Dem Krokodil die Sporen

Rezensionen

Dem Krokodil die Sporen

Nein, das ist nicht Thibaudets rechte Hand. Für das "Ägyptische Konzert" waren schnellere Finger nötig (Foto: tagstiles.com | photocase.de)

Zwischen den Zeilen zu lesen galt es früher, wollte man künstlerische Kernaussagen eines Abends erhaschen. Solcherart geübte Dresdner hatten keine Mühe, die Programmierung des Abschiedskonzerts von Rafael Frühbeck de Burgos als Chef der Philharmonie richtig zu deuten. Eine majestätisch ausgeschrittene Beethoven-Sinfonie – und nur allein sie – bildete den ersten Teil. Mit einem hochkarätigen Gast begann der zweite: Jean-Yves Thibaudet pfefferte in Camille Saint-Saëns‘ "Ägyptischem" Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 virtuos durch die Skalen. Thibaudet ließ die orientalischen Klänge bittersüß perlen und gab dem Steinway-Krokodil die blitzenden Sporen, dass die gläsernen Schallwände zitterten, und der Herzschlag mit einer Chopin-Nocturne beruhigt werden musste, bevor das Konzert fortgesetzt werden konnte – und dann, ausgerechnet, mit einer Ouvertüre endete. Eine augenzwinkernde Einladung sicherlich an seinen Nachfolger Michael Sanderling; aber der Text des Hans Sachs ist es eben, der aus Frühbecks siebenjähriger Amtszeit nun für immer hallend nachklingt: "Verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst…"

Vermessen wäre es, Frühbecks künstlerische Errungenschaften in siebzig Zeilen zusammenfassen zu wollen. Der Dirigent selbst schätzte es als wichtiges Ergebnis seines Dresdner Wirkens ein, die Philharmonie durch Tourneen wieder fester im internationalen Musikmarkt verankert zu haben. Zuhause dagegen vermissten wohl viele Zuhörer eine mutigere konzeptionelle Handschrift, mit der das Orchester der mindestens medial übermächtigen Kapelle inhaltlich auf Augenhöhe Paroli hätte bieten können. Wohl grub das Orchester hie und da und mit Gewinn in abseitiger Literatur, aber eigentlich eher unter der Leitung von Gästen, die oft genug die interessanteren Klänge aus den Musikern herauskitzelten. Frühbecks Beiträge hießen zuletzt Beethoven, Strauss, Mahler – und, natürlich, immer wieder Brahms. Auswendig, minutiös bis ins Detail geputzt und ausmusiziert (was oft gesetztere Tempi zur Folge hatte), bot er den Abonnenten, was sie nun mal am liebsten hören, und das stets in exemplarischer, quasi zeitloser Ausdeutung, die bisweilen fast ans Unterrichten grenzte. Das dankten sie dem milde lächelnden Maestro am Samstag im ausverkauften Kulturpalast mit langen, stehenden Ovationen und einem Tränchen im Knopfloch.

Auch wenn die Internetseite der Philharmonie noch anderes vermeldet: die Musiker haben ihre ab heute geplante Asien-Tournee wegen sicherheitstechnischer Bedenken abgesagt. Sie sind deshalb in den nächsten Tagen noch zwei Mal mit Rafael Frühbeck de Burgos zu erleben: Am 24. Juni spielt das Orchester bei der Eröffnung der Filmnächte am Elbufer als Vorprogramm zum Zirkusfilm "Wasser für die Elefanten" um 21.30 Uhr. Und am 25. Juni spielt es Werke von Ludwig van Beethoven, Antonín Dvorák, Johann Strauß und Johannes Brahms auf dem Elbhangfest in Pillnitz (Bühne hinter dem Bergpalais).

Eine Textfassung des Artikels ist am 14. Juni in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

15.06.2011Rezensionen