„Ich glaube an die Kunst“

Interviews

„Ich glaube an die Kunst“

Foto: Ludwig van Beethoven Association / Bartosz Koziak

Professor Penderecki, ist Ihre „Lukas-Passion“ nach 45 Jahren noch moderne Musik?

Krzysztof Penderecki: Unbedingt! Sie ist nicht nur die Synthese von meinen ersten zehn Schaffensjahren, sie ist in der Blütezeit der Avantgarde entstanden und äußert sich in einer fast allgemeinen Sprache, die später sehr viel von anderen benutzt worden ist. Viele Komponisten haben Elemente daraus abgeschrieben.
Ich freue mich, sie jetzt erstmals mit der Dresdner Philharmonie aufzuführen, nachdem ich sie vor über zwanzig Jahren schon mal mit einem Gastorchester hier vorstellen durfte.

Das Werk ist 1966 im Dom zu Münster uraufgeführt worden. Wie fügt sich die biblische Leidensgeschichte mit dem Ort des Westfälischen Friedens?

Ich lebte damals in Polen, wo geistliche Musik verboten war, habe mich aber widersetzt und schrieb erste Teile wie das Stabat Mater schon in den 50er Jahren. Auch, als dann der Auftrag des WDR kam, stand für mich Polens Millenium im Vordergrund. Und plötzlich war wegen des großen Erfolgs eine Aufführung in Krakau, nur vier Wochen nach Münster.
Mit dem Westfälischen Frieden hat das aber gar nichts zu tun, mir war der Ort aus akustischen Gründen wichtig. Die Passion ist für Kirchenakustik geschrieben, nicht für einen so trockenen Raum wie den Dresdner Kulturpalast. Aber ich denke, es wird auch hier gehen.

Wie sind Ihre Eindrücke nach den ersten Proben?

Die Philharmonie ist ein sehr gutes Orchester, deutsch diszipliniert, das ist wichtig. Solang noch ohne Chor und Solisten geprobt wird, ist es sehr schwer. Denn 80 Prozent der Musiker sitzen und warten.

Mit dem MDR-Chor proben Sie in Leipzig, wie halten Sie sich für den Dirigentenberuf eigentlich fit?

Das weiß ich auch nicht. Vielleicht sollte ich mehr zu Hause sitzen? Das könnte ich nicht. Ich will mit Orchestern arbeiten, um meine Musik so zu gestalten, wie ich es mir vorgestellt habe. In der Partitur, auch wenn sie ganz normal notiert ist, steht ja nur etwa 70 Prozent von allem. Da gebe ich den Dirigenten gewisse Freiheiten. Was man da wirklich rausholen kann, hat mit guter Chemie und Kontakt zum Orchester zu tun. Manchmal erreicht man das, aber nicht immer. Manche japanischen Orchester zum Beispiel sind zwar technisch perfekt, aber emotionslos.

In der Opernstadt Dresden hat es bis auf Harry Kupfers Inszenierung der „Teufel von Loudon“ 2002 kein Stück von Ihnen gegeben. Betrübt Sie das?

Ach, man will natürlich, dass die eigenen Werke gespielt werden. Aber es ist doch klar, dass nicht alle Opernhäuser meine Musik machen können. Die „Teufel“ wurden weltweit etwa 40mal inszeniert, das ist viel für Neue Musik. Leider konnte ich Kupfers Inszenierung damals nicht sehen.
Gerade schreibe ich eine Fassung dieser Oper für kleineres Orchester, um sie Häusern in Kopenhagen, Warschau, Vilnius und Wien anzupassen. Bei der Hamburger Uraufführung konnte ich dank Rolf Liebermann ja aus dem Vollen schöpfen, frei von Beschränkung. Jetzt bin ich mit Begeisterung dabei, zu meiner eigenen Musik zurückzukehren. In fast 50 Jahren hat mal ja eine Menge gelernt.

Welche sonstigen Pläne und Projekte beschäftigen Sie, was macht die 6. Sinfonie?

Ich schreibe viel Kammermusik, das ist mir gegenwärtig am nächsten. Gerade ist ein Stück in skurriler Besetzung herausgekommen, das ich als Duo concertante für die Geigerin Anne-Sophie Mutter und den Kontrabassisten Roman Patkoló geschrieben habe. Das 3. Streichquartett ist fertig, vor drei Tagen habe ich ein Solo-Stück für Cello beendet. Das macht mir viel Spaß.
Daneben gibt es die Oper „Phedra“, die 2014 in Wroclaw herauskommen soll, vielleicht auch eine Johannes-Passion? Inzwischen spüre ich aber die Angst, ob ich das schaffe – ein Gedanke, der mir früher fremd war. Doch ich finde, man muss an die Zukunft denken und nicht an das, was war. Und da beschäftigt mich tatsächlich die 6. Sinfonie, die lange liegt und – nachdem die 7. und 8. längst fertig sind – als „Elegie auf den sterbenden Wald“ entstehen soll.

Mehrere Ihrer Kompositionen sind direkt auf brisante Ereignisse bezogen, „Threnos“ galt den Opfern von Hiroshima, „Resurrection“ dem 11. September 2001, um zwei Beispiele zu nennen. Jetzt wird Japan von einer neuen Atomkatastrophe heimgesucht, diesmal hausgemacht, und Flugzeugterror scheint zum Alltag zu gehören. Denken Sie an neue Musik, wenn Sie solche Nachrichten hören?

Ich schreibe keine Chronik. Als ich jung war, habe ich oft sehr direkt reagiert. Sicher liegt das mit daran, dass ich in einer grausamen Zeit gelebt habe und schon mit fünf Jahren die ersten Toten auf der Straße liegen sah.
Wäre ich in Neuseeland geboren, würde ich gewiss andere Musik schreiben, vielleicht keine geistliche Musik. Doch man ist ein Zeuge seiner Zeit, auch wenn ich keine Ereignisse direkt in Musik beschreibe. Die ist eine vom Alltag reine Struktur, wäre allerdings ohne Emotion und Odem etwas Leeres.

In zwei Jahren werden Sie 80. Woraus konnten Sie in Ihrem an Grausamkeiten und Unrecht nicht eben armen Leben Kraft schöpfen?

Ich glaube an die Kunst. Früher war ich da sehr idealistisch. Da dachte ich noch, Musik würde die Welt besser machen. Obwohl ich das längst nicht mehr glaube, versuche ich es doch immer wieder. Die Themen meiner Musik sind so universell wie diese Passion. Auch mein Interesse für geistliche Musik war sehr idealistisch. Ich kann aber nicht sagen, wieso ich Komponist geworden bin und mein Bruder oder meine Schwester nicht. Eigentlich wollte ich Geiger werden, Virtuose, doch nachdem ich mit sechs Jahren mein erstes Stück schrieb, wurden es immer mehr.

26.03.2011Interviews