Heute: Tag gegen Lärm – warum denn nur heute?

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Heute: Tag gegen Lärm – warum denn nur heute?

Hörst Du, wie still es ist? Mein dreijähriger Sohn, Überraschungskind durch und durch, verblüffte mich mit dieser zum erhobenen Zeigefinder geflüsterten Frage. In der Tat, es war ziemlich still ringsum. Auffallend selten in unserer sonst doch so völlig verkrachten Gegenwart.

Leise ist Luxus. Wir denken viel zu selten darüber nach. Viel eher werden die Ohren auf Durchzug gestellt. Das beherrscht auch mein Jüngster, wenn ich ihm im Crescendo mit unliebsamen Themen wie Aufräumen, Naseputzen, Schlafengehen komme. 

Foto: maspi | photocase.de

Je lauter ich vaterhaft werde, umso weniger hört er. Eine logische Folge. Nur sein Blick kann (noch) nicht verschleiern, dass er längst alles kapiert. Vom kategorischen Imperativ versteht er glücklicherweise noch nichts. Im Zweifelsfall kann er sehr laut werden. Sehr, sehr laut!

Das ist für kindliches Verhalten völlig normal. Um sich Geltung zu verschaffen, muss notfalls alles andere übertönt werden. Wer Wand an Wand mit einer Kleinkindfamilie wohnt, stellt Fernseher und Radio eher lauter als aus. Wer neben volltönenden Rundfunkempfängern aufwächst, fängt irgendwann an zu schreien. Wer mit Schreihälsen diskutiert, … – wird selber einer? 

Wir könnten jetzt das Wort Toleranz in die Debatte einhauchen. Aber wo fängt Toleranz an, beim sonntäglichen Glockengeläut christlicher Kirchen, beim Lautsprecher-Muezzin im Wohngebiet oder beim ebenbürtigen Reklamegeschrei von Billigmärkten, Militärwerbern und Parteirechthabern? Irgendwen gibt es immer, der davon genervt ist. Nur kann leider nicht alles, was gen Hörnerv dringt, weggezappt werden (sonst würden die Menschen längst mit Fernbedienungen aufeinander losgehen – schöner Stoff für einen Thriller). Immerhin gibt es Bürgerbegehren für Nachtflugverbote und Umgehungsstraßen, gegen Autobahnen und Bombodrome; als Kompromiss kommt hie und da schon mal eine Lärmschutzwand zustande.

Die Industrie legt nach. Firmenintern sind zumeist Richtlinien erlassen, um Arbeiter und Angestellte vor gesundheitsschädlicher Geräuschimmission zu bewahren. In der Produktkette kommen dann aber doch magenwummernde Abgasanlagen mit stadtvierteldominierenden Auspufftöpfen im Kanonenrohrformat auf den Markt, Subwoofer, die aus dem Ford-Opel-Golf der Vorstadtjugend eine Allzweckwaffe wider guten Geschmack und Trommelfell zaubern, sowie einst öffentliche Räume, die privatwirtschaftlicher Dauerbeschallung ausgesetzt sind. Letzteres betrifft längst alle Besucher von Bahnhöfen, Flughäfen, Einkaufsmärkten …

Wir hören gar nicht mehr, was wir alles hören. Ab und an kann mal ein Auge zugedrückt werden, das gilt dann auch im übertragenen Sinn für die uns tagtäglich vergewaltigende Geräuschkulisse. Aber was den Sehnerv beleidigt (siehe oben: guter Geschmack!), kann in der Tat ignoriert werden. Bei Angriffen auf den Geruchssinn hält sich der Mensch tunlichst die Nase zu – nur sein Ohr kann er nicht vor dem lautstarken Dreck aus Äther und Atmosphäre verschließen.
Ja, es ist Umweltschmutz, Weltverschmutzung, was da rund um die Uhr auf unsere Gehörgänge prasselt. Man kann die fremden Lautstärken eine Zeitlang noch lauter übertönen, alternativ den Kopf in den Sand stecken, jeglichen Schalldruck also mittels Ohropax et cetera außen vor zu lassen versuchen. Entgehen wird man dem wachsenden Lärm jedoch nicht. Die Schallwellen beherrschen die Welt, führen zu Schlaflosigkeit, Nervosität und kontinuierlichem Crescendo. Das Marktgeschrei fördert den Tinnitus.

Manchmal stinkt es einen ganz gewaltig an, was man zu hören gezwungen ist. Gewalttätig, diese Orgien aufs Ohr. Sie sind Stressfaktor und gesundheitsschädlich. Wer sich zu wehren versucht, macht sich rasch lächerlich. Nur heute, heute am 27. April trifft man still und leise auf Gleichgesinnte. Es ist der Tag gegen Lärm. Man könnte mal aufhorchen. Merkst du, wie laut das ist? 

www.tag-gegen-laerm.de

27.04.2011Features