Schostakowitsch im Zelt

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Schostakowitsch im Zelt

Internationale Schostakowitsch Tage in Gohrisch – den Auftakt gab es 2010 in einer Scheune. Zum September 2011 wird ein Konzertzelt errichtet, findet sich ein Schostakowitsch Festival-Quartett und steht einmal mehr das 1960 von Dmitri Schostakowitsch in Gohrisch geschriebene Streichquartett Nr. 8 in c-Moll auf dem Programm. Das einzige Werk, das der Komponist nicht in seiner Heimat komponiert hat.

Für eine Filmmusik ist er nach Deutschland gekommen. „Fünf Tage – fünf Nächte“ sollte in und um Dresden gedreht werden, Dmitri Schostakowitsch war als Komponist für diese Koproduktion von Defa und Mosfilm gewählt worden. Ein Propagandastreifen um die Rettung der Dresdner Kunstschätze, verbunden mit revolutionärer „Aufklärung“ und einer Liebesgeschichte. Schostakowitsch sah die geschundene Stadt, muss angesichts der Ruinen von Dresden ganz gewiss an sein zerstörtes Leningrad gedacht haben. Während seines Aufenthalts im Juli 1960 wohnte er freilich im Kurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz. Dort hatte sich der Ministerrat der DDR kurz zuvor ein neues Gästehaus errichten lassen. In dessen Park soll der Künstler an einem kleinen Teich unter Birken gesessen haben – doch er schrieb nicht an der Filmmusik, sondern an einem höchst biografisch geprägten Stück Kammermusik, dem Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110.

Wieder und wieder schmettern darin D-Es-C-H-Folgen als verräterisch biografische Schostakowitsch-Initialen über die Saiten, wieder und wieder schildert der 1906 in St. Petersburg geborene Komponist seine persönlichen Ängste und Sorgen in dieser Musik. Das Klopfen der Stalin-Schergen, es muss ihn oft schlaflos gemacht haben. Und dann kommt dieser Mann, der die deutsche Belagerung von Leningrad miterlebt hat – fast 900 Tage und Nächte, die wahrscheinlich weit mehr als eine Million Menschen das Leben kosteten – in die Ruinenstadt Dresden. Was mag er gedacht, welche Erinnerungen empfunden haben? Am ehesten ausdeutbar wird dies in seiner hier entstandenen Komposition. Nur zu begreiflich, dass ihm nach Filmmusik nicht der Sinn stand.

An diesem Teich in damals typischer Nierenform entstand eines der wohl biografischsten Streichquartette der musikalischen Weltliteratur (Foto. M.E.)

Es ist dem Engagement einer kleinen Handvoll von Menschen zu danken, dass an diesen Aufenthalt und die sächsische Entstehungsgeschichte von Schostakowitschs 8. Streichquartett wieder gebührend erinnert wird. Bereits im Vorjahr machten sie es möglich, den ersten deutschen Schostakowitsch-Platz zu weihen. Seitdem steht eine Büste des Komponisten inmitten des hübschen Ortes. Unermüdlich suchten die Initiatoren nach Mitstreitern und Unterstützung, in rekordverdächtig kurzer Zeit gelang es ihnen die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch zu etablieren. Im Spätsommer 2010 zog dieses Festival namhafte Künstler und ein interessiertes Publikum an, sorgte zudem für mediale Begleitung.

Auf diesem Erfolg soll nun aufgebaut werden. Tobias Niederschlag, der künstlerische Leiter der Schostakowitsch-Tage, dem es voriges Jahr sogar gelungen ist, Irinia, die Witwe des Komponisten nach Gohrisch zu holen, hat gemeinsam mit dem Verein „Schostakowitsch in Gohrisch e.V.“ ein neues Programm konzipiert, das sich hinter dem brillanten Auftakt nicht verstecken muss. Erneut werden Musikerinnen und Musiker der Sächsischen Staatskapelle in einem Außerordentlichen Aufführungsabend und zwei Außerordentlichen Kammerabenden zu den wichtigsten Protagonisten zählen. Erstmals ist die neue Capell-Compositrice des Traditionsorchesters, die aus Russland stammende und in den USA lebende Komponistin Lera Auerbach mit dabei und übernimmt sowohl den Eröffnungsvortrag als auch zwei Programmpunkte mit eigenen Werken.

Darüber hinaus ist ausschließlich Musik von Dmitri Schostakowitsch zu hören, so als Deutsche Erstaufführung die von seinem einstigen Weggefährten Rudolf Barschai nach dem 1. Streichquartett orchestrierte Kammersinfonie op. 49a, aber auch das Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester c-Moll op. 35 und die 9. Sinfonie Es-Dur op. 70. Die musikalische Leitung dieser Werke übernimmt der bereits im vergangenen Jahr kurzfristig eingesprungene Dirigent Michail Jurowski, der in seiner frühen Jugend Schostakowitsch wiederholt persönlich begegnet ist.

Ein eigens gegründetes Festival-Quartett, das den Namen Schostakowitschs trägt und zu dem die Violinisten Kai Vogler und Korbinian Altenberger, der Bratscher Nimrod Guez sowie der Cellist Isang Enders zählen, interpretiert unter anderem das in Gohrisch entstandene 8. Streichquartett, das den Anlass zu diesem Festival gab und künftig aus keinem seiner Programme wegzudenken sein sollte. In einer gemeinsamen Matinee mit dem Pianisten Igor Levit liest der Schauspieler Christian Friedel aus dem Briefwechsel zwischen Isaak Glikman und Dmitri Schostakowitsch. In einer Fassung für Klavier, Violine, Cello und Schlagzeug wird zudem die 15. Sinfonie des 1975 in Moskau gestorbenen Komponisten zu hören sein. Alle Konzerte und Veranstaltungen werden diesmal nicht in der 2010 eigens hergerichteten Konzertscheune, sondern in einem exklusiven Konzertzelt stattfinden. Dort wird dann auch Tony Palmers Film „Testimony“ vorgeführt, der 1987 auf der Basis von Schostakowitschs Memoiren entstand.

Bereits am 12. Juli, dem Jahrestag der Entstehung von Schostakowitschs 8. Streichquartett in Gohrisch, wird es um 19 Uhr im Gemeindesaal des Kurorts eine Informationsveranstaltung zum diesjährigen Festival geben, auf der auch Musik von Schostakowitsch erklingt (Eintritt frei).

2. Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch – 16.-18.9.2001
www.schostakowitsch-tage.de

06.07.2011Features