Keine Kinski im Kulturpalast

Rezensionen

Keine Kinski im Kulturpalast

Wer „Phantom der Oper“ hört, denkt gewiss zuallererst an das Erfolgsmusical von Andrew Lloyd Webber, das vor genau 25 Jahren von London aus seinen Siegeszug über die Bühnen der westlichen Welt antrat. Dessen Basis ist aber der Roman „Le Fantôme de l´Opéra“ von Gaston Leroux gewesen – und dieser Welterfolg ist vor genau 100 Jahren erschienen, war Vorlage für eine ganze Reihe von Filmen und Musicals. Anlass genug, den einstigen Lebemann, der 1927 nach immerhin 60 Romanen, aber mit nicht mal 60 Jahren verstarb, mit einer Gala zu ehren. Darin dürfen natürlich auch das Phantom und seine Angebetete, die Sängerin Christine, nicht zu kurz kommen.

Foto: AndreasF. | photocase.de

Ausgangspunkt dieser Show waren im vorigen Sommer die Volksschauspiele Ötigheim, laut Eigenwerbung Deutschlands größte Freilichtbühne. Geködert wurde das Publikum wie schon zur Premiere, so auch am 17. Januar in Dresden, mit Nastassia Kinski in einer durch den Abend führenden Sprechrolle. Diesen Part übernahm damals wie jetzt Sonja Kirchberger, die sich charmant als Urenkelin von Gaston Leroux ausgab, um durch den Roman und einige seiner musikalischen Anverwandlungen zu führen. Diese Marie Dupont schwärmt natürlich von Urgroßpapa und weiß hinreißend von dessen schaurig schönen Episoden in den Kellergewölben sowie auf dem Dach der Pariser Opéra Garnier zu berichten.

Dazwischen erklingen dann Ausschnitte aus „Phantom“-Musicals von Webber, Maury Yeston, Ken Hill – und das Publikum erfährt ein wenig vom Zitatenrecht, das mal bei Georges Bizet, mal bei Charles Gounod und auch bei Giuseppe Verdi Gebrauch macht. Dramaturgisch ist das alles völlig korrekt, die Story um des Phantoms verzweifelte Liebe zur von ihm erst zum Star aufgebauten Sängerin Christine ist geschickt gerafft und obendrein in die Vita von Leroux eingebunden. Zweimal vierzig Minuten Musik und Text zu Kerzenflackern und Diashow – historische Aufnahmen von Paris, die Oper von innen und außen, selbstverständlich auch der Schöpfer des 100jährigen Romans –, schon ist die hintergründige Farce um die Schöne und das Biest abgehandelt. Nicht einmal auf Häppchen aus Webbers Fortsetzung „Love Never Dies“ von 2010 muss verzichtet werden.

Ein nicht näher bezeichnetes Orchester sowie ein zaghaft agierendes Chorensemble, das selbst seinen englischen „Maskenball“-Song noch hübsch von Noten ablesen musste, musizierten unter Leitung von Gregor DuBuclet, dem in Hollywood geborenen einstigen Musikchef des Kleist-Theaters Frankfurt/Oder, der hin und wieder als Jazzsänger von sich hören lässt und ansonsten auf Kreuzfahrtschiffen durch die Weltmeere tourt. Mit Ethan Freeman war Londons Original-Phantom besetzt, der sich Gala-gemäß als Darsteller sehr zurückhalten musste, vokal aber durchaus an seine einstigen Leistungen zu erinnern vermochte. Auch Anna-Maria Kaufmann, auf der Tour als alternierend mit Beatrix Reiterer angegeben, zählt zu den eng mit diesem Musical verbundenen Sänger-Darstellerinnen. In mehrfach wechselnden Roben brilliert mit Christine die unsterbliche Macht der Liebe – und bis in exzellente Höhen eine großartige Stimmkraft. Das anerkennt, plötzlich seelenzart, auch das Opern-Phantom – ihr geliebter Raoul wird schließlich gerettet, muss nicht sterben und wurde von Nikolaj Alexander Brucker in wenigen Ausschnitten als jugendlicher Liebhaber vermittelt.

Das spärlich im Kulturpalast versammelte Publikum dankte herzlich für diese Gala und verfiel in begeisterte Applausorgien, als nach der Pause Offenbachs „Can Can“ erklang. Da der aus „Orpheus in der Unterwelt“ stammt, musste er sich dramaturgisch wohl irgendwie fügen.

Weitere Gastspielorte dieser Gala-Tournee sind neben Berlin, Bremen und Hamburg auch die Stadthalle von Zwickau (25.1.2011).

18.01.2011Rezensionen