So darf es nicht mehr weitergehen!

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So darf es nicht mehr weitergehen!

Foto: MM

Ein unerfreulicher Winterabend ist das. Es regnet leicht. In der Musikhochschule am Wettiner Platz steht ein "Vortragsabend Viola" der Klasse von Professor Kritzkow auf dem Programm*. Zwei Elevinnen des grauhaarigen Professors sitzen mit ihren Instrumenten gesenkten Kopfes in der ersten Reihe. Ein Kommilitone hat eine kleine Kamera aufs Stativ gesetzt und nimmt den Abend für sie auf. Weiter hinten sitzt ein alter Herr (ein ehemaliger Absolvent? Ein Kollege?), und jetzt stürzen noch zwei Koreanerinnen mit Geigenkästen in den Saal. Na dann, sagt der Professor. Wir fangen jetzt mal an.

Maja tritt auf. Eine dünne, blasse Bratscherin mit braunen Haaren, sie wirkt kühl. Hinter ihr die Korrepetitorin. Die würdigt die mit Notenständern und Stühlen vollgestellte Bühne keines Blickes, geht schnurstracks zum Flügel (ein halb aufgeklappter Steinway), nickt Maja zu, beginnt zu spielen. Das Konzert von Carl Philipp Stamitz (1745-1801) hat sie gefühlte hundertmal begleitet, trotzdem schleichen sich heute hörbare Stolperer ein. Was solls – wir sind ja unter uns, und das rechte Pedal hilft, die schnellen Stellen gnädig zu verwischen…

Maja beginnt ruhig, routiniert, fast sofort fällt ihre scharfe Intonation auf. Sie spielt die ersten paar Takte fast mechanisch, wird dann unmerklich schneller – die Bratscherin weiß, dass sie nicht optimal auf das Konzert vorbereitet ist, schludert an schwierigen Stellen. Irgendwie bringt sie den Satz zuende; der folgende ist technisch nicht so anspruchsvoll. Durchgängig vibriert sie die Töne des Konzerts gleichmäßig; dynamisch passiert nicht viel. Als sie fertig ist, guckt sie unentschlossen in den leeren Saal, blickt ihren Professor an. Der klatscht mechanisch, wie die fünf Kommilitonen. Der ältere Zuhörer klatscht nicht, blickt zu Boden.

Beschämende Momente wie der geschilderte sind nicht die Ausnahme an deutschen Musikhochschulen. Sie sind die Norm. Professoren, die ihr eigenes Studium dreißig, vierzig Jahre hinter sich haben, bilden Zwanzigjährige aus. Routiniert, oft genug nach ‚Schema F‘. Kritzkow hat da seine Stücke, die er auf dem Bibliothekskopierer wieder und wieder für seine Schüler kopiert. Die Bach-Suiten, das Kraftfutter. Virtuoses, Etüden. Für Anfänger das Telemann-, das Vanhal-Konzert. Für Fortgeschrittene Bartok, Hindemith. Nichts zeitgenössisches, damit kann er selbst wenig anfangen.

Die Studierenden sind in diesem Hochschul-Kreislauf fünf, sechs Jahre lang gefangen. Sie vermeiden das Orchesterspiel ("Das verdirbt dir nur die Technik, hinterher müssen wir aufholen."). Sie drücken sich um Kammermusik, wo es geht ("Das hält mich nur vom Üben ab.") Sie gehen in diesen Jahren, wenn es hochkommt, vielleicht drei Mal in ein Konzert von Kommilitonen. Konzerte in der Semperoper, im Kulturpalast, gar auswärts besuchen sie nicht: "kein Geld, und außerdem hab ich keine Lust, nach dem täglichen Üben am Abend noch klassische Musik zu hören."

Annamarie, inzwischen recht und schlecht im Konzertgeschäft, berichtet: "Zu meiner Studienzeit war Chorsingen absolut verpönt. Ich musste mir anhören: bitte konzentrieren Sie sich auf das Solistische. Es ist sehr schade, dass den Studenten nicht gesagt wird, ob sie wirklich realistische Chancen hätten. Wenn von vornherein klargewesen wäre: das reicht nicht für B-Theater, hätte ich mir gewünscht, den Rat zu kriegen: geh in einen Chor."

