

Die Verantwortlichen der Dresdner Philharmonie waren wirklich gut beraten, als sie sich nach dem Auftakt der Live-Performance zu Charlie Chaplins musikuntermalte Filmkunst für eine Fortsetzung überreden ließen. Inzwischen ist eine feste Reihe daraus gewachsen. Film und Musik klingt im Kulturpalast jetzt beinahe schon nach Tradition, seit 2010 Chaplins „Lichter der Großstadt“ („City Lights“, 1931) dort hörbar aufleuchteten. Der 1941 geborene Dirigent Helmut Imig leitete den Klangkörper seinerzeit zu dieser Filmmusik, die Charles Spencer Chaplin Jun. so ziemlich selbst verfasst hatte. Ein knappes Jahr später folgte „Goldrausch“ („Goldrush“, 1925) und im Januar 2012 nun das Quartett „How To Make Movies“ („Wie man Filme macht“), „The Cure“ („Die Kur“), „Easy Street“ („Leichte Straße“) und „The Adventurer“ („Der Abenteurer“), zu dem der 1936 geborene Komponist Carl Davis nachträglich die Musiken schuf. Zwei bestens besuchte Aufführungen, in denen die vordergründige Aufmerksamkeit gewiss der genialen Kunst Chaplins galt, die aber bei genauem Hinhören auf die Perfektion von Dirigent und Orchester unter Beweis stellten. Punktlandungen aus Slapstick und Schlagtechnik! Diese Reihe muss unbedingt fortgesetzt werden, Chaplins OEuvre ist glücklicherweise umfangreich genug.

Musikfreunde und Kinogänger gleichermaßen dürften sich übrigens auch von „Wader Wecker Vaterland“ angesprochen fühlen, einem dokumentarisch inszenierten Film über die derzeitigen Urgesteine der deutschen Liedermacherszene. Hannes Wader und Konstantin Wecker, zwei Barden mit deutlichen Aufklärungsbekenntnis, wurden von Regisseur Rudi Gaul auf ihren jüngsten Reisen und Tourneen begleitet. Entstanden ist ein Abbild zweier mit ihrem Land und ihrem Publikum gealterter Künstler. Geblieben ist ihnen – wohl im Gegensatz zum Vaterland – die unstillbare Sehnsucht. Der Streifen läuft derzeit nur noch einmal im Filmtheater Schauburg, am 22. Januar um 12 Uhr in einer Sonntagsmatinee. 

Wie Musik, Musiktheater ins Buch einfließen kann, hat die Edition „Oper mit Herz“ schon im Band I bewiesen, der kurz nach dem Tod von Regisseur Joachim Herz (1924 – 2010) im Verlag Christian Dohr erschien. Der schriftliche Nachlass des streitbaren Felsenstein-Schülers ist von seiner Witwe Kristel Pappel und dem in Dresden tätigen Musikwissenschaftler Michael Heinemann gründlich ediert worden. Seit voriger Woche liegen nun auch die Bände II und III vor, die sich der Epoche „Zwischen Romantik und Realismus“ sowie dem „Musiktheater der Gegenwart“ widmen. Unbedingt lesenswert, wenn auch teilweise harte Kost erwartet werden darf. Herz überrascht jedoch immer mal wieder mit funkelndem Witz, mit eigenwilligem Charme, mit feurigen Pointen. Da diese gar nicht genug zu würdigende Edition „letzter Hand“ gewiss keine Auflagenrekorde feiern wird, ist sie mit gut 30 Euro pro Band nicht ganz auf die Einkommensverhältnisse des potentiellen Zielpublikums angelegt; wer jedoch hart rechnen muss, legt sich alle drei Bände auf einen Schlag zu, spart etwa zehn Prozent und berappt dafür den Sonderpreis von 89,90 Euro (www.dohr.de). Nach Präsentationen in der Komischen Oper Berlin und in der Oper Leipzig wünschen wir uns noch eine Buchvorstellung an Herzens Dresdner Wirkungsstätte im Semperbau. 

Dieses Funkelhaus am Theaterplatz wäre nach dem Opernball heute Abend, an dem sich quasiprominente No-Names – Daniela Katzenberger, Mutter Beimer, Khaldoon Khalifa al Mubarak et cetera – sowie viele Dutzend Diederich Heßlings drinnen und draußen um 007-Agentuen Roger Moore und seinen Laudator Thomas de Maizière tummeln werden, ein bestens geeigneter Ort dafür. Auch ein Wiener Mörtel-Maurer soll sich zum Ball angesagt haben, hieß es vorab. Falls der abgucken will, wäre er sicherlich nicht gut beraten. Immerhin geht diesmal kein Opernball-Preis an Ex-K.G.B.-Spitzel, was für ein Fortschritt!

Apropos Preis: Die Stadt Dresden, die sich mit diesem Ballgetümmel nicht gemein machen muss, vergibt ihren Kunstpreis 2012 an den Schriftsteller Volker Braun. Musik in Dresden gratuliert herzlich. Das wollten wohl auch der amtierende Kulturbürgermeister Ralph Lunau sowie der mit einem Förderpreis geehrte Medienkünstler Jacob Korn tun. Letzterer gibt zu, Brauns Werk nicht zu kennen, will nun aber nachlesen; die Amtsperson von der Hauptstraße meint der Tagespresse zufolge, „Braun genieße großes Renommee weit über die Stadtgrenzen hinaus.“ Welch Glück, dass Brauns Horizont wesentlich weiter gefasst ist! Die Preisverleihung soll am 17. März erfolgen.

Bei der Gelegenheit: Noch ein Blick über den Dresdner Elbtal-Tellerrand gefällig? Zu den Ruhrfestspielen nach Recklinghausen etwa, die ihr diesjähriges Motto der Öffentlichkeit vorgestellt haben: „Im Osten was Neues“. Wow! Da hat aber jemand gründlich bei Erich Maria Remarque nachgeblättert.

Wir sehen, die Künste sind – dank guter Beratung? – allerbestens miteinander verflochten.

In diesem Sinne herzlich, bis nächsten Freitag,
Michael Ernst

19.01.2012Kolumnen