Frauenoper, die erste oder: Alles Fischer und Schäfer

Features

Frauenoper, die erste oder: Alles Fischer und Schäfer

Als die Richard-Strauss-Oper „Daphne“ vor genau 72 Jahren in Dresden uraufgeführt worden ist, wurde sie mit dem wenig zuvor in München herausgekommenen „Friedenstag“ kombiniert. Wenn die „Daphne“ nun am 2. Oktober als Antrittspremiere der aus München nach Dresden gekommenen Intendantin Ulrike Hessler erstmals seit 51 Jahren wieder auf diese Bühne kommt, wird sie zwar pur aufgeführt – eine Art „Friedenstag“ könnte aber dennoch damit verbunden sein.

Wie Regisseur Torsten Fischer vorab verriet, kann und will er diese besondere Oper an diesem besonderen Ort nicht inszenieren, ohne deren Entstehungszeit mit zu berücksichtigen. Dabei auf einen Dirigenten wie Omer Meir Wellber zu treffen, muss ihn als politisch denkenden Künstler besonders freuen: „Ein Israeli und ein Deutscher arbeiten an dieser 1938 uraufgeführten Oper und zeigen nach all dem, was zwischen unseren Völkern geschah, wie man es auch machen kann.“ Damit sei nicht nur die gute Zusammenarbeit gemeint, in der es kaum eine Trennung zwischen szenischen und musikalischen Proben gebe, statt dessen ausschließlich ein gemeinsames Arbeiten an der Sache, sondern bereits ein Brückenschlag zum Thema dieser Neuproduktion.

Eine Besonderheit sei diese Arbeit ja nicht nur, weil der Antritt einer neuen Leitung an der Semperoper mit geballtem Interesse wahrgenommen werde, auch nicht, weil es ein Werk des einstigen „Hausgotts“ Richard Strauss ist, sondern, so Fischer: „Es ist ‚Daphne‘. Und ‚Daphne“ ist eine sehr spezielle Oper.“

Für Omer Meir Wellber gibt es einerseits sowieso keine „normale“ Produktion, schon gar nicht, wenn man als 1981 geborener Dirigent die Saisoneröffnung der Sächsischen Staatsoper übernehmen dürfe, wie er im Gespräch betont. Und andererseits sei hier ja „mehr als der Hausgeist“ zu bedienen, nämlich „eines des Schlüsselwerke von Richard Strauss“. Er schwärmt von der Staatskapelle, die ihn bereits nach den ersten Proben fasziniert hat: „Unglaublich, was hier schon in einer Bühnenorchesterprobe für ein Niveau geboten wird!“

Regisseur und Dirigent sind sich darin einig, diese Oper nicht herausbringen zu können, ohne zu bedenken, „wann und von wem und unter welchen Umständen sie komponiert und ihr Libretto verfasst worden ist“. Nach dem Eklat von 1935, als Richard Strauss noch darauf bestand, Stefan Zweig als Texter der „Schweigsamen Frau“ zu benennen – Nazigrößen wie Hitler und Goebbels sagten daraufhin ihren Premierenbesuch in Dresden ab – musste der bald danach „aus gesundheitlichen Gründen“ vom Vorsitz der Reichsmusikkammer entbundene Komponist wohl vorsichtiger sein. Das Libretto, so Torsten Fischer, sei ziemlich zusammengeschustert und eigentlich nicht sehr viel wert. „Die ‚Daphne‘ ist kein Theaterstück, denn Librettist Gregor war kein Dramatiker und Hofmannsthal schon verstorben. Zweig durfte nicht, er hat nur den ersten Monolog der Daphne geschrieben, die einzig akzeptable Passage im Text. Man muss also sehr genau auf die Musik hören“, so der aus Berlin stammende Regisseur, „da steckt eine Menge des damaligen Zeitgefühls mit drin.“

Er habe nach einer Figur dieser Epoche gesucht und sei geradezu zwangsläufig auf Sophie Scholl gestoßen. „Wenn man das schlechte Libretto und die furchtbare deutsche Geschichte vergleicht, gibt es viele Berührungspunkte zwischen ihr und der Titelfigur.“ Beide seien den Gefahren der Versuchung erst erlegen, bevor sie aufgewacht sind, Scholl habe gar eine Karriere im BdM begonnen. Wellber räumt ein, dass die Geschwister Scholl und die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ in seiner Heimat Israel kaum bekannt seien, der jüngeren Generation jedenfalls nicht. „Meine Mutter wusste natürlich Bescheid, als ich davon erzählt habe. Die Idee hat aber auch mich sofort überzeugt.“

