„Das Konzert ist die Stunde der Wahrheit“

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„Das Konzert ist die Stunde der Wahrheit“

Klaus Doldinger, wenn von Ihrer Musik die Rede ist, kommen meist Schlagworte wie „Tatort“ und „Das Boot“ im selben Atemzug. Nervt Sie das?

Ach was. Bei amerikanischen Musikern ist es zeitlebens so üblich, dass sie in ihren Konzerten das spielen, was die Leute von ihnen kennen. Es wäre doch albern, wenn mich das nerven würde. Im Gegenteil, ich sehe es als ein Glück! Ich bin froh, dass es viele Stücke von mir gibt, die weit über den Jazz hinaus bekannt sind und ein breites Publikum gefunden haben.

"Dass wir zu siebt auf die Bühne kommen, ist schon ein Luxus." (Foto: PR)

Es gibt nur wenige, die über den gesamten Lebenslauf von sich behaupten können, immer wieder was Neues gemacht zu haben. Mein Jazzwerk umfasst etwa 400 Stücke, die ich für mein Quartett und für Passport geschrieben habe. Der gesamte Erfolg dieser 40 Jahre Passport kam doch daher, dass wir immer wieder mit neuen Alben kamen, manchmal jedes Jahr eins. Inzwischen lass ich mir mehr Zeit. Es war mir aber stets wichtig, bei neuen Arbeiten zu überlegen, was brauchen wir noch, um für mehr Abwechslung zu sorgen.

Das ist bis heute so, auch bei den jüngsten CD-Produktionen von 2011. Im „Symphonic Project“ haben wir mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz zusammengearbeitet, Open Air, und auch „Inner Blue“ ging weit über das normale Passport-Programm hinaus, ein Riesenspaß.

Welche Beziehung haben Sie denn zum Ost-Jazz, insbesondere zum Jazz in und aus Sachsen?

Ich will mich da nicht mit falschen Federn schmücken und den Experten markieren. Aber ich weiß, dass es im Osten Deutschlands schon immer hervorragende Musiker gab, nicht nur im Jazz. Dafür wären wahrscheinlich viele Gründe zu nennen, mich hat das immer beeindruckt.

Ich hatte ja auch schon lange vor dem Mauerfall eine Tournee durch die DDR unternommen, die uns nach Ostberlin, Dresden und Zwickau führte, woraus dann dieses Amiga-Album wurde. Die Begeisterungsfähigkeit des Publikums ging mir damals sehr ans Herz, das habe ich nie vergessen. Befremdlich war nur, dass es für die echten Fans eher schwierig war, zu den Konzerten reinzukommen.

Sie haben eine Menge an Jazzentwicklung – von Dixieland bis hin zu Rockjazz – mit vollzogen, welche Stile und Musiker haben Sie am meisten inspiriert?

Das ist sogar etwas eng gesehen, denn ich habe ja eine klassische Pianisten-Ausbildung am Robert-Schumann-Konservatorium Düsseldorf absolviert. Dixieland hat sich aus dem großen Bedürfnis ergeben, miteinander zu musizieren. Angefangen mit „Feedwarmers“ 1952, in dieser Band entstand meine erste Aufnahme.

Geprägt hat mich damals alles, was gut war: Die ganze New-Orleans-Musik, Sidney Bechet, Louis Armstrong … Da kam dann mehr und mehr moderner Jazz hinzu , was zu meinen heutigen Vorlieben geführt hat. Also eine ganz normale Entwicklung, gewiss weniger intellektuell als etwa im Cool Jazz mit Zwölfton-Experimenten. Mir sind Blues und Traditional Jazz im Herzen geblieben, die Basis für Passport. Unsere Kraft schöpfen wir aus den Live-Auftritten, das ist die Stunde der Wahrheit. Es ist ja auch kein Geheimnis, dass unsere Platten alle auf Konzerten basieren und diesen Live-Touch haben, den man bei Studioaufnahmen oft vermisst.

Als Sie zur Welt kamen, war Jazz in Deutschland verboten. Wie ist ausgerechnet Oscar Peterson eines Ihrer frühesten Idole geworden?

Da war viel Glück mit im Spiel. Als zu Kriegsende die Amerikaner bei uns einrückten, eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Die GI’s mit ihren Combos und den tollen Schallplatten, die sie später mitbrachten, konfrontierten mich zum ersten Mal mit Schwarzer Musik – für meine neun Jahre damals waren das große Erlebnisse. In den 50er Jahren habe ich dann auf Soldatensendern wie AFN und BFN erstmals Oscar Petersen gehört – unvergesslich! Wirklich ein großes Glück, ihn so früh wahrnehmen zu können. Die erste persönliche Begegnung dann – unbeschreiblich!

