Es war einmal: „Der gestiefelte Kater“

Rezensionen

Es war einmal: „Der gestiefelte Kater“

Es war einmal ein Kater, der trug sehr schöne Stiefel. Das gehörten natürlich nichtihm, denn Kater haben keine Stiefel. Er luchste sie dem armen Müllerburschen ab, der so verzweifelt war, dass ihm nicht mal mehr an den Stiefeln was lag. Schließlich hatte er erst den Vater, dann dessen Mühle mitsamt Esel, zuletzt sogar seine beiden älteren Brüder verloren, die ihm aus dem Erbe nur den dummen Kater überließen.

Es war einmal ein Kater… (Julian Mehne). Fotos: Matthias Creutziger

Dumm? Na, immerhin konnte das Tier sein neues Herrchen verstehen und auch mit ihm reden. Tolle Ideen hatte es auch. Konnte sich den König um die kleine Kralle wickeln, indem er ihm einen Hasenbraten versprach. Und dem bösen Menschenfresser machte der Kater den Garaus, als er dessen eitle Zauberkräfte ausreizte. So ein Unwesen wird sich wohl kaum in eine Maus verwandeln können?! Konnte es aber doch, und der Kater griff zu. Mmmh, lecker!
Als schöner Nebeneffekt wurde das vom Menschenfresser besetzte Schloss frei, in das der Müllerbursche als Marquis de Carabas mitsamt der schönen Prinzessin einziehen konnte. Ende gut, alles gut.

Doch halt, es geht ja ums Musiktheater, nichts ums Märchen. Des alten Stoffes, dessen Quellen an verschiedenen Ecken Europas unterschiedlich verortet sind, nahm sich vor rund hundert Jahren der komponierende Offizier und Musikkritiker César Antonowitsch Cui an und schuf daraus die Kinderoper „Der gestiefelte Kater“. Die wurde jetzt an der Semperoper für deren Kinderchor, die Spielstätte Semper 2 und vor allem für das junge Publikum in einer Kammerversion adaptiert. Am Sonntag gab es die begeistert aufgenommene Premiere. Erstaunliche 15 weitere Vorstellungen werden folgen.

Ebenso viele Opern hat Cui komponiert. Das einstige Mitglied des „Mächtigen Häufleins“ (fünf russische Komponisten, die sich 1862 in St. Petersburg anschickten, musikalischen Nationalstil zu prägen) ist heute nahezu vergessen, hat die Berühmtheit seiner Kollegen Balakirew, Borodin, Mussorgski und Rimski-Korsakow nie erreicht. Umso verdienstvoller, endlich mal seinen „Kater“ zu reanimieren. Wobei als größte Leistung gelten dürfte, eine eigenständigen Produktion des Kinderchors herausgebracht zu haben. Dessen junge Sängerinnen und Sänger bereichern zwar so manche Opernproduktion von „La bohéme“ bis „Hänsel und Gretel“, doch hier prägen sie ein ganzes Stück und werden unter dem betont hilfreichen Dirigat Hans Sotins von einem Kleinstorchester der Musikhochschule begleitet. Das als Dresdner Fassung ausgewiesene Werk erklingt natürlich auf deutsch und ist spielerisch gerahmt von einer Kindergruppe, die das Märchen erst herbei erzählt und dann ganz in ihm aufgehen wird. Im Gegensatz zu den putzigen Kostümen von Adel und Tierwelt wirkt sie teils etwas unsensibel pimpfig gekleidet (Kostüme: Christine Nicod). Das ist aber auch schon der einzige klitzkleine Makel. Was Bühnenbildnerin Valentine Koppenhöfer aus der einstigen Probebühne gezaubert hat, ist erstaunlich. Nebst illuminiertem Mühlrad und winzigstem Schloss sogar ein Hubpodest für die Prinzessin sowie einen tiefen Brunnen für den Müllerssohn. Am schönsten ist die Kutsche des Königs, zum Treten! All das gebiert schöne Spielideen, denen sich die jungen Mimen gewieft widmen.

Jeremy Bowes (König) unterm Schirm

Die Soli werden von Julian Mehne als Kater und Manuel Günther als zum Marquis mutierter Müllerbursche sowie von Jeremy Bowes und Michael Kranebitter als dessen Brüder gestaltet. Letztere teilen sich auch in Königspart und Menschenfresserrolle hinein. Die so gewitzte wie begehrte Prinzessin wird von Valda Wilson verkörpert. Das junge Ensemble trumpft durchweg spielfreudig mit hoher Gesangskultur auf. Regisseurin Mira Ebert ist mit dieser einstündigen Kammeroper auf knappstem Raum eine spannend vergnügliche Adaption des Märchenstoffes gelungen.
Und wenn sie nicht gestorben sind … – dann sind sie schon bald wieder auf Semper 2 zu erleben.

Termine: 10., 12., 24., 26., 27. Februar, 5., 6., 7., 8., 12., 13., 14., 19., 20. März

 

Eine Textfassung des Artikels ist am 8. Februar in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

10.02.2011Rezensionen