„Ich bin Musiker“

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„Ich bin Musiker“

Drei Werke des 20. Jahrhunderts stehen auf dem Programm eines Konzertes, das eine Jahrhundertgestalt des Musiklebens leiten wird: Maestro André Previn. Der 1929 als Andreas Ludwig Priwin in Berlin geborene Künstler konnte die einstige Heimat im Knabenalter gerade noch rechtzeitig mit seiner Familie verlassen und lebte einige Jahre in Paris, wo die beizeiten begonnene musikalische Ausbildung am dortigen Konservatorium fortgesetzt wurde. 1941 ging die Flucht vor den heranrückenden Nazis weiter in die USA, wo André Previn schon frühzeitig begeisterten Zugang zum Jazz fand.
Nach ersten Rundfunkaufnahmen gab der 15-Jährige sein erstes Jazzkonzert im berühmten Konzertsaal Los Angeles Philharmonic Auditorium. Im Laufe der Jahre musizierte er mit namhaften Jazzern, schrieb Filmmusiken, arbeitete zunehmend als Pianist, Dirigent sowie als Komponist und bekleidete ab den 1960-er Jahren Chefpositionen an bedeutenden Orchestern. Zahllose Aufnahmen sind bleibende Zeugnisse seines vielfältigen Schaffens, aus dem etwa die Oper „Endstation Sehnsucht“ („A Streetcar Named Desire“, uraufgeführt 1998 in San Francisco) oder das 2001 für Anne-Sophie Mutter geschriebene Violinkonzert in bleibender Weise herausragen.

In Dresden wird er nun sein 1999 entstandenes Orchesterstück „Diversions“ zusammen mit dem Violoncello-Konzert von Edward Elgar (entstanden 1910) sowie der 3. Sinfonie von Sergej Rachmaninow (1936) aufführen. Ein ebenso prächtiges wie unterschiedsvolles Spektrum von musikalischen Positionen des vergangenen Jahrhunderts, die alle drei nicht eben häufig im Repertoire auftauchen. In Vorbereitung dieses Konzertereignisses sprach Michael Ernst mit dem in New York lebenden Künstler.

Fotos (2): H. Hoffmann

Maestro Previn, im April konnten Sie Ihren 81. Geburtstag begehen. Jeder Außenstehende wird angesichts Ihrer Biografie davon ausgehen, dass Sie bisher ein äußerst reiches und sehr vielseitiges Leben gelebt haben. Wie sehen Sie das selbst und worauf blicken Sie am liebsten zurück?

André Previn: Mein Leben ist voller Musik gewesen und ist es noch immer. Musik ist das, was ich gelernt und studiert, interpretiert und dirigiert habe. Darauf bin ich stolz, das macht mich froh.

Kein Wort zu den eigenen Kompositionen?

Meine eigene Musik? Natürlich, die gehört mit dazu. Aber darüber spreche ich nicht so gerne. Das hat immer so etwas Eitles. Wissen Sie, wenn ich für ein Programmheft über eigene Werke schreiben soll, klingt das für mich immer lächerlich. Das lasse ich lieber von anderen schreiben.

Von außen ist aber kaum zu beschreiben, was Sie eigentlich sind: Als Musiker haben Sie in der Klassik wie im Jazz gewirkt, als Interpret wirken Sie sowohl am Klavier als auch am Dirigentenpult, als Komponist haben Sie für den Film gearbeitet …

Aber ich bin doch seit Jahrzehnten nicht mehr Jazzmusiker, jedenfalls nicht mehr vor Publikum. Das pflege ich höchstens noch für mich ganz privat. Alles andere ist mindestens dreißig Jahre her.
Mit den Filmmusiken ist es genauso, das war, glaube ich, 1966 zum letzten Mal. Natürlich freue ich mich darüber, verheimliche auch nichts davon, aber es ist nichts mehr, das mich heute noch berührt. Gewiss, damals hat es mir viel Freude gemacht, ich habe da auch viele hochtalentierte Leute kennengelernt. Aber das Thema ist insgesamt für mich ziemlich abgehakt.

Erstaunlich, immerhin haben Sie dafür doch auch fünf Oscars bekommen.

Ach, Oscars. Hören Sie, das ist zwar sehr nett, doch letztlich nichts anderes als ein Preis; wie die guten Noten, die man in der Schule bekommt – schön, aber vorbei.
Ich habe immer geschrieben, insgesamt sogar ziemlich viel geschrieben. Damals Filmmusik, später dann anderes. Besonders in den letzten paar Monaten ist wieder sehr viel entstanden.

