Veni, Sancte Spiritus

Rezensionen

Veni, Sancte Spiritus

Einmal im Jahr, zu Pfingstsonntag, sollte man die Mittagstafel pünktlich aufheben und von Dresden aus Richtung Rochlitz nach Wechselburg fahren. Dort in der aus rötlichem Rochlitzer Porphyr zwischen 1160 und 1180 erbauten Basilika und Pfarrkirche „Zum Heilig Kreuz“, einem der bedeutendsten romanischen Kirchenbauten östlich der Saale, findet seit nunmehr 30 Jahren regelmäßig ein Pfingst-Konzert der Capella Fidicinia statt. Diese Ensemble, zur Pflege der Musik des Mittelalters und der Renaissance am Leipziger Musikwissenschaftlichen Institut der Universität von Hans Grüß (1929-2001) gegründet, wird heute von Martin Krumbiegel geleitet, der als Sänger, dem Thomanerchor entstammend, und als Musikwissenschaftler teoria cum praxi der Alten Musik bestens vereint. So arbeitet das Ensemble mit dem Leipziger Oratorienchor zusammen und führte u. a. Bachs „Johannespassion“ in solistischer Besetzung entsprechend den Gepflogenheiten der Bachzeit auf.

Im Rahmen der jährlichen „Festtage der Musik des Mittelalters und der Renaissance“ erklangen am Pfingstsonnabend in Leipzig (immer unter lebhafter Beteiligung vieler Teilnehmer des Wave Gotik Treffens) und tags darauf in Wechselburg aus dem schier unerschöpflichen Repertoire der muscia sacra Pfingstmusiken des 12. bis 16. Jahrhunderts. Das modernste Werk stammt von Orlando di Lasso aus dem 16. Jahrhundert. Der Bogen spannt sich von den dreistimmigen Organa der Notre Dame-Epoche um 1200, von Perotin, über Motetten und Messen der Niederländischen Schule von Gilles Binchois, Pierre de la Rue, bis zu deutscher Orgel- und Motettenkunst aus der Lutherzeit, von Balthasar Resignarius. Es versteht sich von selbst, dass vor jedem mehrstimmigen Werk der jeweilige einstimmige gregorianische Hymnus gesetzt ist, wie es seit Jahrhunderten in den Kirchen Brauch ist.

Die Capella Fidicinia tritt immer in kleiner flexibler Besetzung der Vokalisten auf, im Doppelquartett mit Friederike Urban und Christine Wiese, Diskant, Susanne Krumbiegel und Holger Gläser, Altus, Tobias Hunger und Thomas Fröb, Tenor, Jörg Hempel sowie Andreas Sommerfeld, Bass und mit den Instrumentalisten Friedrike Otto, Zink, Manfred Heft, Posaune, Gabriele Wadewitz, Truhenorgel. Stefan Altner spielt an der Orgel der Basilika sogenannte kolorierte Sätze geistlicher Hymnen, also spezielle Bearbeitungen für die Orgel aus dem 15. Jahrhundert, hier von Hans Buchner.

Wenngleich der Prior der Benediktiner aus Kloster Ettal, die die Basilika und das Kloster führen, darauf verweist, dass die Musik nicht ganz deckungsgleich sei mit der Entstehungszeit der Kirche, so kann man sich doch des besonderen Klangreizes der Anrufung des pfingstlichen Geistes in diesem Raum nicht entziehen. Trotz der wenigen Ausführenden war die Basilika voll erfüllt von den Klängen, und an manchen Stellen wäre auch etwas Zurückhaltung in der Lautstärke möglich gewesen. Die treue Hörergemeinde dankte wie jedes Jahr bewegt der Capella Fidicinia für dieses Pfingsterlebnis.

20.06.2011Rezensionen