Leichen in Leuben

Rezensionen

Leichen in Leuben

Nein, auf aktuelle politische Entscheidungen des Dresdner Stadtrates zur Zukunft der Staatsoperette spielt diese Inszenierung nicht an, damit haben die Särge im Schlussbild nichts zu tun. Sie dokumentieren unübersehbar, dass nicht alle, die in einen Krieg ziehen, und sei es auch ein Operettenkrieg, so heimkehren, wie sie los gezogen sind. Das könnte man auch wissen ohne einen solchen Wink mit Hammer, Sichel oder Pfahl vom Zaune, den weder Textbuch noch Musik verlangen, ist aber gut gemeint nur leider alles andere als gut gelungen.

So ist ein verstörender Eindruck an diesem Abend der ungewohnt sparsame Schlussapplaus. Dabei gibt es in musikalischer Hinsicht eine ganze Reihe hervorragender Eindrücke, die diese Produktion auszeichnen. Ganz obenan das Orchester unter Ernst Theis, dessen Spiel sowohl den ernsten romantischen Einschlag der Musik betont als auch die geschickt gesetzten Überhöhungen folkloristischer Elemente. Das Walzerrauschen, das man erwarten kann, bleibt elegant im Maß lässt dennoch manche Raffinesse aufblitzen. Zu bewundern ist insgesamt der schlanke Klang, die Eleganz der Melodie und das bei einer schon im Werk nicht gänzlich austarierten Mischung aus Opernanspruch und musikalischen Lustspielelementen.

"Tänzerinnen mit Schweineschnäuzchen" (Foto: K.-U. Schulte-Bunert)

Dazu Sängerinnen und Sängern, denen man gern zuhört, mag die Gewichtung unterschiedlich sein, am Ende begeistert in musikalischer Hinsicht ein wunderbares Ensemble. Allen voran Jessica Glatte als junge Zigeunerin Saffi von unerkannt königlicher Abstammung, Christian Grygas, der mit schöner Stimme das unschöne Handwerk des Kriegswerbers beherrscht oder Hans-Jürgen Wiese als Schweinezüchter und Spezialisten für Haxen und Kraut, samt zierlicher aber zielstrebiger Tochter namens Arsena, der Isabell Schmitt helle Töne gibt und wunderbar gewichtig in jeder Beziehung, Sofie Lorentzen als Zigeunerin Czipra. Dazu der „Neue“, einen Tenor wie Richard Samaek begrüßt man ausgesprochen gern in Dresden. Spitzengesang bedeutet bei ihm weitaus mehr als die Produktion routinierter Spitzentöne, zeichnet doch seinen Zigeunerbaron vornehmlich musikalischer Adel aus.

Eher hilflose Arrangeurin: Rita Schaller

Dazu in lähmendem Widerspruch die Inszenierung von Rita Schaller, entsprechend ausgestattet von Barbara Blaschke. Ganz sicher muss man den propagandistischen Gestus des Werkes, in dem der habsburgische Weltmachtanspruch letztlich über allem steht und selbst die Zigeuner ihre Freiheit opfern zugunsten einer Pflicht fürs Vaterland, das ihre Opfer gerne nimmt, ohne jemals das ihre sein zu wollen, beachten und herausarbeiten. Dazu böte die Geschichte vom „Zigeunerbaron“ – dessen Land ein geschäftstüchtiger Schweinefürst unter Wasser gesetzt hat – dem der natürliche Adel letztlich mehr bedeutet als der des Geldes, bei allen Klippen ihrer nicht gänzlich nachvollziehbaren Dramaturgie etliche Ansätze. Ganz zu schweigen von der Provokation musikalischer Schlachtenrufe zum Mitmachen, vor denen sogar auf dem Zwischenvorhang die Gänse fliehen.

Da reichen drei Särge am Ende nicht, wenn zuvor die Handlung schon aus rein organisatorischen Gründen mühsam von einer Szene zur anderen stolpert und ein hilfloses Arrangement das andere ablöst. Schöner Einfall vielleicht, wenn auch inzwischen nach den Filmwellen des schrägen Balkanpops hinreichend bekannt, eine Zigeunerkapelle einzufügen, nur wie kommen die Herren auf die Bühne, und wie kommen sie wieder herunter. Das gilt dann später auch für Mitglieder des Orchesters, die als Kaffeehausmusiker auf die Bühne beordert werden und ihre Pflicht erfüllen.

Durchaus legitim, hier und da die Handlung ironisch zu überhöhen, aber bitte etwas raffinierter als Tänzerinnen mit Schweineschnauzen Torten servieren zu lassen. Eigentlich war man auch auf dieser Dresdner Bühne schon mal weiter entfernt von der Ästhetik dumpf wuselnden Frohsinns auf Ansage, hingesetzter und vergessener Protagonisten und irgendwie ins Geschehen geschickter Kinder. Schön wär´s gewesen auch an diesem Abend wieder mal zu wissen, dass Operette eine Kunst ist fürs Kulturkraftwerk, nicht für ein Loch am Hauptbahnhof, selbst wenn es Wiener Loch genannt wird. Aber wie singt der Zigeunerbaron walzerbeschwingt in seinem Auftrittslied, „Ja das alles auf Ehr´ist nicht schwer…wenn man´s kann, ungefähr…“.

Eine Textfassung des Artikels ist am 1. November in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

02.11.2010Rezensionen