Klassische Moderne in Rot

Rezensionen

Klassische Moderne in Rot

Ein Blick zurück und einer nach vorn: Am 15. Juni 1969 dirigierte der damalige Chefdirigent Kurt Masur die Dresdner Philharmonie zum letzten Mal im Kongress-Saal des Deutschen Hygiene-Museums. Auf dem Programm stand „Das Lied von der Erde“ von Gustav Mahler. Seitdem musiziert das Orchester im Kulturpalast und hofft dort auf bessere Akustik nach einem Umbau. Der Traum vom neuen Konzerthaus, in dem einmal alle Dresdner Orchester perfekt klingen könnten, scheint ausgeträumt. Statt dessen soll nun auch noch das Albertinum bespielt werden, in dessen neu geschaffenem Lichthof gastieren das Singapore Symphony Orchestra (20.10.2010) und das Gewandhausorchester Leipzig (5.6.2011), letzteres ausgerechnet mit der Orgel-Sinfonie von Camille Saint-Saëns. Akustiker werden gewiss ihre Freude dran haben. Oder sie lassen sich überraschen.

Foto: Anders Winter

Überrascht wurde das Publikum nun nämlich auch mit der Wiedereinweihung der Spielstätte im Hygiene-Museum. Der 50er-Jahre-Saal wurde komplett entkernt, Architekt Peter Kulka hat eine Art Aquarium in Rot geschaffen. Eröffnet wurde der Saal, fortan der Ort für die Reihe „Philharmonie im Museum“ im Beisein des Ehrendirigenten Kurt Masur. Dirigiert aber hat dessen Sohn Ken-David Masur, der Chefdirigent beim San Antonio Symphonieorchester in Texas ist. Auf dem Programm stand – Überraschung?! – „Das Lied von der Erde“ von Gustav Mahler. Diesmal freilich in der erst 2006 vollendeten Kammerorchesterfassung von Glen Cortese. Die volle Originalbesetzung hätte hier keinen Platz gefunden.
Um das Monumentalwerk luzider zu machen, hatte sich bereits Arnold Schönberg an eine Version für kleine Besetzung gewagt. Aber die musste Fragment bleiben. Die nun gehörte Fassung des Amerikaners Cortese legte so manch Feinheit frei, die bei großem Orchester oft übertönt, übertüncht wird. Sie verlangt freilich nach schier solistischem Feingefühl aller Instrumentalisten – und sie gibt endlich auch den beiden Gesangssolisten mehr Freiheit, sich zu entfalten und bestens textverständlich aufzutreten. Mit der Mezzosopranistin Alexandra Petersamer und dem Tenor Stephan Rügamer war eine gute Wahl getroffen, denn beide fügten sich ins Konstrukt und gestalteten ihre Parts doch mit einer Entfaltung, die nie überflügelte.

Ken-David Masur führte Orchester und Solisten mit einem hervorragenden Gespür für die Binnendramatik durch das Werk, an dem das heftig applaudierende Publikum offenbar seine Freude hatte. Bei so manchem Gast im Saal schwang gewiss ein Pathos der Erinnerung an frühere Konzerte mit. Die dürften sicherlich frei von störendem Klimaanlagengeräusch über die Bühne gegangen sein – der Wohlstand hat eben auch seine Tücken.
Übrigens: Vater Masur wird „sein“ Orchester in zwei Sonderkonzerten in der Frauenkirche dirigieren: am 24. Oktober 2010 mit Bruckners 3. und am 21. Mai 2011 mit dessen 7. Sinfonie.

20.10.2010Rezensionen