„Wo Semperoper drauf steht, muss auch Semperoper drin sein.“ Intendantin Dr. Ulrike Hessler im Gespräch

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„Wo Semperoper drauf steht, muss auch Semperoper drin sein.“ Intendantin Dr. Ulrike Hessler im Gespräch

Ein bisschen scheu nehmen die gut ein Dutzend Studenten des Instituts für Musikwissenschaft am langen Tisch im neuen Besprechungsraum der Opernintendantin Platz. Jetzt wird es ernst: für manche der angehenden Musikkritiker ist dies das erste Interview, das sie in ihrem Leben führen. "Dafür" – Intendantin und Pressereferentin sind sich nach dem lebhaften Gespräch einig – "haben Sie ganz schön professionell nachgehakt…" Ein Gesprächsprotokoll.

"Deutschlands schönste Brauerei" hat eine Chefin, die das Image des Hauses überdenkt (Fotos: www.semperoper.de, abgerufen am 12. August 2010)

Frau Dr. Hessler, welche Angebote halten Sie für die jüngeren Besucher der Semperoper bereit?

Wir haben mit der Semperoper Junge Szene eine eigene Sparte geschaffen. „Gisela! oder: Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“ von Hans Werner Henze hatte kürzlich ihre erfolgreiche Premiere, „Dido and Aeneas“ von Henry Purcell stand im Dezember an, im nächsten Jahr folgen „Der gestiefelte Kater“ von Cesar A. Cui und das Ballett „Cinderella“. Die Stücke lassen ab der 1. Klasse kein Alter aus und können sowohl von den Kindern und Jugendlichen als auch von ihren Eltern genossen werden. Dazu bieten wir ein umfassendes Begleit-Programm an: Schulklassen können sich zum Beispiel in der Semperoper umsehen, oder ein Mitarbeiter der Semperoper kommt direkt in die Schule.

Wir haben gerade eine neue Spielstätte unter anderem für die Junge Szene erschlossen: Semper 2 (Probebühne). Langfristig wollen wir das alte Restaurant in der ersten Etage als Theaterbühne für unsere jungen Talente umbauen lassen. Das kann allerdings noch dauern, denn uns fehlen momentan die finanziellen Mittel.

Welche praktischen Erfahrungen konnten Sie aus München mitnehmen?

Keine. Ich musste mich wieder völlig neu orientieren, denn als Intendantin eines so großen Hauses muss man sich schon auf neue Aufgaben einstellen können.

"Ich musste mich völlig neu orientieren"

Haben Sie überhaupt „alltägliche“ Tagesabläufe oder gibt es immer wieder etwas Neues, auf das man sich gar nicht einstellen kann?

Normalerweise bin ich ab 9 Uhr im Haus und erledige dann verschiedenste Dinge, führe Telefonate, beantworte E-Mails, habe Sitzungen. Vormittags finden meistens Proben statt, bei denen ich auch manchmal dabei bin und schaue, was man noch verbessern könnte. Und dazwischen habe ich Pressetermine, Termine mit Dirigenten, Telefonate. Aber es kommt schon vor, dass mal etwas Unvorhergesehenes passiert. Dass zum Beispiel ein wütender Regisseur vor meinem Schreibtisch steht und mit mir schimpft, oder dass die Proben plötzlich verschoben werden müssen.

Abends besuche ich meist eine Aufführung, entweder hier im Haus, oder ich gehe mal woanders hin. Bei uns gehe ich mir auch das Publikum anschauen, gehe vor den Vorstellungen nach draußen, um zu sehen, wo man ansteht, wann die Türen geöffnet werden.

"Wo steht man an, wann werden die Türen geöffnet?"

Sie sind nun über drei Monate im Amt und haben schon eine Menge Kritik bekommen. Allein die öffentliche Reaktion auf Ihre radikale Änderung des Logos der Semperoper war Stoff genug für einige Zeitungsartikel, oder das neue Layout der Website. Wie gehen Sie damit um?

Kritik ist absolut normal, über Geschmack lässt sich streiten. Das frühere Logo war als solches einfach nicht geeignet, es war ein Foto und daher schwierig zu platzieren. Ein Logo muss einprägsam und einfach sein, außerdem passte es gut, dass man dadurch diesen Schlüssellocheffekt hat. Die Internetseite haben wir neu layouten lassen, um uns auch an neue Medien anzupassen. Die Tatsache, dass die Seite einige Fehler hatte, ist natürlich peinlich und hätte uns nicht passieren dürfen, das ist allerdings mittlerweile wieder behoben.

Der Durchschnitt der Semperoperbesucher ist 50 Jahre alt – und seine Eintrittskarte wird mit 100 Euro subventioniert.

Hier auf dem Tisch liegen die beiden Ausgaben der Semper, die Zeitung von und für die Semperoper. Wie ist denn das Durchschnittsalter der Besucher? Ich denke so 60 oder 65 Jahre? Die kleinen Buchstaben, Seitenzahlen, Autorennamen, das kann doch keiner ohne Brille lesen!

