Musik im Film ist keine Filmmusik: „Wyssozki – Danke für mein Leben“

Rezensionen

Musik im Film ist keine Filmmusik: „Wyssozki – Danke für mein Leben“

Mit einem alten Mercedes durch Moskau preschen, mit mehreren Wolgas durch die Wüstenlandschaft Usbekistans düsen, spektakuläre Starts und Landungen altehrwürdiger Aeroflot-Maschinen erleben, obendrein Liebe, Leidenschaft, Rausch und Politintrige – was will man mehr von einem Film? 

Käme der Film aus den Instant-Fabriken von Hollywood, würde wahrscheinlich kaum jemand mehr erwarten als Action und all die genannten Ingredienzen. Hier aber reden wir von einer Produktion aus dem heutigen Russland. In dieser „lupenreinen Demokratie“, wie ein völlig zu Recht vergessener VW-Lenker das Land mal bezeichnete, herrscht noch immer ein einstiger KGB-Spitzel über Gedeih und Verderb. Deutsche, auch Dresdner „Honoratioren“, lagen diesem Spießbürger noch vor kurzem zu Füßen wie einst Diederich Heßling.

Figuren seiner Firma ist ein Mann wie Wladimir Wyssozki stets ein Dorn im Auge der Partei gewesen. Heutzutage hätte er gewiss noch die orthodoxe Kirche an seiner Seite im Kampf gegen den Künstler-Querulanten. Doch der russische Liedermacher, Poet und Sänger bewies zu Lebzeiten erstaunliches Rückgrat. Verheiratet mit der Französin Marina Vlady – schon das ein Affront gegen die Sowjets! –, begabt mit einem feinen Sensorium für die Widersprüche im besten aller Systeme, obendrein besessen von der Wirkungskraft der Kunst – und benebelt durch die Macht der Drogen! – empfand er sich als unangreifbar. Dabei hatte er die ganze Macht der KGB-Apparatschiks im Nacken!
All diese verworrene Widersprüchlichkeit fängt nun ein Film ein, den Regisseur Piotr Buslow nach dem Buch vom Sänger-Sohn Nikita Wyssozki gedreht hat. Seit Anfang Dezember ist der gut zweistündige Streifen in den deutschen Kinos, in Dresden läuft er im Programmkino Ost.

Hingehen lohnt sich. Nicht weil viel Wyssozki zu hören wäre, der läuft original nur im Abspann, sondern weil ein Zeit- und Musikbild aus einer zum Glück überwundenen Epoche entstanden ist, das zu den Ausnahmekunstwerken der Leinwand gezählt werden darf. Ja, es gibt Momente, in denen beim Zuschauen der Atem stockt. Es gibt Szenen, in denen man aufschreien will! Die Willkür der dümmlichen Despoten, die Dreistigkeit ihrer erpressbaren Helfershelfer – und dann der Mut, die Kraft dieses Ausnahmetalents!

Es sind nur wenige Tage, die sich so oder so ähnlich genau ein Jahr vor seinem allzu frühen Tod 1980 abgespielt haben dürften, wie sie im Film eingefangen worden sind. Aber sie reflektieren den nie jemals endenden Widerspruch aus individueller Kreativität und verordnetem Anpassungsgeist. Fantastische Akteure – Andrej Smoljakow als schier lebensecht (teuer!) maskierter Wyssozki, Oksana Akinshina als wunderschöne und grandios sich aufopfernde Freundin, nicht zuletzt aber auch Andrej Panin, dessen alles abhörende Spitzelei eine Wandlung bewirkt, die tatsächlich an „Das Leben der anderen“ erinnert.
 

„Wyssozki – Danke für mein Leben“ läuft im Programmkino Ost

16.12.2011Rezensionen