„Wir können nur hoffen“

Features ▪ Interviews

„Wir können nur hoffen“

Es gibt keinen Ort auf der Welt, der von den Ereignissen in Japan unberührt bleibt. Für Orte der Kunst gilt das in besonderer Weise, denn Kunst ist immer auch Anteilnehmen. Im Ballett der Dresdner Semperoper wirken sechs japanische Tänzerinnen mit. Auch in Chor, Staatskapelle und Werkstätten sind Japaner beschäftigt. Mögen sie in Dresden längst wie zu Hause sein, mit den Katastrophen von Erdbeben, Tsunami und Atomkraft-Kollaps ist ihnen die Heimat wieder sehr nahe.

Mari Kawanishi, erst seit Beginn dieser Spielzeit als Elevin engagiert, fühlt sich hilflos und frustriert, wenn sie an die Familie in Tokio denkt: „Wir sehen hier nur die Bilder. Aber am Telefon erfahre ich etwas vom wirklichen Chaos. Da geht es um Lebensmittel, um Wasser und Strom.“

Mit diesem Wissen im Kopf fügen sich die Künstlerinnen aus Japan dennoch in den Company-Alltag, absolvieren Training, Probe und die abendlichen Vorstellungen. Aber die Gedanken an Familie und Freunde sind immer dabei. Das weiß auch Yuki Ogasawara, die gleichzeitig froh ist, in Dresden zu sein: „Was für uns alle nur Informationen aus den Medien sind, das passiert den Menschen in Japan tatsächlich. Wenn wir jetzt dort wären, würde es uns geschehen. Wir könnten verstrahlt sein, irgendwo isoliert sein oder in ständiger Gefährdung. Nein, ich bin glücklich, dass ich jetzt hier bin. Meine Familie in Tokio bestärkt mich darin, das zu tun, was ich kann – tanzen.“

Sie wolle gerade angesichts dieser Situation bestmögliche Arbeit leisten, um Menschen Freude und Hoffnung zu bringen. In jeder freien Minute würden dennoch die Nachrichten kontrolliert, denn es könne ja von einem Moment auf den nächsten eine veränderte Lage entstehen. „Wir können nur hoffen,“ sagt Yuki Ogasawara, „dass es im Katastrophengebiet von Tag zu Tag etwas besser wird. Denn die gewaltige Gefahr spüren wir bis hierher.“

"Wir können nur hoffen…" Yumiko Takeshima, Erste Solistin, und die in Tokio geborene Yuki Ogasawara (Corps de Ballet); Fotos: M. Creutziger

Dennoch falle es schwer, so Kanako Fujimoto, das alles zu glauben, was seit vorigem Freitag aus Japan berichtet wird. Die Tänzerin stammt aus Osaka und ist seit 2008 im Corps de Ballet engagiert. Am liebsten würde sie sofort nach Hause, muss sich aber auch auf den Kontakt via Mail und Skype beschränken. „Kanako, bleib bitte in Deutschland, flehen mich meine Eltern an, jeder hat seinen Platz und seine Aufgabe.“ Folglich komme auch für die Freunde und Verwandten aus Japan nicht in Frage, das geschundene Land zu verlassen. „Das ginge schon wegen der Verkehrslage nicht,“ räumt sie ein, und ihre Kolleginnen ergänzen: „Flucht ist nicht die richtige Lösung. Wir könnten unsere Eltern einladen, nach Dresden zu kommen, doch sie würden uns sagen, wieso sie weggehen sollten, währen Menschen aus anderen Landesteilen im Katastrophengebiet helfen?“

Betroffen und traurig sind alle drei Tänzerinnen, weil sie von ihren Bekannten erfahren, dass es kaum direkte Kontakte zur Krisenregion um Fukushima gibt. Die Japanerinnen in Dresden fühlen sich wie eine kleine Familie und sind in den vergangenen Tagen noch näher zusammengerückt. Die aus 23 Nationen stammende Company sei da enorm hilfreich und fühle mit ihnen.

Doch Kanako Fujimoto spricht aus, was sie neben den Sorgen um die Menschen in ihrer Heimat zusätzlich noch schwer bedrückt: „Wir wissen nicht, ob die Regierung jetzt ehrlich ist. Wie war das denn damals in Tschernobyl? Es wurde vertuscht, so lange es ging. Das darf man nicht machen, wenn es um Radioaktivität geht!“ Eine positive Folge des Unglücks in Japan sei immerhin die Abschaltung einiger Atomkraftwerke in Deutschland, betont die Tänzerin.
Dem schließt sich Yuki Ogasawara an: „Wir alle haben daraus zu lernen! Jeder Mensch, überall auf der Welt, damit so etwas nie wieder passiert. Denn was da geschieht, das haben wir der Erde angetan.“ Nun müsse realisiert werden, welche Konsequenzen menschliches Handeln nach sich ziehe.

Ballettdirektor Adi Luick dürfte in diesen Tagen und Stunden ganz besonders gefordert sein, wenn es um die Sorge für seine Schützlinge geht. „Wir alle sind emotional sehr ergriffen,“ bestätigt er, „wir hoffen und bangen mit unseren Tänzern und ihre Familien sowie um Japan insgesamt.“ 

Da der Tanz dort traditionell sehr hohes Ansehen genießt, soll die heutige Vorstellung des Balletts „3 Farben Weiß“ einen Brückenschlag bilden. Sie wird den Menschen und Opfern in Japan gewidmet.

Eine Textfassung des Artikels ist am 18. März in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

18.03.2011Features, Interviews