Keine Selbstverständlichkeiten

Rezensionen

Keine Selbstverständlichkeiten

Fotos: Uwe Witzel

Nein, selbstverständlich war das alles nicht. Drei ausverkaufte Konzerttermine im Konzertsaal der Musikhochschule, der in Dresden momentan wohl die beste Akustik für Sinfonisches bietet. Darin das Junge Sinfonieorchester des Sächsischen Landesgymnasiums sowie das Sinfonieorchester der Hochschule in gut gewählter Abfolge von Mozart zu Mahler. Und am Pult stand bei beiden Klangkörpern mit Vladimir Jurowski einer der namhaftesten Alumni dieser Lehrstätte. Er scheute sich nicht, genau zwanzig Jahre nach seinem ersten Probedirigat (damals noch im alten Haus am Wettiner Platz) die Nach-Nachfolger seiner einstigen Kommilitonen gründlich in die recht schwere Literatur einzuweisen, mit ihnen an Details zu feilen und sie mit den musikalisch-inhaltlichen Dimensionen des Programms vertraut zu machen, um den großen Atem zu erzielen, der sowohl für Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 467 als auch für die beiden Mahler-Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ und dessen 4. Sinfonie G-Dur unerlässlich ist.

Es war erstaunlich, also ebenfalls keine Selbstverständlichkeit, mit welcher Luminiszenz die Gymnasiasten den durchaus komplexen Mozart herausgeputzt hatten. Die Themenabfolgen und Brüche im Werk, dessen durchaus nicht nur C-Dur-leichter Grundcharakter, die mitunter auch widersprüchliche Kongruenz von Soloinstrument und sinfonisch selbstständigem Apparat – all das hielt Jurowski mit eindrucksvoller Beweglichkeit in Balance und legte dem 1993 geborenen Solisten Ngoc Duc Vu einen bestens grundierten Klangteppich. Der schritt darauf virtuos kunstvoll aus und hat künftig denkbare Interpretationswege immerhin schon einmal anzudeuten gewusst.

Deutete mögliche Interpretationswege wenigstens an: Ngoc Duc Vu

Der zweite Konzertteil war Gustav Mahler gewidmet. Erst dessen „Wunderhorn“-Lieder „Das irdische Leben“ und „Das himmlische Leben“ von 1892 bzw. 1901, dann die im selbem Jahr 1901 vollendete Sinfonie Nr. 4 G-Dur für Sopran und Orchester. Wieviel Leid, Schmerz, Lüge und Hoffnung steckt in den beiden Liedern, wieviel seelenvoll zitatenträchtigen Tiefgang hat der Komponist in diese „Wunderhorn“-Sinfonie gepackt! Vladimir Jurowski weiß sehr wohl, dass die jungen Musikerinnen und Musiker des Hochschulorchesters mit den tatsächlichen Dimensionen dieses einerseits zwischen Tod und Trauer, andererseits zwischen Liebe und Liebesleid zerrissenen Stundenwerks noch nicht so recht etwas anzufangen wussten. Als gefragter Gastdirigent namhafter Orchester und Music Director von Glyndebourne Festival sowie Principal Conductor des London Philharmonic Orchestra ist ihm aber auch nur zu gut bekannt, dass sich Orchestermusiker in der Regel während ihres Berufsalltags gar nicht mehr auf derlei Hinweise einlassen werden. Also setzte er auf offene Ohren des so auch kenntnisreich gut präparierten Orchesters und erzielte am Freitag ein eindrucksvolles Resultat mit einigen Ecken und Kanten.

Erstaunlich, wie sehr die Ausdruckstiefe im Konzert am Sonntag noch zunahm, wie einige wohl dem Lampenfieber geschuldete Blessuren ausgebügelt werden konnten. Jurowski, wiewohl in jedem Moment wachsamer Herr der Lage, nahm sich zurück, konnte sich mit einer Andeutung hier und einem Wink dort aufs Gestalten konzentrieren, das die Binnendramatik dieser nicht nur von Text her, sondern auch aus der Musik sprechenden Werke grandios entfalten half. Satter, samtig schillernder Streicherklang, ein harmoniesüchtiges Holz, aus dem die dissonanten Soli umso betörender hervorbrachen, kultiviert diszipliniertes Blech und über ein weites Spektrum vom Schellen bis Pauken ein wohldosierendes Schlagwerk – Kenner werten offenbar völlig zu Recht, dass Dresdens Hochschulorchester neben dem Leipziger das beste der Republik sei. In der Tat wünscht man diesem Klangkörper gern ähnliche Sternstunden, wie sie hier emotional packend unter Vladimir Jurowski gelangen.

Wenn auch die Textverständlichkeit sowohl im „Irdischen“ als auch im „Himmlischen Leben“ und in der Sinfonie eingeschränkt blieb, die vokale Präsenz von Rebekka Gruber und Jihye Son (Sopran) sowie von Elisabeth Auerbach und Su Yeon Hilbert (Mezzosopran) war beachtlich. Stimmliche Reife und Ausdrucksvermögen hielten sich wohltuend die Waage. Viel Jubel im Saal!

09.01.2012Rezensionen