„Die Zukunft der Musik ist weiblich“

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„Die Zukunft der Musik ist weiblich“

Verantwortung, Vernetzung, Vorreiterrolle – wenn Ekkehard Klemm diese Worte ausspricht, sind keine Phrasen, sondern Inhalte gemeint. Der Dirigent ist seit 100 Tagen Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber und weiß um seine Verantwortung für den studentischen Nachwuchs sowie für die Qualität und den Ruf seiner Institution. Er versteht sich als Teil eines Ganzen und sucht in der Kulturstadt Dresden Bindegliedern zwischen Lehre und Praxis. Und er ist sich der äußeren Bedingungen bewusst, sieht angesichts von Sparbeschlüssen des Freistaats den Zwang, die seit mehr als 150 Jahren bestehende Lehreinrichtung innovativ in Richtung Zukunft zu lenken.
Zur Präsentation des faktenreichen Jahrbuchs 2010 blickt Klemm denn auch nicht lang zurück, sondern vor allem nach vorn. In nur 100 Tagen kann enorm viel geschehen. Im Schnelldurchlauf: Klemms Konzerte mit dem Hochschulorchester zum Schumann-Jahr wurden in Dresden, Köln und Leipzig gefeiert. Die Eröffnung des neuen Schulgebäudes des Sächsischen Landesgymnasium für Musik brachte endlich Verbesserungen für 150 Schülerinnen und Schüler, die Studiosi der Zukunft. Zur feierlichen Investitur musizierten Lehrkräfte mit Auszubildenden, erklangen Klassik, Jazz und Moderne, steuerte der Rektor eine launig kluge Rede zum Jubilar „Master Schumann“ bei. Die Premiere von Glucks „Orpheus und Eurydike“ testete die Synergien der drei Dresdner Kunsthochschulen im Kleinen Haus des Staatsschauspiels. Ein mit der Ehrendoktorwürde für Helmut Lachenmann verbundenes Festival aus Anlass von dessen 75. Geburtstag zeigte sich „Berührt von Musik“. Die Professorenschaft am Wettiner Platz ist noch internationaler geworden. Und nicht zuletzt kam mit „Musik aus Dresden“ eine CD der „Avantgarde 1846 und 2010“ heraus, die Schumanns Zweite der Uraufführung von Friedrich Schenkers „12 Charakterstücke für jugendliches Orchester“ gegenüberstellt.

Zukunftspotential mit „Leuchtturmprofessoren“

All diese Rückblicke sind bei Ekkehard Klemm natürlich ein Ausblick mit Zukunftspotential. Das Hochschulorchester unter seiner Leitung mit Tradition und Moderne auf- und einspielen zu lassen, zeugt vom Reifegrad aller Mitwirkenden. Die „Leuchtturmprofessoren“, zu denen seit jüngstem Schlagzeuger Sebastian Merk und Saxofonist Finn Wiesner für die Jazzklasse sowie der von den Wiener Philharmonikern kommende Kontrabassist Jerzy Dybal im Klassikfach zählen, sorgen für weiteren Zuspruch durch die internationale Studentenschaft. Bewerbungen aus aller Welt sind Zeichen positiver Ausstrahlung. Da Klemm in den meisten Fachklassen vor allem weibliches Interesse sieht, betont er gern: „Die Zukunft der Musik ist weiblich!“ Unabhängig von Geschlechterfragen ist der Rektor überzeugt: „Wer diesen Weg vom Landesgymnasium über unsere Musikhochschule durchläuft und sich da positiv hervortut, hat im künstlerischen Berufsleben alle Chancen.“
Darin sieht er den Schwerpunkt seiner Leitungstätigkeit, deshalb hat Steffen Leißner für die kommenden fünf Jahre Klemms Dirigierprofessur übertragen bekommen. Denn was sich der 1958 geborene Musiker, der neben Dirigat, Lehre und Rektorat auch komponierend tätig ist, für die nächste Zeit vorgenommen hat, ist beachtlich.
In einem Institut für Orchester- und Ensembleentwicklung sollen Staatskapelle und Philharmonie sowie das Europäische Zentrum der Künste Hellerau gemeinsam mit Hochschule und freien Institutionen zusammenwirken, um den Studierenden im Bachelor- und Master-Studiengang Praxisbezug mit Spitzenensembles zu bieten. Beide Orchesterakademien sowie die Akademie Hellerau geben ihren Stipendiaten Gelegenheit, Karriere und Berufserfahrungen mit einem Master zu verbinden. Klemm will dies auf zwei Jahre strecken, um soziale Sicherheiten und qualitätsvolles Studieren zu ermöglichen, eine Vorreiterfunktion der HfM. Für die oftmals beklagten Lücken in Dramaturgie und Orchestermanagement sollen innovative Studiengänge entwickelt und umgesetzt werden, angeregt wird zudem, die Pflege Neuer Musik auch nach Auslaufen der Bundesförderung als stetigen Prozess fortzusetzen.

„Willkommen am Wettiner Platz – wir sind schon da!“

Neben so handfesten Plänen wirkt eine weitere Idee Ekkehard Klemms geradezu visionär, doch er hält für möglich, das Kraftwerk Mitte als Kulturareal zu gestalten, in dem neben Operette und TJG Erprobungsstätten der Hochschüler etabliert werden. Erst einmal muss aber die „unbefriedigende Situation des im Vergleich mit anderen Hochschulen finanziellen Ungleichgewichts“ bereinigt werden. Denn mit Bologna und anderen Reformen sind in vier Bachelor-Jahren nun Inhalte aus zuvor fünf Diplom-Jahren komprimiert, was Mehraufwand schaffe. Der Rektor trägt schließlich Verantwortung für knapp 600 Studenten und obendrein für 150 Gymnasiasten.

 

Eine Textfassung des Artikels ist am 16. Dezember in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

20.12.2010Features