„Ganz oben, aber bitte ohne Netz“

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„Ganz oben, aber bitte ohne Netz“

Capell-Compositeur war schon, neu ist der Capell-Virtuos. Neu? Naja, die Staatskapelle ist voll von Virtuosen, und zwar seit beinahe 500 Jahren. Doch über den Ehrentitel „Kammervirtuos“ kommen die Orchestermitglieder kaum hinaus. Pianist Rudolf Buchbinder aber ist hier der erste Capell-Virtuos in der Geschichte. Michael Ernst sprach mit dem Wiener Erzmusikanten über seinen Beethoven-Zyklus.

Sie sind in dieser Spielzeit das wohl prominenteste „Ensemblemitglied“ der Kapelle. Last oder Ehre?

Rudolf Buchbinder: Ich fühle mich hier sehr, sehr wohl. Die Beziehung zu Dresden, zur Kapelle ist inzwischen so intensiv geworden, dass ich in der Semperoper richtig glücklich bin. Ein gewisser Druck ist allein bei den Matineen zu spüren, bei der Konzentration auf die Konzerte selbst, die ja im nächsten Jahr auf CD erscheinen sollen. Ich gehe dafür nicht mehr ins Studio, sondern setze auf Live-Konzerte.

Sie haben das Klavierwerk von Joseph Haydn eingespielt, ebenso die Konzerte von Beethoven, Brahms, Mozart. Wie gehen Sie neue Einspielungen an?

Ich gehe das Konzert an, nicht die Aufnahme. Höre auch nie eigene Einspielungen noch einmal an. Wenn ich heute trotzdem anders herangehe als früher, liegt das an dieser ganz bestimmten Spontanität zwischen Bühne und Publikum. Die werden Sie nie im Studio erreichen.
Im Studio ist man relaxt, spielt eine Phrase fünfmal, wenn es sein muss, dann ist es „im Kasten“. Schon diesen Begriff kann ich nicht ausstehen. Zum Glück ist meine Trefferquote relativ gut, wenn ich live spiele. Bildlich gesprochen, möcht ich im Zirkuszelt gerne ganz oben sein, aber bitte ohne Netz.
Mein großes Idol in dieser Hinsicht war immer der Geiger Jascha Heifetz – seine Aufnahmen sind legendär, nach wie vor einsame Spitze. Er steht außerhalb jeder Diskussion, denn er beherrschte sein Instrument so, dass die Finger das machen, was er will und nicht was die Finger wollen.
Dasselbe versuche ich in meinem Metier. Deswegen nehme ich im Konzert keine Rücksicht, ob mitgeschnitten wird oder nicht.

Gibt es die Angst, sich zu wiederholen, hinter eigenen Gipfeln zurückzubleiben? Sie sprachen mal von Freiheit durch Wissen?

Der Ausdruck auf den Tasten ergibt sich durch das Wissen. Als junger Student war ich vollkommen intolerant. Heute ist das ganz anders. Joachim Kaiser hat mir mal gesagt, man soll sich ruhig trauen, frei zu sein.

Was reizt Sie am „Neuen Testament“, den 32 Klaviersonaten von Beethoven? Sehen Sie sich da auch als Offenbarer?

Nun, ich versuche natürlich, Beethoven den Menschen näherzubringen. Auf meine Art, denn das ist es ja, was Musik unsterblich macht. Wir spielen sie auf unsere Art und so lebt sie. Weil es keine authentische Interpretation gibt, weil wir nicht wirklich wissen, was richtig und falsch ist. Sie können die Fünfte von Beethoven von zehn Dirigenten hören, zehnmal fantastisch, zehnmal verschieden – was ist da richtig, was falsch? Eben das ist die Faszination der Musik.
Es gibt immer mehrere Möglichkeiten, wenn man die Noten zwischen den Zeilen liest. Nehmen Sie Strawinsky, der sich selbst im Abstand von zwanzig Jahren zweimal völlig verschieden eingespielt hat

Hilft Ihnen da Ihre Sammlung von Notenoriginalen?

Absolut. Wobei Autographen ja unerschwinglich sind. Jenseits von gut und böse! Man ist froh, mal ein Faksimile in Händen zu halten. Aber Erstausgaben sind wahre Schätze, wobei die schon sehr schwer zu bekommen sind. Ich hab das Glück, von mehreren Beethoven-Sonaten welche zu haben. Faszinierend, wenn man sieht, was sich manche Herausgeber leisten! Die schreiben Forte in die Noten, weil sie denken, Beethoven hätte das vergessen. Aber wenn ich schon Forte spiele, kann ich kein Sforzato machen, das entsteht ja erst aus dem Nichts!
Was die Herausgeber von heute in Klammern schreiben, wird von mir sofort eliminiert. Eigentlich schade, dass jeder seinen Kren dazugeben muss, warum macht man nicht Urtext-Ausgaben? Wenn Beethoven wirklich mal was vergessen haben sollte, ist es Sache des Interpreten, sich was einfallen zu lassen, nicht des Herausgebers.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Staatskapelle, insbesondere nach der USA-Tournee?