Inzwischen geben Sie seit mehr als 55 Jahren den Ton an, Passport tourt seit 40 Jahren – woher diese Energie?

Keine Ahnung. Die Gene? Eine Lebensweise, die nicht in den Drogensumpf geführt hat? Wichtig war sicher immer die Liebe zu meiner Familie und zur Musik. Und das Glück, zur richtigen Zeit die rechten Leute getroffen zu haben. Mir wurde nie etwas aufgezwungen, ich bin absoluter Freiberufler und hatte nur Spaß an dem, was ich tue.

Sagen Sie ein Wort zur Bigband-Entwicklung in Deutschland?

Das kann ich nicht recht beurteilen, die hängen ja im Wesentlichen am Tropf der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Wobei es ein enormes Glück ist, dass es das gibt! Denken Sie nur an die Bigbands von NDR und WDR.
Ansonsten sind Bigbands im Jazz heute nicht das Entscheidende. Ich beobachte viele Musiker, die wieder zu kleinen Formen finden, Branford Marsalis zum Beispiel arbeitet jetzt im Duo. Dass wir mit Passport zu siebt auf die Bühne kommen, ist schon ein Luxus.

Die Landschaft der Jazz-Festivals hierzulande ist kaum überschaubar, zumal der Hang zum Crossover manche Stringenz aufweicht. Eine Gefahr der Verwässerung?

Das muss man nicht so absolut sehen. Die Tatsache, dass es Leute gibt, die Verantwortung übernehmen und so etwas durchziehen, ist doch nur positiv. Was würde geschehen, wenn es solche Macher nicht mehr gäbe oder wenn das Publikum noch weniger Geld zur Verfügung hätte? Das wäre ein kultureller Abstieg!

Dass Veranstalter ihre speziellen Vorlieben ausleben, liegt auf der Hand. Ich freue mich über solche Initiativen. In Dresden gibt es doch auch das Dixieland-Festival, das muss man respektieren. Ich habe zum Beispiel auch Jazz auf Kreuzfahrtschiffen gespielt, ein ganz großes Vergnügen! Da trifft man eine Menge Musikerkollegen, Jung und Alt, wobei sich bewährt, was man im traditionellen Jazz drauf hat und einfach mal spontan miteinander musizieren kann. Hier zeigt sich, wie überlebensfähig Jazz ist. Denn es gibt immer wieder Menschen, die abseits von stilistischen Überlegungen Freude an improvisierter Musik und am gemeinsamen Spiel haben.

Der entscheidende Punkt ist doch, dass überhaupt etwas passiert. Dass Menschen zusammenkommen, die Musik lieben. Alles andere ist Krampf. Nichts ist schlimmer als das Publikum zu langweilen. Das ist überhaupt meine wichtigste Botschaft, die Leute auch zu unterhalten. Ihnen nichts aufdrängen, keine falsche Strategie – Musik muss vom Herzen kommen.

Wie steht es aus Ihrer Sicht um den Nachwuchs des Jazz?

Da gibt es bei uns eine aus meiner Sicht sehr interessante Entwicklung: Jazz war in Deutschland einst verpönt und kann jetzt studiert werden. Ich begrüße das sehr, dass viele Kollegen von mir ihr Leben ausweiten, indem sie als unterwegs sind. Man muss sich allerdings Gedanken machen, was aus all den gut ausgebildeten jungen Leuten mal werden soll? Das ist ein schwieriger Punkt.

Zum Passport-Start hatten Sie einen jungen Schlagzeuger namens Udo Lindenberg in der Band. Aus dem ist durchaus was geworden. Haben Sie noch Kontakt?

Wir sind sehr befreundet, telefonieren und sehen uns oft. Bei meinem halbrunden Geburtstag war er natürlich auch mit dabei. Und ich habe kürzlich in Berlin sein Musical „Hinterm Horizont“ gesehen, das war sehr schön, all dieser Musik nochmal zu begegnen.

Dieser Ort Potsdamer Platz hat für mich übrigens eine große Bedeutung. Das war ja Niemandsland, direkt hinter der Mauer. Dort stand nur ein altes, ruinöses Hotel, in dem ich einige meiner frühen Platten aufgenommen habe. Dass dieser Kaisersaal heute im Sony Center integriert ist, lässt mein Herz jedes Mal höherschlagen.

Ihr nächstes Konzert in Sachsen findet am 2. September im Theater Meißen statt. Was darf das Publikum dort erwarten?

Da wird es Stücke aus dem neuesten Album geben. Und natürlich werden wir auch die Klassiker aufführen. „Tatort“, „Das Boot“ und „Ataraxia“ dürfen in einem solchen Konzert einfach nicht fehlen.

30.08.2011Interviews