Zwei Wege – Nils Mönkemeyer und Christina Biwank im Gespräch

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Zwei Wege – Nils Mönkemeyer und Christina Biwank im Gespräch

Christina Biwank: (kommt herein, zählend: drei gegen vier, vier gegen fünf… Man klopft erst mal eine Runde Rhythmen auf dem Tisch…)

Das klingt reichlich komplex! Das ist aus dem Gubaidulina-Werk, oder?

Nils Mönkemeyer: Ja. Dieses Mal besteht unsere größte Aufgabe wohl darin, im richtigen Moment wegzuhören – wenn der andere mal wieder konträre Rhythmen spielt…

"Für die Größe der Stadt wird sehr viel Musik gemacht…" (Christina Biwank) Foto: Marko Kubitz

Kurz – wie kam’s zur Zusammenarbeit?

Nils Mönkemeyer: Christina hatte das Werk herausgesucht und mich dann gefragt…

Christina Biwank: …Er hatte in Dresden gerade seine Professur bekommen. Ich habe ihn gefragt – und ihm natürlich die erste Stimme angetragen… bzw. war es die Gemeinschaftsidee von Karen Kopp und mir: Sofia Gubaidulina war in Dresden, das war unheimlich interessant, sie ist eine große Persönlichkeit. Ihre Ideen umzusetzen trotz aller Widerstände – sie war ja in den achtziger Jahren fast geächtet, war auf Chrennikows "schwarzer Liste" – und, das darf man nicht vergessen, sehr religiös. Sie hat einige Werke geschrieben, die an biblische Themen angelehnt sind. Das Doppelbratschenkonzert "Zwei Wege" ist eines von ihnen.

Sie schrieb das Werk vor sechs Jahren als Auftragswerk von Kurt Masur für die Solobratschistinnen der New Yorker Philharmoniker. Aufnahmen gibt es glaube ich nicht – haben Sie ein "Bootleg"?

Nils Mönkemeyer: Ja, haben wir natürlich quergehört. Und ich hatte sofort Lust, das mit Christina aufzuführen. So oft passiert es ja nicht, dass man mit anderen Bratschern v o r einem Orchester steht, und mit ihr habe ich mich musikalisch sofort gut verstanden. Zumal ich von allen Komponisten, die heute leben, Gubaidulina mit am berührendsten finde.

Wovon handelt das Werk? Und warum zwei Bratschen?

Christina Biwank: "Zwei Wege" behandelt die biblische Geschichte von Maria und Martha aus dem zehnten Kapitel des Lukasevangeliums (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c9/Jan_Vermeer_van_Delft_004.jpg). Die beiden Instrumente müssen sich zusammenfinden; ihre Wege kreuzen sich, man hört, dass sie erst einmal total verschieden sind. Eine mehr Luft, eine mehr Erde… und dann ist da ein Dritter…

Nils Mönkemeyer: Ist Jesus das Orchester?

Christina Biwank: Vielleicht? Laut Gubaidulina ist das Orchester ein "Initiator" und gibt die Themen vor. Die Bratschen reagieren dann darauf. Jedenfalls sind es sieben Variationen über die Geschichte, die Lukas folgendermaßen erzählt: Maria von Bethanien, in katholischer Überlieferung mit Maria Magdalena gleichgesetzt, und ihre Schwester Martha empfangen Jesus in ihrem Haus. Martha sorgt für sein leibliches Wohl, und … ich habe mal dieses Bild gesehen … Maria, ihre Schwester, sitzt da vor Jesus, er erzählt… Und Martha sagt: du könntest auch mal was tun! Da sagt Jesus, Maria habe den besseren Teil gewählt, und das solle ihr nicht genommen werden. Ich sehe das so: klar, wenn man keine geistige Nahrung hat, verkommt die Gesellschaft!

Nils Mönkemeyer: Ist es nicht auch eine Rivalitätssache – wer Jesus‘ Wertschätzung bekommt? Siehst du es eigentlich auch so, dass Martha sich verändert? Unsere Stimmen kreuzen sich doch, wir wechseln die Rollen… Hm, schwierig.

Wie programmatisch muss man Werke wie dieses eigentlich interpretieren? Können Sie sich in Ihrer Lesart an anderen Werken der Komponisten orientieren, beispielsweise an dem Bratschenkonzert?

Nils Mönkemeyer: Ich kenne ihr Bratschenkonzert sehr gut. Da schreibt sie total anders. Die Bratsche ringt mit sich selber; das musikalische Thema beinhaltet einen inneren Kampf. In "Zwei Wege" entsteht die Spannung des Stückes aus der Dualität, die Stimmen sind eng aufeinander bezogen. Beide Stimmen können ohne die jeweils andere nicht existieren. Das gibt mir als Interpret eine andere Rolle. Die habe ich sonst nie.

Die Kombination der Soloinstrumente ist ja schon ungewöhnlich. Welche Werke für zwei Solobratschen und Orchester gibt es eigentlich noch?

Nils Mönkemeyer: Man könnte ein Geigen-Doppelkonzert von Telemann kapern. Dann gibt es ein tolles Doppelkonzert von Anton Wranitzky (1761-1820). Und von Francesco Durante!