Ich glaube, was dieses Orchester und das Haus insgesamt auszeichnet, ist die Atmosphäre des gesamten Teams. Wie die miteinander sprechen, das widerspiegelt sich in der Ausstrahlung der ganzen Semperoper.
Und das Echo etwa in New York war überwältigend. Sie dürfen ja nicht vergessen, man hat nicht nur Freunde. Ich befürworte Kritik, wenn sie mit Sachverstand geschrieben ist. Aber wie oft liest man Sachen, die könnten genauso auch zu einem ganz anderen Konzert geschrieben worden sein. Wichtig ist, eine persönliche Haltung herauszulesen. Kritiker sollten nie versuchen, objektiv zu sein.

Wie passt Ihrer Ansicht nach der künftige Chefdirigent Christian Thielemann zur Kapelle?

Vom Musikalischen wird das eine Traumehe sein, da bin ich sicher. Ich hab einige Konzerte von ihm hier erlebt, das ist schon gewaltig. Das wird sicher eine fruchtbare Zusammenarbeit. Ich hoffe, dass alles andere auch funktioniert.

Im Frühjahr gastierten Sie bei der Dresdner Philharmonie mit Mozart, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede haben beide Orchester?

Gemeinsamkeiten – das ist die Basis, die Schule, der Stall. Bei Wiener Philharmonikern und Sinfonikern ist es dasselbe. Die kommen alle aus demselben Stall. Erst die spätere Entwicklung ist dann anders. Einer liebt mehr Oper, einer mehr Konzert, das entwickelt bei den Instrumentalgruppen besondere Klangfarben.
Das ist der Unterschied. Ansonsten sind die Orchester insgesamt sehr international geworden. Wer kann heute noch den speziellen Klang der New Yorker oder von Philadelphia unterscheiden, das ist doch alles vorbei. Es gab Dirigenten, die haben ein Orchester geprägt, aber heute dirigiert doch jeder fast überall.
Es ist die Frage, ob das ein Manko ist. Die Staatskapelle hat ihren eigene Basis und daher den eigenen Klang. Die Tradition des Weitergebens durch die Hochschule vor Ort ist da ganz wichtig.

Auch am 13. Februar setzen Sie den Zyklus fort. Wie verträgt sich dieses Datum mit Beethoven?

Da spiele ich die Hammerklaviersonate mit dem tollsten langsamen Satz, immer wieder diese Espressivo-Gefühlsausbrüche, ich denke, das trifft sich gut. Aber man muss das trennen, ich würde nie etwas extra dazu ansetzen. Allerdings gibt es Musik, die sich an so einem Datum verbietet.

Sie waren einst der jüngste Student an der Wiener Musikhochschule, wie sehen Sie es heute um musikalischen Nachwuchs bestellt?

Es ist heute schwer, in unseren Breitengraden so gewaltige Talente wie einst zu finden und zu fördern. Es kommen nicht mehr die vielen großen Leute, weil sie alle zu spät beginnen.
Das hat einen ganz einfachen Grund: Wer übernimmt die Verantwortung und sagt etwa einem Zehnjährigen, du konzentrierst dich nur auf die Musik, alles andere hat Zeit. Egal, wann du das Abitur machst. In der sogenannten Dritten Welt ist das leichter, da steht die Frage nicht. Deswegen kommen so viele Talente aus allen Himmelsrichtungen zu uns her, die sind phänomenal. Die Jugendarbeit und vor allem die schulische Unterstützung fehlt hier. Eine Schande! Wir als Kulturland vernachlässigen unser höchstes Gut.

Setzt das nicht schon früher ein, mangels Musik in der Familie? Als Künstler und Intendant wirken Sie auf die kulturelle Bildung der Menschen – mit Sorge?

Wer macht denn noch Hausmusik? Ich glaube, das wird immer mehr vernachlässigt. Man hat früher so viel Wert auf Allgemeinbildung gelegt. Es hat sich natürlich eine Menge auf die vermeintliche Unterhaltungsbranche verlagert. Das muss man unbedingt akzeptieren und darf es nicht abwerten, nur weil es eine andere Art von Musik ist.

Sie beschränken sich nicht auf Musik, widmen sich Sport, Malerei und interessieren sich für Literatur, sind Cineast – haben Ihre Tage mehr als 24 Stunden?

Leider nicht. Leider nicht. Ich schau auch liebend gern Fernsehen, vor allem Sport. Daher habe ich längst aufgehört mit dem Malen. Da fand ich mich nicht gut genug, obwohl ich Ausstellungen hatte und immer wieder sehr freundliche Ermunterungen höre. Eine Zeitfrage. Ich bin froh, daran geschnuppert zu haben. Aber meine Bibliothek ist voll mit Büchern über Malerei, ich glaube, da sind Monografien von 2000 Malern. Ich schau mir gerne Bilder an, gehe in Galerien – wann soll ich da bitteschön malen?
Ein ganz wichtiges Prinzip, das mir das Leben erleichtert – ich versäume keine Sekunde mit Suchen. Ob in meiner riesigen Bibliothek oder bei den 4000 Filmen, ich finde alles sofort. Da bin ich sehr organisiert.

Wie werden Sie Weihnachten und den Jahreswechsel verbringen?

Zu Hause mit der Familie und mit sehr viel Üben. Für neue Programme, neue Stücke. Ich mach es mir ja nicht leicht. Da ich mir gerne Neues zu lernen antue, wird es nie langweilig.

Eine Textfassung des Artikels ist am 27. Dezember in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

 

Rudolf Buchbinder – Beethoven-Sonatenzyklus Matinee III am 2. Januar um 11 Uhr
www.staatskapelle-dresden.de

29.12.2010Interviews