Ein Leben für die Oper

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Ein Leben für die Oper

Foto: A. Birkigt

Es ist, als ob die Lebensgeister ihre Liebe zum Drama, zur Oper entdeckt haben: Regisseur Joachim Herz, der am 9. Oktober 1960 das Neue Opernhaus Leipzig festlich mit seiner Inszenierung von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ eingeweiht hat, ist am Montag, nur kurz, nachdem er am 9. Oktober 2010 die neuen „Meistersinger“ in Leipzig zum 50. Geburtstag des Hauses besuchte, gestorben. Auch Dresdens „Daphne“ hat er noch einen Premierenbesuch abstatten können. Doch nicht Wagner, nicht Strauss – Bach war er, den Herz in seinen letzten Augenblicken gehört hat. Dessen Orchestersuite Nr. 4 hat ihn auf seinem letzten Weg begleitet. Ein Abschied in D-Dur. Als hätten da tatsächlich irgendwelche wohlmeinenden Geister Regie geführt.

Doch in Wirklichkeit war natürlich er es, der die Fäden in der Hand hielt bis fast zum Schluss. Nachdem er dem tödlichen Februar-Sturm, der im Winter 1945 seine Geburtsstadt Dresden hinwegfegte, glücklich entronnen war – der damals Zwanzigjährige hatte Heimaturlaub von der Front –, sollte ihn nichts mehr umfegen können. Als er damals vor den Trümmern der Semperoper stand, wird er nicht geahnt haben, dass dieses Haus je wieder bespielt wird, geschweige denn, dass zu ihrer Eröffnung zwei Inszenierungen von ihm aufgeführt werden.

Nein, nach dem Ende des Kriegs setzte der einstige Schüler der Kreuzschule erst einmal seine Klavier- und Klarinettenausbildung fort, studierte an der Musikhochschule Höheres Lehramt, Kapellmeister sowie Opernregie und debütierte 1950 am Kleinen Haus mit Richard Mohaupts „Bremer Stadtmusikanten“. Von 1951 bis 1953 wirkte er als Regisseur der damaligen Landesoper in Radebeul und dozierte bereits an der Hochschule. Die wohl prägendste Station war sicherlich Berlin, wo Herz von 1953 bis 1956 als Regisseur an der Komischen Oper tätig war und als Assistent Walter Felsensteins mit dessen Sicht auf realistisches Musiktheater konfrontiert worden ist.
Dieses humanistische Herangehen, das Ernstnehmen der Kunst und vor allem sein Verständnis der Oper als moralische Anstalt haben das Wirken von Joachim Herz ausgemacht. Opernregie war stets aus dem gemeinsamen Empfinden von Partitur und Libretto gespeist, als Theater aus dem Geist der Musik.

Foto: H. Wallmüller (1960)

Schon in jenen Jahren gab Herz sein Wissen als Dozent in Dresden sowie per Lehrauftrag in Berlin und Köln weiter. Am Opernhaus der rheinischen Metropole wirkte er 1956/57 als Regisseur, bevor er zunächst als Oberspielleiter und von 1959 an als Operndirektor nach Leipzig wechselte. Immer wieder nannte er diese Zeit, in der neben mehreren unvergesslichen Wagner-Produktionen auch Werke von Berg, Borodin, Britten, Mozart, Mussorgski, Prokofjew, Puccini, Schostakowitsch, Strauss, Tschaikowski, Verdi und vielen anderen Komponisten in seiner Lesart inszeniert worden sind, als die fruchtbarste Zeit seines Lebens. Mehrere Produktionen wurden auf internationalen Gastspielreisen gefeiert, allein mit Händels „Xerxes“ bereiste das Leipziger Ensemble ab 1973 tatsächlich alle Welt. Legendär aber blieb vor allem der „Ring des Nibelungen“ in Erinnerung, der bis 1976 entstand und eine durchaus auf den sogenannten Jahrhundert-„Ring“ von Patrice Chereau in Bayreuth auszustrahlen vermochte.

Nach diesen fruchtbaren Jahren in Leipzig, während der Joachim Herz bereits weltweit als Gastregisseur gefragt war und wiederholt am Teatro Colón in Buenos Aires, in Moskau, Vancouver sowie in ganz Ost- und Westeuropa inszeniert hat, folgte als nächste Station erneut Berlin. Von 1976 bis 1981 war er Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper, hinterließ eine Fülle von Inszenierungen und stets auch von Diskussionsstoff.
Erst danach kam der heute als Altmeister des modernen Musiktheaters geltende Opernregisseur wieder in seine Heimatstadt, in der er 1985 die wiedererrichtete Semperoper mit Carl Maria von Webers „Freischütz“ und dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss eröffnete. Schostakowitschs „Nase“, Strauss‘ „Salome“, Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“ und manch weitere Inszenierung sind im Semperbau gefolgt, bis dann Janáceks „Schicksal“ 1991 einen Schicksalsschlag auch für Joachim Herz bedeutete.

Er wurde in den Ruhestand geschickt, der bis zuletzt ein Unruhestand bleiben sollte. Manch internationales Opernhaus leistete sich den Luxus, diesen Regisseur zu Wiederaufnahmen seiner Inszenierungen regelmäßig einzuladen. Udo Zimmermann holte ihn 1991 erneut nach Leipzig, wo er „Le Grand Macabre“ von György Ligeti herausbringen durfte. An den Landesbühnen Radebeul war er mit „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill zu Gast, und schließlich konnte er im neuen Saal der Leipziger Musikhochschule noch einmal direkt mit dem künstlerischen Nachwuchs arbeiten und eine frische Sicht auf „Così fan tutte“ von Wolfgang Amadeus Mozart entwickeln.

Foto: Andreas Birkigt

Die Summe seines unermüdlichen Arbeitens: 126 Inszenierungen, zahlreiche Publikationen, unzählige Schriften und Vorträge, nicht wenige Fehden sowie ein unermesslicher Postverkehr. Allein der bis zum Schluss nie versiegende Mitteilungsdrang – mal ging es um eigene Produktionen, oft um Premierenbesuche, nicht selten auch um die Rolle des Theaters ganz allgemein – dürfte dem Unternehmen Deutsche Post immense Umsätze beschert haben.

Joachim Herz liebte und lebte die Oper. Er konnte flammende Reden halten, übrigens nichts nur über die eigene Arbeit. Sein Opernfilm „Der fliegende Holländer“ und die dänische Fernsehproduktion des „Xerxes“ zeugen auch von der Begegnung mit neueren Medien. Dass aber ausgerechnet dieses omnipotente Fernsehen keinen Mitschnitt von Leipzigs „Ring“ produziert hat, dürfte nicht nur den Leipziger Professor und – seit 2009 – Ehrendoktor der Dresdner Musikhochschule gegrämt haben. Es wäre eine schöne Hommage auf diesen Altmeister des modernen Musiktheaters gewesen.

19.10.2010Features