Lasst Waffen sprechen: »Die Großherzogin von Gerolstein«

Rezensionen

Lasst Waffen sprechen: »Die Großherzogin von Gerolstein«

Fünf Stunden soll die Uraufführung der "Grande-Duchesse de Gérolstein" 1867 in Paris gedauert haben; die "Wiener Fassung", nun fast auf den Tag genau 144 Jahre später an der Staatsoperette aufgeführt, ist immerhin zwei Stunden kürzer. Aber kaum stringenter: hin und wieder hat man das Gefühl, die Geschichte selbst, die eben noch auf der Stelle trippelte, gehe auf einmal mit den Bühnendarstellern durch. Der Baron Grog etwa, im dritten Akt als persönlicher Referent des Vaters von Prinz Paul aus der Schicksalskiste gezogen: er dreht die Handlung, er leitet die Schlussrunde an kleinen Bos- und Verliebtheiten, an Neid und Missgunst, an Schabernack und Schadenfreude unter den Bediensteten des Kleinstaats ein. Wo doch jeder Hollywooddrehbuchautor weiß: handlungswichtige Personen nie später als in der ersten Viertelstunde einführen – sonst wirkt’s gesucht!

Die finale Erkenntnis: "Wenn man nicht kriegen kann, was man liebt, muss man eben lieben, was man kriegen kann!" – wirkt so verwechselbar wie matt am Ende dieses Krawumm-Stücks. Gut vorstellbar, dass die Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy zuerst diesen Schlusspunkt erfanden, und dann das Stück darauf hinbogen. Was macht man nun als heutiger Regisseur mit so einer harmlosen Pointe?

Mit Lust in den sängerischen Burnout: Timothy Oliver (Fotos: Kai-Uwe Schulte-Bunert)

 

Michiel Dijkema lässt die Waffen sprechen. Wie ein Riesenbaby wirft er zu Anfang Militaria auf die kleine Leubener Bühne; ein Panzer mit Mittelstreckenrakete rattert herein, ein mit spaltbarem Material beladener Jeep rast an ihm vorbei und kommt an einem Pfeiler zum Stehen, schließlich stürzt die uniformhungrige Großherzogin selbst noch in einem Flugzeug vom Himmel. Im folgenden bleibt die Bühne relativ statisch: allenfalls der Raketenphallus wird noch von diesem oder jenem mechanisch zu verschiedensten Erektionsgraden gebracht. Der Verzicht auf ständiges Auf- und Abbauen, Wegdrehen und Abheben von Bühnenteilen ist wohltuend; wohl aber spielt sich im gegebenen Setting dann doch zu wenig ab. Zwischen monumental gestellten Schlachtbildern gehts munter vor, zurück, zur Seite, ran; aber auch hier vermisst man hin und wieder eine Stringenz der Personenführung.

Zum Wiehern, nicht mehr: Sabine Brohm

Die Premierenbesetzung am Freitag wußte nur an wenigen Stellen zu überzeugen. Timothy Oliver, am Samstag bereits wieder an der Semperoper verpflichtet, konnte dem Grenadier Fritz nur artigstes Texthersagen mitgeben; von musikalischer Gestaltung, ja von Stimme überhaupt sonst keine Spur (die Doppelbelastung an beiden Häusern scheint momentan übermächtig zu sein). Sabine Brohm machte immerhin aus ihrer leichten Kurzatmigkeit eine Tugend, und spielte die Großherzogin herrlich süffig. Ihre Bühnenerfahrung kam der Rolle bestens zugute und machte vieles glaubhaft, das im Textbuch als matte Marotte steht. Zu überdreht dagegen das junge Ding Wanda: als viriles Dummchen, das nur punktuell ein trotziges Donnerstimmchen hören lassen darf, ist sie angelegt; damit hat der Regisseur der Sängerin Stefanie Maier keinen Gefallen getan. Und leider hält auch Christian Grygas die krachende Transenfranzen-Parodie nicht lange genug durch, als dass man diesen "Baron Puck" in sein Herz schließen könnte.

Gib auf, Pointe, du bist umzingelt (Christian Grygas, Andreas Sauerzapf, Elmar Andree)

Irritierend und ärgerlich sind vor allem Abstimmungsprobleme zwischen dem in sich völlig stimmigen Orchesterapparat und dem Geschehen auf der Bühne. Da rauscht der Chor mit vollen Segeln davon, auch Timothy Oliver vergallopiert sich mehrmals – und Ernst Theis hat Mühe, das Ensemble mit großen Ruderbewegungen wieder auf Kurs zu bringen. Fehlte da Probenzeit, oder spielte die Aufregung den Solisten diesmal besonders mit? Lags nun daran oder an der Abwesenheit großer Massentänze: das Publikum blieb kühl, der Zwischenapplaus vertröpfelte. Ein gutes Bühnenbild macht noch keinen guten Abend, und gute Musik kann kein aus heutiger Sicht doch mittelmäßig verstaubtes Textbuch retten. Selbst wenn der Komponist Jaques Offenbach heißt.

13.04.2011Rezensionen