„Ein lang gehegter Wunschtraum“

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„Ein lang gehegter Wunschtraum“

Lange stand das an sich so populäre »Weihnachtsoratorium« von Johann Sebastian Bach nicht mehr auf den Programmen der Sächsischen Staatskapelle Dresden. 1986 dirigierte Peter Schreier das Werk im Rahmen seiner Gesamteinspielung der großen Sakralwerke Bachs in einer prominent besetzten Schallplattenaufnahme in der Dresdner Lukaskirche. Seitdem tauchte es jedoch in seiner Gänze in den Kapellprogrammen nicht mehr auf. Gleichwohl ist das vielleicht bekannteste Werk des Leipziger Thomaskantors auch den Kapellmusikern bestens vertraut. In der Vorweihnachtszeit spielen sie es seit Jahrzehnten regelmäßig in den verschiedensten Formationen – allein in Dresden ist das »Weihnachtsoratorium« in den Wochen vor Weihnachten in rund einem Dutzend verschiedener Interpretationen zu erleben; in ganz Sachsen erklingt es gar in über sechzig Lesarten (die Deutsche Presseagentur hat nachgezählt).  

Stilistisches Neuland für Christian Thielemann (Foto: Matthias Creutziger)

Besondere Aufmerksamkeit dürfte das Werk in diesem Jahr erhalten, wenn Christian Thielemann es jetzt – zum ersten Mal überhaupt – in zwei Zyklen in der Dresdner Frauenkirche dirigiert. Thielemann erfüllt sich damit, noch vor seinem Antritt als neuer Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle im September 2012, einen lang gehegten Wunschtraum: Schon immer wollte er dieses Werk dirigieren, nun habe er hier in Dresden die idealen Bedingungen dafür gefunden.

Abseits der gewohnten Pfade

Thielemann und Bach – diese Kombination dürfte viele überraschen, die den Dirigenten eher als Wagner- und Straussdirigenten kennen. Doch Thielemann hat bereits bei seinen letzten Auftritten am Pult der Staatskapelle mehrfach für Überraschungen gesorgt: als er zum Beispiel im Silvesterkonzert 2010 Höhepunkte aus Lehárs »Lustiger Witwe« dirigierte, oder in einem Liszt-Sonderkonzert zu dessen diesjährigem Jubiläum die »Faust-Symphonie« für sich entdeckte. Außerdem mit in Dresden uraufgeführten Raritäten von Wagner, Reger und Pfitzner. Und das »Nocturne symphonique« von Ferruccio Busoni dirigierte Thielemann im 1. Symphoniekonzert der laufenden Saison gleich zweimal hintereinander – zum besseren Kennenlernen.

Mit dem barocken Repertoire betritt er allerdings nun auch stilistisches Neuland. Wobei sich der Dirigent schon seit längerem für die Entwicklungen im Bereich der Alten Musik und ihre Protagonisten interessierte. »Ich habe enorm viel gelernt von den Kollegen, die der historischen Aufführungspraxis huldigen«, ist in einem 2003 gerausgegeben Portrait zu lesen. »Sie haben mir beigebracht, meine Ohren zu spitzen und auch einmal Dinge zu überdenken, die mir lieb geworden sind.« Harnoncourt und Gardiner schätze er außerordentlich, er verdanke ihnen viel. »Aber auch Reinhard Goebel, den ich unglaublich faszinierend finde, weil ich bei ihm Sachen entdecken konnte, auf die ich selbst gar nicht gekommen wäre. Das gebe ich gerne zu.«

Nach dem ZDF-Adventskonzert, in dem Thielemann Ende November bereits Werke von Bach, Telemann, Vivaldi und Johann David Heinichen dirigierte, setzt er sich nun erstmals mit einem sakralen Großwerk aus dieser Epoche auseinander. Schon jetzt hat es ihm auch die barocke Tradition Dresdens und der Staatskapelle angetan, so dass in Zukunft in dieser Hinsicht noch weitere Auseinandersetzungen folgen dürften. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man Thielemann von der barocken Dresdner Hofkapelle schwärmen hört: »Der Ruhm der sächsisch-polnischen Hofkapelle des 18. Jahrhunderts stand dem der heutigen Staatskapelle in nichts nach. Das muss man sich immer vor Augen führen. Wenn man sich die reichhaltigen Bestände und Handschriften in der SLUB ansieht, ist man erstaunt, welche Schätze dort noch schlummern. Das ist musikalisches Weltkulturerbe!«

Bei den insgesamt vier Konzerten in der Dresdner Frauenkirche (Kantaten I-III am 8. und 9. Dezember, Kantaten IV-VI am 15. und 16. Dezember, jeweils 20 Uhr) steht Thielemann mit Sibylla Rubens, Christa Mayer, Daniel Behle und Florian Boesch bzw. Hanno Müller-Brachmann ein exquisites Solistenensemble zur Verfügung. Außerdem wirkt der Kammerchor der Frauenkirche in der Einstudierung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert mit, der um Gäste des MDR Rundfunkchors Leipzig verstärkt wird.

WO I-III
Donnerstag, 8. Dezember 2011, 20 Uhr
Freitag, 9. Dezember 2011, 20 Uhr
Frauenkirche Dresden

WO IV-VI
Donnerstag, 15. Dezember 2011, 20 Uhr
Freitag, 16. Dezember 2011, 20 Uhr
Frauenkirche Dresden

07.12.2011Allgemein