Winterkorrespondenz vom Ring: Leipzig schmiedet am Comic

Rezensionen

Winterkorrespondenz vom Ring: Leipzig schmiedet am Comic

Bereits im April kam der erste Teil der Tetralogie in Leipzig heraus. Inszeniert von Chefregisseur Peter Konwitschny. Der hatte bereits vor zehn Jahren mit seiner Stuttgarter „Götterdämmerung“ für Furore gesorgt und längst auch andere Wagner-Opern herausgebracht. Sein Vorabend trug allerdings den Titel „Alkestis“, war nicht von Wagner, sondern von Christoph Willibald Gluck. In der Tat: Der Leipziger „Ring“ zum 200. Geburtstag von Wagner ist ein „Gluck-Ring“!

Jetzt kam eine herbstlich bunte „Iphigenie in Aulis“ hinzu, „Iphigenie auf Tauris“ und „Armida“ sollen folgen. Das Argument, dies zu begründen, klingt flapsig: Wagner werde zum anstehenden Jubiläum überall gespielt, den „Gluck-Ring“ halt nur Leipzig. Ein Alleinstellungsmerkmal, dem die Wagner-Verbände in aller Welt sicherlich heftig Applaus spenden.

Aber vielleicht freut sich die Gluck-Gemeinde? Oder wenigstens die Fans von „Asterix und Obelix“?! Denn die „Alkestis“ nahm in ihrem Schlussbild schon mal das Entree der „Iphigenie“ vorweg: Am Ufer von Aulis eine römisch (!) anmutende Zeltlandschaft. Dort, wie wundersam, ist die Flotte des Griechen (!) Agamemnon gestrandet. Schlaffe Segel, dem Libretto zufolge, wo doch die kämpferische Männerschar so gern in den Krieg gegen Troja stürmen würde. Im Hintergrund des Bühnenbilds von Jörg Kossdorff hängen jedoch gereffte Segel am Mast. Schlaff geht anders. Die Flaute der kriegslüsternen Herren ist von einer Frau ausgelöst worden, von Göttin Diana, deren heilige Hirschkuh blöderweise der Griechen-Heroe Agamemnon umgebracht hat. Der soll nun seine Tochter Iphigenie opfern, wenn er Wind haben will. Die ist aber dem Helden Achill versprochen. Ein Konflikt zwischen ehrlicher Vaterliebe, doofer Opferbereitschaft, gottesgläubiger Selbstverleugnung und brünstiger Kriegsherrenlust.

Doch solang die Menschen Gottheiten anbeten, werden sie deswegen bluten. Und andere Menschen dafür bluten lassen. Es steht zu befürchten, dass sie so weitermachen, bis sie völlig ausgeblutet sind. Zu Homers Zeiten war Götterkult und der Glaube an Vorbestimmtheit durch „höhere Wesen“ mangels Aufklärung noch angesagt und verständlich. Inzwischen sind bald an die dreitausend Jahre vergangen, doch der Mythendichter steht immer noch sinnbildlich blind auf der Bühne. Bei Konwitschnys „Iphigenie“ trifft er in einem Vorspiel auf den komponierenden Ritter Gluck. Sie kennen einander nicht, wie sollten sie auch, aber sie fordern vom Publikum im Saal, die Mobiltelefone auszuschalten und nicht zu fotografieren. Hätten sie doch ähnlich viel Taktgefühl auch vom Orchester verlangt!

Die in den Operngraben entsandten Musikerinnen und Musiker aus dem Gewandhaus folgten zwar brav den Einsätzen von Gastdirigent Nicholas Kok, gluckten dann aber in reichlicher Eigendynamik unabhängig von Solisten und Chor auf und davon. In der zweiten Vorstellung jedenfalls, die – obwohl Gluck!, obwohl Freitag!, obwohl Kulturdebatte! – nur sparsam besucht war, klapperte es derart, dass antike Verständnisprobleme von Griechen und Römern fröhlich Urständ zu feiern schienen.