Wie Fischer sein Herangehen erläutert, klingt die Verbindung von Mythologie und Zeitgeschichte äußerst plausibel: „Daphne widerstrebt das geplante Fest, sie hat Angst und flüchtet sich – vielleicht ein wenig wie Herr Strauss – aus den politischen Notwendigkeiten und dem Größenwahn ihres Vaters, sie flüchtet sich in die Natur. Genau wie Sophie Scholl wehrt sie sich gegen eine Liebesbeziehung, denn beide haben keinen Raum dafür in ihrem Kampf gegen das bestehende System. Und trotzdem verstehen sie auch beide die Faszination einer bösen großen, gefährlichen Macht.“
Daphne ist dem göttlichen Apoll ja tatsächlich verfallen gewesen, wenngleich nur für Momente und allein wegen seiner verlogenen Macht. Ähnlich mag es bei Sophie Scholl gewesen sein, die dem Sog des Führerkults erlegen war, bis sich ihr die Augen öffneten und sie sich dem Wahnsinn mutig entgegen gestellt hat. „Apoll kriegt alle, die er will, nur diese Daphne nicht. Genau wie das Regime die Sophie Scholl nicht bekam.“ Beide Frauen zahlen diesen Widerstand mit ihrem Leben, setzt Fischer die auffälligen Analogien fort, und werden am Ende zum Tode verurteilt. „Apoll will Daphne behalten, aber nicht mehr als Mensch, sondern als Baum, in diesem Fall also als ein sexistisches Bild – im Vergleich zu anderen, großen Mythen ein ausgesprochener Unsinn, der aber enorme Parallelen zur barbarischen Hinrichtung von Sophie Scholl nur eine Stunde nach der Urteilsverkündung aufweist.“ Fischer brennt für diesen Menschheitskampf, für die Lebensbejahung bis ganz zum Schluss – und dürfte mit Camilla Nylund eine wunderbare Protagonistin in der Titelpartie haben. Deren Konterfei ziert derzeit die Plakate im Stadtbild. Nicht wegschauen! – vielleicht noch so eine versteckte Botschaft darin.

Ohne seinen schwarzen Ledermantel kommt der Nazi eben leider nicht aus (Foto: Matthias Creutziger)

„Richard Strauss bekam seine Inspiration zu diesem Werk von außen“, meint Wellber und bekennt, dass Musik für ihn eine große Hoffnung, ja sogar Utopie sei. Regisseur und Dirigent werfen sich die Bälle zu und kommen auf belegbare Zitate von Sophie Scholl zu sprechen: „Ich wäre gern eine Baumrinde“, hat sie gesagt, und ihr Lieblingsinstrument ist ja tatsächlich die Flöte gewesen – „derart viele Zufälle wirken schon fast unglaubwürdig“, ist sich Fischer bewusst. Für ihn sei aber auch auffällig, dass sich fast alle Männerrollen der „Daphne“ mit Gott vergleichen „Das ist der Anfang des Faschismus, wenn einer meint, mehr zu sein als die anderen.“ Bemerkenswert das Ablehnen scheinbar höherer Instanzen: „Sophie Scholl hat an ihrem Gott, der so viel Leid zulässt, ebenso gezweifelt wie Daphne an Apoll.“
Der Regisseur muss darüber schmunzeln, dass in dieser Oper ja beinahe nur Fischer und Schäfer agieren: „Mein Ausstatter heißt Schäfer und ich heiße Fischer. Offenbar hat mich ein Fluch dazu verdammt, immer wieder Opernstoffe aus der griechischen Mythologie zu inszenieren.“ Das führt freilich dazu, dass er sich in dieser Welt sehr gut auskennt – und den Sonnenkult der Nazis auf dessen eigentlichen Ursprung zurückführt: „Die haben den Apollo-Kult ja wiederbegründet und für ihre Zwecke missbraucht. In Wirklichkeit sind die griechischen Götter für uns ja interessant als Spiegelbild menschlicher Eigenschaften und Unarten.“

 

„Daphne“ Premiere am 2.10. um 18 Uhr
weitere Vorstellungen:5., 8., 11., 14. und 17.10., je 19 Uhr

Eine Textfassung des Artikels ist am 2. Oktober  in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

30.09.2010Features