So klingt wohl der Weltuntergang

Rezensionen

So klingt wohl der Weltuntergang

Beim samstäglichen Konzert des Rustiva Chors schien völlig klar, welchem der fünf Elemente des Festspieljahrgangs die Musik zuzuordnen war: rau-griffig dräuten die Quintklänge, erdig die Harmonien, wie Diamanten eingestreut die glitzernden Soli. Was hingegen Tags zuvor in der Frauenkirche erklang, war viel, viel schwerer zu fassen. Tan Duns Konzert für Pipa und Streichorchester flirrte zu Beginn noch zwischen neuweltlicher, ohrenbetäubender Vielstimmigkeit und anmutigen chinesischen Melodien, reich verziert und wie aus einer Vergangenheit herangeweht. Feurig klapperten die Kriegspferde dann heran, metallisch klirrten die Waffen, angstvoll-überdreht klangen die Schreie der Kämpfenden durch "Das historische Schlachtfeld", so der Titel der Zugabe, mit der der Pipa-Solist Yang Wei noch einmal rauschenden Beifall hervorrief. Fantastisch, wie das gesamte Orchester mit Feuereifer und einer augenscheinlich unbändigen Musizierlust dem Solisten die klingenden Stichworte gab!

Was das Alte Europa nachsetzte, hatte es beim Publikum schwerer. Wohl auch, weil das Hilliard Ensemble und insbesondere der Bariton Gordon Jones an diesem Abend nur schwer in die Gänge kamen, die Harmonien jeweils Einschwingphasen brauchten. So hingen die fast tausend Jahre alten Klänge von Josquin Desprez und Zeitgenossen matt und schwerfällig im nicht ausverkauften Kirchenschiff; unerreichbar fern schien auf einmal die Kuppel.

Der Bariton Gordon Jones (li.) war möglicherweise indisponiert? (Foto: PR)

Von dort oben blickte nach der Pause der Komponist Daniel Glaus auf die "Vier Enden der Welt". Die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter Christoph Poppen war dafür in vier größere Ensembles aufgespalten; weitere Solisten waren in der Kirche verteilt. August Zirner sprach die bunt aus allen Himmelsrichtungen zusammengewürfelten Texte ins Mikrofon. Vom Gilgamesch-Epos zu Friedrich Nietzsche, von Heraklit nach Becket reichten die Zeilen, und gipfelten in der bekannten Ezechiel-Beschreibung des Tieres mit den eisernen Zähnen und der Engel mit den dröhnenden Stimmen. Überreich prallten die musikalischen Ideen auf- und gegeneinander, rieben sich, und hätten allein für ein Konzert ausgereicht. So sorgte die zwischendrin gesungene Warnung "Schlaft nicht ein!" für Lacher im Publikum, und die ätherischen Schlusstöne (wiederum vom Hilliard Ensemble gesungen) mussten sich durchs in Dresden allwochenendlich übliche Feuerwerkswummern hindurchkämpfen.

Eine Textfassung des Artikels ist am 30. Mai in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

31.05.2011Rezensionen