Ein Weltstar von morgen sein

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Ein Weltstar von morgen sein

Ran Jia, seit einigen Jahren unterrichtet Sie der Pianist Gary Graffman, der auch Lang Lang, Yuja Wang oder Haochen Zhang zu seinen Schülern zählt. Wie haben Sie es zu ihm geschafft?

Mein Vater ist Komponist und Professor am Konservatorium in Schanghai. Als ich dreieinhalb Jahre war, ermutigte er mich, Klavier zu spielen. Er wollte, dass ich ein Gefühl für Musik bekomme, die Emotionen dahinter verstehe. Als ich neun war, zog meine Familie nach Schanghai. Auf einmal merkte ich: mein Gott, ich liebe dieses Instrument! Ich wollte dann professionelle Pianistin werden. Sechs Jahre besuchte ich das Konservatorium in Schanghai. Und dann entschied ich mich, ans Curtis Institut zu gehen.

Das klingt sehr einfach: "Ich entschied mich für Curtis…" Wie plant man einen solchen Schritt?

Einfach war es nicht, das stimmt. Ich konnte ja nicht mal Englisch. Aber ich suchte mir Kontaktdaten auf der Webseite heraus und schickte Graffman eine CD, die ich aufgenommen hatte. Er lud mich zur Aufnahmeprüfung ein, und dann wurde ich seine Schülerin.

Der "Lang Lang Effekt" – so nannte die amerikanische Today Show den Fakt, dass inzwischen 40 Millionen junger Chinesen Klavier lernen. Wie entscheidet sich eigentlich, wer von denen Karriere macht, und: empfinden Sie den Wettbewerb nicht als erdrückend?

Man muss Glück haben, glaube ich. Und natürlich hängt die Karriere davon ab, wie gut du bist. Ich empfinde das aber nicht als Bedrohung: Wenn du die Musik verstehst, wenn du sie magst, spielst du einfach. Dann denkst du nicht über den Wettbewerb nach. Natürlich gibt es tausende chinesische Eltern, die ihre Kinder gern als Musiker sehen. Aber viele wollen auch, dass ihre Sprößlinge ihre Gefühle trainieren, weil sie das im Leben voranbringt. Die streben keine Pianistenkarrieren an.

Sie treten in Dresden in der Reihe "Asiens Stars von morgen" auf. Können Sie mit der Bezeichnung etwas anfangen, sind solche Zuschreibungen wichtig?

Ich möchte nicht nur in Asien ein Star sein, sondern weltweit! Mein Traum ist, Franz Schuberts Sonaten aufzunehmen und im Konzert zu spielen. Ich fühle mich dieser Musik sehr verbunden.

Was für einen Chinesen sicherlich nicht selbstverständlich ist…

Durch meinen Vater war das einfacher. Ich hörte eine Menge CDs, und als ich noch sehr jung war, hielt er mich schon dazu an, bestimmte Werke zu analysieren, zu durchdringen. Natürlich: wenn man Schuberts Werke besser kennenlernen will, sollte man nach Deutschland kommen!

Mag es, im Land ihrer Lieblingskomponisten zu sein: Ran Jia (Foto: PR)

Dies ist ihr dritter Besuch in Deutschland?

Ja, nach den Ruhr Festspielen und den Festspielen in Mecklenburg-Vorpommern. Ich bin erst gestern angekommen, aber ich merke, ich mag Dresden. Gucken Sie doch nur, der Blick… Hofkirche, Semperoper… I really love that place! Ich mag es, der Welt meiner Lieblingskomponisten nahezusein.

Welchen Stellenwert hat europäische Kultur im China dieser Tage, abseits der großen Kulturevents?

Der generelle Trend ist, dass sich das Interesse verstärkt. Mehr und mehr Menschen hören diese Musik. Klar, wenn ein Orchester wie die Dresdner Staatskapelle nach Schanghai kommt, sind die Konzerttickets sehr, sehr teuer. Aber das bedeutet eben auch: die Menschen messen diesem Besuch eine hohe Bedeutung bei. Sie haben großen Respekt vor westlicher Musik, und werten das sehr hoch.

Treten Sie eigentlich noch bei Wettbewerben an?

Nein. Keine Wettbewerbe mehr. Im Augenblick möchte ich mich wirklich auf die Konzerte konzentrieren, die mein Management organisiert. Studenten spielen auf Wettbewerben, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, Manager zu finden. Ich habe nun einen, und kann mich auf mein Studium konzentrieren und darauf, meine Musikalität weiterzuentwickeln.

Wie läuft ihr Studium praktisch ab? Sind Sie eine dieser chinesischen Tigerstudenten, die jeden Tag konzentriert acht bis zehn Stunden am Instrument verbringen?

Ich habe aller zwei Wochen Unterricht, dafür kommt Graffman von New York nach Philadelphia. Und ich übe bei weitem nicht so viel wie andere chinesische Studenten. Acht Stunden sind wirklich zu viel. Ich denke lieber über Musik nach, höre Aufnahmen und konzentriere mich darauf, der Gedankenwelt des Stückes näherzukommen. Das wichtigste, was mir mein Lehrer beibrachte, ist dabei, wie man den Notentext richtig liest. Manchmal meinst du die Musik zu fühlen, aber du vernachlässigst den Notentext. Graffman sagt, dass man natürlich zuerst einmal herausfinden muss, was der Komponist tatsächlich von dir will, bevor du anfängst zu interpretieren.

31.05.2011Interviews