Welche Instrumente werden Sie spielen – wird man einen Unterschied im Klang hören können? Schließlich kommen Sie beide aus zwei sehr unterschiedlichen "Ställen" – Nils Mönkemeyer spielt ein dezidiertes Solo-Instrument; Sie, Frau Biwank, wahrscheinlich eher eines, dass sich im Alltag vor allem gut mit der Bratschengruppe mischen muss – und trotzdem Soloqualitäten hat?

Christina Biwank: Meine Bratsche ist ein Instrument von Martin Schwalb aus dem letzten Jahr, als Soloinstrument gebaut. eine große Bratsche, leicht zu spielen, aber mit Wumms in der Tiefe und Glanz in der Höhe.

NM: Ich bezweifle aber, dass sie sich gut mit der Gruppe mischt. Sie hat so viel Strahlkraft!

Christina Biwank: Naja, sie ist weniger breit als fokussiert, das stimmt schon. Im Saal klingt es sehr gut, aber wenn man daneben sitzt, ist es sicher mitunter anstrengend. Aber am ersten Pult sollte man ja sowieso nie so extrem spielen…

Nils Mönkemeyer: Aber du bist eigentlich eine von denen, die sich viel Zeit für Kammermusik nimmt. Ich bewundere, dass du trotz Orchester diesen ganz persönlichen und solistischen Klang hast!

Christina Biwank: Oh! Danke. Ich gebe zu, ich zweifle ständig an mir, bin dauernd am Üben und Gucken. Es wird ja erst spannend, wenn man das Ensemblespiel wirklich ernst nimmt, nicht nur an sich denkt, sondern an die Gruppe. Wenn Dirigent pianissimo verlangt, muss man vorn am leisesten spielen. Wenn es jetzt noch ein guter Saal wäre!

Erst vor kurzem habe ich ein Konzert erlebt, völlig unter dem Radar der Tageszeitungen, ein Hauskonzert. Bestimmt fünfzig alte Damen oder noch mehr; ein Mahler-Abend am Stutzflügel, und eine junge Sängerin wurde "eingeführt"… Toll! Ob das für Dresden einzigartig ist?

Nils Mönkemeyer: Ganz und gar nicht. Das ist der letzte Rest einer gutbürgerlichen Kultur, das gibt es auch in München, Hamburg, wohl in allen großen Städten… Als Student wurde ich bei solchen Veranstaltungen herumgereicht. Für Studenten ist das toll: ein wohlwollender Rahmen, wunderbare Räume, interessante Leute…

Christina Biwank: Ich mache das übrigens regelmäßig. Da lädt man Freunde, Nachbarn ein, es gibt Schnittchen und Rotwein… Und dann ist es oft so, dass alle Instrumente mitbringen. Und ich finde schon, für die Größe der Stadt wird hier sehr viel Musik gemacht. Meine Tochter ist neun, sie spielt Cello und Klavier. Und jede Woche Kammermusik und Musiktheorieunterricht! Es wäre bedenklich, wenn in diesem musikalischen Bereich Kürzungen vorgenommen werden. Da schließt sich eigentlich der Kreis zu Gubaidulinas Werk, oder?

Wagen wir doch einmal einen Blick in die Zukunft des Anrechtskonzerts. Welche Entwicklungen sehen Sie?

Nils Mönkemeyer: Ein Publikum braucht Bezugspersonen. Das Orchester bedient die Sehnsucht nach einer Konstanten, die sind am Ort. Darüber hinaus sind klingende Solistennamen wahrscheinlich immer wichtiger.

Christina Biwank: Man braucht eine klare Struktur für die Konzerte. Es wäre den Versuch wert, die Anrechtsthematiken mehr zu beleben, Mottoreihen anzubieten, das Augenmerk auf verschiedene Themengebiete zu richten.

Nils Mönkemeyer: Nein, ich glaube, saisonübergreifende Schwerpunkte werden weniger wichtig. Das liegt an der Frequenz: man entscheidet heute eher kurzfristig, ob man ins Konzert geht oder nicht. Ob das gerade in einer Mahler-Reihe ist oder nicht, ist glaube ich egal.

Christina Biwank: Ich finde Themen schon wichtig. Solche Zyklusreihen! Für treue Abonnenten braucht man Anhaltspunkte.

Nils Mönkemeyer: Nein, heute gucken wir auf Facebook, oder eben auf "Musik in Dresden", und entscheiden dann: gehen wir los oder nicht? Aber so eine Bratschenaboreihe! Das wäre schon toll… Ehrlich, wir alle wissen noch nicht so genau, wo’s hingeht. Aber wenn man nur auf das Abonnentenpublikum abzielt, lässt man bestimmte, vor allem Gruppen vor. Werbung für die ist aber sehr zeitaufwendig. Man hat nicht plötzlich auf Twitter 10.000 Followers oder auf Facebook 5.000 Fans. Jeder, der auf die Seite kommt, wünscht sich was Aktuelles. Mit dieser Art von Publikumswerbung fangen Orchester erst an.

 

7. Philharmonisches Konzert
BRATSCHISSIMO

Sa 19. 03. 2011 19:30 Uhr
So 20. 03. 2011 19:30 Uhr
Kulturpalast, Festsaal

Josep Pons | Dirigent
Christina Biwank | Viola
Nils Mönkemeyer | Viola

13.03.2011Interviews