„Sandstein und Musik“ – jetzt auch in Prag und Riesa

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„Sandstein und Musik“ – jetzt auch in Prag und Riesa

Foto: PR

Die runde 20 rückt allmählich näher, doch Trompeter Ludwig Güttler blickt erst einmal auf das Naheliegende, auf das 19. Festival „Sandstein und Musik“, das in diesem Jahr in schier epochaler Länge von 26. März bis zum 11. Dezember stattfinden wird. Doch nicht nur die zeitlichen Dimensionen für die insgesamt 25 Veranstaltungen ufern aus, wie der Künstlerische Leiter am Montag mitgeteilt hat, auch räumlich werden bisherige Grenzen verschoben. Am 9. April geht „Sandstein“ erstmals in die tschechische Hauptstadt, wo das Klavierduo Hansjacob Staemmler und Friedrich Thomas im Palais Lobkowitz aufspielen wird. Diese Konzertstätte verweist auf ein besonderes Ereignis, das nicht nur für Böhmen und Sachsen unvergesslich bleibt. Das traditionsreiche Gebäude ist Sitz der bundesdeutschen Botschaft. Statt Politikerreden und Jubelgeschrei erklingen nun Werke von Mozart, Brahms, d’Albert und Jubilar Liszt.

Das sprichwörtliche Festivalmotto „Gute Musik braucht gute Freunde“ wird an diesem historischen Ort besonders sinnfällig. Die musikalische Tagesreise dürfte einmal mehr zeigen, dass Prag längst als Ort der Mitte Europas wahrzunehmen ist. Dennoch steckt er diesmal die östliche „Sandstein“-Grenze ab, im Westen übernimmt diesen Part Riesa, wo zum 20-jährigen Bestehen eines Elektronik-Betriebs am 1. Mai unabdingbare Freundschaftsbande auf Sponsorenbasis geknüpft werden. Anlass genug, Ludwig Güttler und Friedrich Kircheis zu einem Konzert für Trompete und Orgel in die dortige Trinitatiskirche zu laden und das finanzielle Engagement des Unternehmens als Beitrag für Kunst und Kultur anzunehmen.

Sinnbildlich könnten Mauerfall und wirtschaftliche Förderung zu den einem solchen Festival existenziell wichtigen Voraussetzungen gezählt werden. Güttler betonte denn auch, dass „Sandstein und Musik“ neben guten Freunden ein breites Umfeld braucht: „Gute Musik, ausführende Musiker und Menschen, die danach verlangen.“ Eben in dieser öffentlichen Erwartung sähen er und die Mitveranstalter die wichtigsten Motivationen, schon über den 20. Jahrgang hinauszudenken. „Wenn wir wie andere auch mit einem gewissen Etat ausgestattet wären, könnten wir mehr riskieren,“ verweist der Künstler auf das Wechselspiel von Kunst und Kapital. Er bekenne sich aber zum „Trotzdem“ und betont den guten Zuspruch der Vergangenheit. In erster Linie bleibe das Fast nach wie vor der Region verpflichtet, lebe von Mund-zu-Mund-Propaganda und sei auf die vorhandenen Kirchen und Säle angewiesen. Dass es keinen Konzertsaal in der Gegend gäbe, sei schade, so Güttler: „Aber warum soll es der Region besser gehen als Dresden?“
Eine Reihe neuer Austragungsorte sei dennoch gefunden worden, etwa Schloss Burgk in Freital, diverse Kirchen, die Wagner-Gedenkstätte Graupa sowie das Hotel „Großer Winterberg“ am Malerweg. Damit sollten Bezüge zur Musikgeschichte hergestellt werden – nicht nur Freunde von Richard Wagner und Caspar David Friedrich dürfte es freuen. 

Vorfreude wird vor allem bei den Anhängern origineller Kammermusik geweckt. Ob Leipziger Bach-Collegium oder Virtuosi Saxoniae, ob Dresdner Streichtrio oder Berliner Akkordeon Quartett, ob Mitteldeutsches Kammerorchester oder Neue Elbland Philharmonie – neben den gestandenen Künstlern und Ensembles werden gegen Jahresende auch Grenzüberschreitungen etwa mit Giora Feidman sowie dem David Timm Quartett zu erwarten sein. Die Verbindung landschaftlicher Schönheit mit musikalischem Können werde auch künftig dem musischen Nachwuchs zugute kommen – Musikschulen profitieren schon heute vom Engagement, Instrumente zu sammeln – und sowieso den Austragungsorten in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz und darüber hinaus. Man müsse auch sehen, was die Konzerte den einzelnen Orten über die pure Musik hinaus bringen, so der Trompeter aus Dresden. „Aber 90 Prozent der Nutznießer haben offenbar die Filzbrille auf.“

Bis zum 20. Festival „Sandstein und Musik“ ist ja noch Zeit, für klare Sicht zu sorgen. Es muss sich nur herumsprechen: „Gute Musik braucht gute Freunde.“

Eine Textfassung des Artikels ist am 16. Januar in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

17.02.2011Features