Nein, der Durchschnitt der Semperoperbesucher ist 50 Jahre. Und ich hoffe doch sehr, dass junge wie ältere Menschen das Magazin lesen.

Die Radeberger-Werbung ist ein Segen und ein Fluch für das Haus…

Ein Fluch deswegen, weil man die Semperoper sofort mit Bier assoziiert. Außerdem ist es sehr schade, dass auf dieser Werbung die Architektur der Semperoper den Vorrang vor der künstlerischen Arbeit und der Musik hat. Das sollte nicht so sein.

Die Touristen, die jährlich nach Dresden kommen, sehen sich meist nur die Semperoper von außen an, fotografieren sie und vergessen dabei ganz, sie auch von innen bei einer Aufführung zu betrachten. Andererseits ist die Werbung auch ein Segen, weil die Semperoper generell ein hohen Bekanntheitsgrad durch das Fernsehen hat.

"Die künstlerische Arbeit soll Vorrang haben."

Die aktuellen Opernpremieren sind: “Daphne, Gisela, Rusalka, Poppea, Iolanthe, Anna Bolena und nicht zuletzt die diebische Elster. Ist dieser “Überhang” an weiblichen Hauptpersonen Zufall oder augenzwinkernd gemeint?

Natürlich wurde ich schon oft gefragt, wie man sich als Frau an der Spitze eines so großen Hauses fühlt. Da hätte ich dann immer am liebsten geantwortet, „ich habe mich seit 50 Jahren daran gewöhnt, eine Frau zu sein“ . Die Namen und Figuren sind rein zufällig weiblich. Ich denke, es müssen keine Unterschiede zwischen Frauen und Männer gemacht werden, solange die Arbeit und das Engagement stimmen.

Wie verhält es sich mit dem sozialen Netzwerken; ihre Facebook-Seite ist tot, kommt da noch etwas?

Das stimmt leider. Soziale Netzwerke sind heute ein sehr wichtiges Medium, das wir auch nutzen wollen, um an die jüngere Bevölkerung heranzukommen. Wir sind dabei, diesen Bereich aufzubauen. Wer sich mit uns beschäftigen will, der kann uns aber auch jetzt schon erreichen. Wir müssen uns nicht aufdrängen.

Bei der letzten Haushalts-Demonstration waren auch einige Vertreter kleinerer sächsischer Theater zugegen, die gegen die Abschaffung der kleinen Häuser demonstriert haben. Vertreter der Semperoper habe ich nicht gesehen.

Ich habe die Mitarbeiter des Hauses durchaus auf die Demonstration aufmerksam gemacht, allerdings bestand bei uns ein Gewissenskonflikt, denn an der Semperoper ist ja nichts eingespart worden, im Gegenteil, für die Tarifsteigerungen wird voraussichtlich sogar zusätzliches Geld bereitgestellt. Ich finde aber, dass Kultureinsparungen, wie sie jetzt in Leipzig verhandelt werden, eine der verlogensten Sachen überhaupt sind. Die Ausgaben für Kultur machen in jedem öffentlichen Haushalt schließlich weniger als ein Prozent aus!

Studenten können eine halbe Stunde vor Aufführungsbeginn Karten für zehn Euro kaufen. Leider bekommt man dann nicht mehr die Werkeinführung mit, die ja gerade für Studenten oft sehr interessant ist, weil man vielleicht einige Werke noch nicht so kennt.

Tatsächlich, das ist ein Problem, das wir so bald wie möglich klären müssen. Man kann allerdings als Student für ausgewählte Vorstellungen auch Karten im Voraus kaufen. Aber ja: Gute drei Monate bin ich nun da, und einige Dinge, die vielleicht der Betriebsblindheit geschuldet sind, habe ich noch gar nicht entdeckt. Wir müssen und werden uns darum kümmern!

In den vergangenen Tagen war in der Zeitung zu lesen, sie hätten Änderungen beim SemperOpernball angemahnt. Eine Pressemeldung der Ballveranstalter folgte auf dem Fuße: Hans-Joachim Frey sieht keinen Anlass für Kurskorrekturen. Können Sie denn Ihre Vorstellungen, wie sich der SemperOpernball und das Team dahinter zukünftig wandeln müssten, noch einmal zusammenfassen, damit ggf. ein konstruktiver Austausch abseits hektischer Tageszeitungszitate möglich wird?

Wir müssen mehr Einfluss auf das künstlerische Programm inklusive Moderation bekommen, auch auf die Gästeliste, die Vergabe der Karten etc. Der Ball heißt "Semperopernball". Und wo Semperoper drauf steht, muss auch Semperoper drin sein. Wir haben bereits im neuen Vertrag für 2012 etliche Punkte fixieren können, dennoch wird es von der Kooperationsbereitschaft des Ballvereins abhängen, ob man zu einem gemeinsamen Konzept kommt, das auch mit dem Profil der Semperoper vereinbar sein muss.

Frau Dr. Hessler, wir danken Ihnen für das Gespräch.

15.12.2010Interviews