In all diesen Schaffensphasen sind Sie enorm vielen Künstlerpersönlichkeiten begegnet, haben Furtwängler noch in Berlin erlebt, in Amerika dann Benny Goodman, Benny Carter, musizierten gemeinsam mit Dizzy Gillespie und Billie Holiday, schrieben für Billy Wilder …
Gibt es angesichts einer solchen Fülle besonders wichtige oder prägende Begegnungen, an die Sie heute noch denken?

Oh ja, der Furtwängler! Das war der erste Dirigent überhaupt, den ich in meinem Leben gesehen habe. Ich bin ihm damals natürlich nicht begegnet, sondern habe ihn nur stumm angestaunt. Der war schon ein Gigant!
Später, mit den Leuten vom Jazz, das war eine tolle Zeit, ganz grandios, mit für mich sehr wichtigen künstlerischen Freundschaften. Gillespie et cetera, das waren Meilensteine. Ich weiß gar nicht, ob es so etwas heute noch gibt. Den Jazz-Nachwuchs kenne ich kaum. Das tut mir sehr leid, denn es würde mich schon sehr interessieren. Aber da fehlt einfach die Zeit. Ein Tag hat nun mal nur 24 Stunden. Ab und zu, leider ganz selten, höre ich mal etwas, das mir imponiert. Bill Charlap zum Beispiel, das ist ein Name, den man sich merken sollte.

Neben den Künstlerpersönlichkeiten sind Sie als Chef renommiertester Orchester auch den wichtigsten Klangkörpern der Welt begegnet und haben mit ihnen gearbeitet. Lässt sich im Nachhinein sagen, wo da die für Sie entscheidendsten Posten lagen? Und wie wichtig ist Ihnen heute die Freiheit?

Das wohl wichtigste Orchester für mich ist das London Symphony Orchestra. Das hat mir sehr geholfen, als ich noch ein verhältnismäßig junger Dirigent war. Wir haben während der immerhin elf Jahre, die ich dieses Orchester geleitet habe, 16 Tourneen um die Welt gemacht und noch immer bin ich dort jedes Jahr einmal mit enormer Freude über diese Zusammenarbeit. Auch mit den Wiener Philharmonikern und dem Boston Symphony Orchestra arbeite ich nach wie vor jedes Jahr – und zwar stets mit einer großen Vorfreude darauf.
Freiheit? Naja, ich habe das alles sehr lang gemacht und bin heute sehr froh, um die Welt zu reisen und dort zu arbeiten, wo man mich einlädt. Ich bin wirklich sehr glücklich mit dem, was ich jetzt mache.

Was Sie jetzt machen, das ist ja auch eine Art Quintessenz aus allem Bisherigen. Wie würden Sie sich einem Menschen gegenüber vorstellen, der von all dem gar nichts weiß, der Sie nicht kennt?

Ich würde ihm sagen, dass ich Musiker bin. Ja, Musiker, das ist sehr gut. Ich bin stolz darauf, dass ich ein guter Musiker bin. Mein Dirigieren und Komponieren ist jeweils ein Teil davon.
Es gibt für mich bis heute keinen Tag ohne Musik. Und dabei bleibe ich.

Nach Dresden kommen Sie nun ausschließlich mit Musik des 20. Jahrhunderts und bringen in Ihrem ersten Konzert mit der Philharmonie Eigenes mit Fremdem zusammen. Ihr Bezug zu diesem Programm?

Die Dresdner Philharmonie wollte gern ein Werk von mir, da habe ich die „Diversions“ ausgewählt, ein Konzert für Orchester, das 1999 als Auftrag der Wiener Philharmoniker entstand. Ich mag das sehr gern, es ist modern und doch nicht verrückt, mit seinen zwanzig Minuten auch nicht zu lang und trotzdem sehr virtuos.
Edward Elgars Violoncello-Konzert ist meiner Meinung nach ein wunderschönes Werk. Der Solist Daniel Müller-Schott spielt seinen Part grandios, ich freue mich sehr auf diese erneute Begegnung. Ich habe ihn schon oft begleitet und auch mehrere Aufnahmen mit ihm gemacht.
Und auch die Dritte Sinfonie von Sergej Rachmaninow gefällt mir sehr. Seine Zweite ist natürlich viel bekannter und sehr schön, aber sie wird so oft gespielt, dass mir die Dritte etwas vernachlässigt zu sein scheint. Ich freue mich enorm, sie nun hier mit diesem Spitzenorchester aufführen zu können!

19.09.2010Interviews