Aber solche Ratschläge geben Professoren nicht gern. Sie wären mit der Einsicht verbunden, dass man sich selbst bei der Auswahl der Schüler vielleicht vertan hat, dass die eigene Lehrtätigkeit vielleicht nicht optimal ist, dass Kollegen besser sind…? Lieber ermutigt man den Schüler, redet ihm zu. Es wird schon. Streng dich an. Und noch mal die Stelle, bitte.

Dass Musikphysiologen festgestellt haben, dass Studierende an Musikhochschulen oft sehr ineffizient und vor allem insgesamt zu lange üben – egal. Dass Psychologen festgestellt haben, dass der Musikerberuf mit höchsten psychischen Belastungen einhergeht – verdrängt. Dass bereits zu Studienzeiten mehr als ein Drittel aller Studierenden unter Auftrittsangst leiden, ohne dass sie damit umgehen lernen – ignoriert. Höchstens, dass die Lehrer Tipps geben, wie sie damals den Orchesteralltag meisterten, der "gottlob" lange hinter ihnen liegt: mit Alkohol manchmal. Mit Tabletten.

Die Liste an gravierenden Fehlentwicklungen ließe sich fortsetzen. An allen Ecken und Enden der Diplommusiker-Ausbildung hapert es heutzutage. Musiker beherrschen ihre Instrumente mechanisch – aber Aspekte der Musikästhetik, der Psychohygiene, der Karriereplanung, der Familienplanung haben im Curriculum fast keinen Platz. Belächelt wird schon, wer sich für den Yoga-Kurs einschreibt, statt zu üben. Der Rest kämpft, um im immer gleichen Repertoiregedudel nicht den Anschluss an die Koreaner zu verlieren, die in ihrer Heimat bereits eine anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen haben und Deutschland als Karrieresprungbrett nutzen.

Aber fangen wir doch mal klein an:

Was kann Prof. Kritzkow tun? Er sollte das tausendmal gehörte Repertoire mal für ein, zwei Jahre beiseite legen und gemeinsam mit seinen Schülern neues entdecken. Sich Musik aneignen. In Musikbibliotheken stöbern. Auf Konferenzen fahren, Kurse und Fortbildungen belegen. Selbst mal wieder ein Kammermusikkonzert in der Hochschule geben, mit Kollegen, mit Freunden, mit Schülern. Er sollte seinen Schülern helfen, ihre Konzerte auch PR-technisch vorzubereiten, ihnen Anregungen und Hilfestellung in Sachen Körpersprache geben. Sie zu Kammermusik ermuntern. Und zum Musikhören.

Was kann Maja tun? Sie sollte ihr Studium nicht als Frondienst, die Hochschule nicht als Dienstleister begreifen. Sie sollte das Instrument immer mal eine Woche beiseitelegen und etwas ganz anderes machen. Sie sollte im Orchester spielen, selbst Unterricht geben, sie sollte sich Gedanken über ihre Karriere machen. Netzwerke aufbauen. Sponsoren und Mäzene treffen. Eigene Konzerte organisieren. Mal tanzen gehen. Und sich ruhig mal von einem Alte-Musik-Experten erklären lassen, wer das war: Stamitz. Und wie man solche Musik spielt. Und sie sollte ins Konzert gehen, so oft wie möglich.

Was kann die Hochschule tun? Ihren Studenten optimale Bedingungen dafür bieten, klar. Neben dem Steinway auch ein Hammerklavier, ein Cembalo vorhalten; vielleicht für ein Klassenvorspiel sogar mal die Stühle von der Bühen räumen lassen, damit eine Continuo-Gruppe Platz hat. Für die Öffentlichkeitsarbeit sollten die Studenten im übrigen ruhig eingebunden werden! (Zu einem Großteil werden sie diese Fähigkeiten später dringend brauchen.)

Sie sollte Studenten als Menschen begreifen, die neben einer fachlichen Ausbildung auch Berater, Helfer, Tutoren, Unterstützer, Finanzierer brauchen. Sie sollte ihre Fühler dementsprechend in die Stadt ausstrecken: welcher Hörakustiker spendet der Hochschule einen Satz professioneller Gehörschutz-Ohrenstöpsel? Welche nette alte Dame finanziert Maja ihre Bratsche oder stellt ein Reisestipendium zur Verfügung?

Es gibt da noch viel zu tun.


*Namen geändert

12.01.2011Features