Die Tempi von Bühne und Graben fügten sich ähnlich passabel zusammen wie der inszenierte Ulk und die historische Ernsthaftigkeit der Parabel um Opferwahn und Frauenleid. Was, bitteschön, hatte Iphigeniens klamottiger Einzug mit rosa Plüschpantoffeln, großen Sonnenbrillen und ihrer fliederfarben schrillen Mutter Klytämnestra aber damit zu tun (Kostüme Michaela Mayer-Michnay)? Was die grellgrünen Kostümkrieger, die kniefrei mit ihren Plastikschwertern zu wedeln hatten und zu deren Deklamatorik eigentlich nur noch lurchiges Quaken fehlte? Am ehesten nachvollziehbar noch die Reduktion der Welt als eine sich drehende Scheibe, denn so müssen es Agamemnons Froschmänner damals gesehen haben. Dort standen die Zeltstatt ebenso wie der göttlich geweihte Opferaltar wie im Zentrum des Alls.

Klamauk auf der Bühne, Klappern im Graben; das war nichts, Leipzig (Fotos: A. Birkigt)

Für Kurzweil und Ärger sorgten hohle Klamaukszenen mit Kindern, Kleinkindern und einem Trojanischen Spielzeugpferd, unsinnige Verkleidungen mit der Musik von Klettverschlussknistern und der ewig depperte Achill-Gefährte Patrokles mit Hinkebein und Hakenhand. Kann es sein, dass, wer von Peter Konwitschny mit Selbstverständlichkeit geniale Deutung erwartet, zu viel verlangt? Bisher hat dieser Regisseur doch noch jeder Partituren neue Sicht abgewinnen können.

Hier aber scheint das Desavouieren dümmlichen Militärs lediglich mit der Attitüde dümmlichen Militärs, also höchstens auf halbem Wege gelungen. Die Vorführung gottesfürchtiger Vernunftwesen bleibt in der Vorführung stecken. Und das ewige Geschlechterthema wirkt weniger ausgereizt denn verraten. Allem Priestergehabe zum Trotz liegt letztlich ein drolliges Plüschvieh auf dem Opferaltar, über dieses Gotteslamm lacht die Jagdgöttin Diana herzhaft aus einer Loge. Sie ist als Miss Liberty ausstaffiert, die Freiheitsstatue stößt mit einem Glas Sekt an – Iphigenie darf sich freuen und berauschen, während sich die Horden der unbelehrbaren Männer endlich gen Troja aufmachen können. Dann nach einem krachenden Schuss mit Glitzerkonfetti über die im Parkett sitzenden Häupter wallen plötzlich die Segel im Bühnenwind.

Durch den Titelpart dieser Comic-Oper spielte sich Manuela ziemlich anständig. Sie bot stimmliche Schönheiten auf, wirkte in diesem Fach aber recht fremd. Auch Karin Lovelius als Klytämnestra hielt da mit und sang, pinkig sonnenbebrillt, mit ziemlicher Klasse. Tenorale Brillanz bewies Mirko Roschkowski als feister Achilles, sein Fast-Schwiegervater Agamemnon geriet ihm zum Widerpart und wurde von Anosshah Golesorkhi auch als solcher gesungen, er enttäuschte ziemlich überanstrangt. Immerhin lehrte James Moellenhoff als klandestiner Priester Kalchas seine Gegenspieler mit kraftvollem Bass das Fürchten. Als lachende Letzte gab Jennifer Porto mit ihrem siegesgewissen Sopran eine glockenreine Diana.

Der Leipziger „Gluck-Ring“ wird in Konwitschnys Handschrift fortgesetzt werden. Schon vor Teil 3 und Teil 4 gibt es am 5. Dezember einen sogenannten Mythentag: Vormittags, nach einer Einführung durch den Chefregisseur, „Alkestis“, dann erlabende „Speisen wie die alten Griechen“ und/oder Museumsführungen zu gewandelten Götterdarstellungen (von der Antike bis zu Michael Triegel), abends „Iphigenie“ und abschließend ein Publikumsgespräch mit Regisseur Peter Konwitschny.

Termine: 5. und 21.12.2010, 16.1.2011

30.11.2010Rezensionen