Mädchen, welche Liebe fühlen

Rezensionen

Mädchen, welche Liebe fühlen

Jugendliche als Zielgruppe anzusprechen, tut sich die Oper schwer. Sind die Knirpse den Märchenstücken entwachsen, werden andere Dinge wichtig: Clique, Küssen, Shoppen… Lese ich die Facebook-Seiten meiner schulpflichtigen Cousinen, werden aus fünfzehn Lebensjahren Altersunterschied gefühlte Lichtjahre. Oper? *schäm*. Ist doch voll peinlich.

Mädchen, welche Liebe fühlen (Fotos: M. Creutziger)

Manfred Weiß, Künstlerischer Leiter der neuen Semperopernsparte "Junge Szene", hat mit seiner Inszenierung von "Dido and Aeneas" am Sonntag die neue Probebühne "Semper 2" eingeweiht – und einen gutmütigen Brückenschlag versucht. Gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Ilona Lenk schafft er es, den Internats-Schlafsaal, in dem fünf Schülerinnen eine liebeskranke Freundin aufmuntern wollen und dafür die Purcell-Oper improvisieren, stimmig zu bespielen. Wohl gilt es zu verdrängen, dass heutige Internatszöglinge sich zum Trösten wohl eher mit harten Getränken vor den DVD-Spieler lümmeln, als freiwillig dreihundert Jahre alte Opern nachzuspielen. Aber nach einem gekünstelten Sportfest-Siegestaumel passen die Regie-Puzzleteile. Mit Bettüchern, Ikealampen und -Stühlen wird die Welt um Dido, Königin von Karthago, und den von ihr angeschmachteten trojanischen Helden Aeneas, lebendig – und der Freundinnenkummer schmilzt. Bis die Beteiligten nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden…

Dem Publikum gefiel, wie die Sängerinnen aus den klassischen Sängerrollen ausbrachen, diebisch lachten und hexenhaft kreischten. Dabei hat Stephanie Atanasov mit der Karthagerkönigin eigentlich die kleinste Rolle gefangen – bis ihre berückende Sterbearie erklingt. Insgesamt hätte der Regisseur die stilistische Kluft zwischen Schlafsaalrealität und gespieltem Operntraum schärfer als improvisierten Prozess zeichnen können. So wirkten doch viele bekannte Theater- und Schattentricks wie lange und sorgfältig einstudiert.

Der einzige Schwachpunkt des vergnüglichen Einstands für die neue Probebühnen-Spielstätte ist denn – wenn man davon absieht, dass die hinteren der schwach ansteigenden Ränge von der Bühnenhandlung manchmal nichts sahen – die Musik. Auf altes Instrumentarium können die Zuhörer vielleicht verzichten. Aber das unbekümmert kraftvolle Tschaikowski-Vibrato ihrer ersten Geige hätte die musikalische Leiterin Laura Poe, selbst Mitglied im Jungen Ensemble Semperoper, abstellen müssen.

Nächste Aufführungen: 17., 18., 20., 21. Dezember, jeweils 19 Uhr
Ort: Semper 2 (Probebühne der Semperoper)
Karten: Tel. 4911705

Eine Textfassung des Artikels ist am 14. Dezember in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

15.12.2010Rezensionen