Webers Wunder

Rezensionen

Webers Wunder

Es ist nicht überliefert, ob sich dem bronzenen Denkmal Carl Maria von Webers am späten Samstag Abend eine eisige Träne entrollt hat. Gut begründet wäre das Wunder, denn lautstark erklang seine Musik des romantischen „Freischütz“ zur „Nacht der Oper“ beidseits der Elbe und gewiss auch bis hin zum Theaterplatz.

Knapp zwei Jahrhunderte, nachdem Weber als Kapellmeister am Dresdner Hof tätig war, ist aus seiner 1821 in Berlin uraufgeführten Oper nun tatsächlich ein Film, ja, eine Filmoper geworden. Regisseur und Produzent Jens Neubert ließ es sich nicht nehmen, das im vergangenen Jahr in und um Dresden entstandene Großprojekt, bei dem zahlreiche hiesige Künstler, Chöre und Laiendarsteller mitwirkten, auch an diesem Ort mit seinem besonderen Weber-Bezug erstmals zu präsentieren. Tausende Schaulustige – darunter nicht wenig Mitwirkende – verfolgten das Spektakel sowohl vom Areal der Filmnächte am Elbufer als auch von der Brühlschen Terrasse und vom eigens hierfür gesperrten Terrassenufer aus, das in eine gedeckte lange Tafel gewandelt worden ist. Drei Elbkähne obendrein boten Platz, dem auf beiden Seiten der riesigen Leinwand gezeigten Zweistünder vor prächtig illuminierter Kulisse beizuwohnen. Ein Opernsaal unter freiem Himmel, fast wie in Verona – nur größer. Und kälter. Viel kälter!

Bei aller Liebe geht es auch im „Freischütz“ stellenweise recht tieftemperiert zu. Schaurig kühl in der allseits bekannten Wolfsschlucht, emotional frostig beim von Agathe abgewiesenen Jäger Kaspar, der sich dafür tödlich rächen will, gruselkalt beim Geisterbeschwören und mit strenger Kälte in der fürstlichen Strafe gegen Max. Denn der hat sich ja, um seine Agathe mittels Probeschuss zu bekommen, mit dem Bösen eingelassen. Erst der Eremit, aus Waldesfrische schreitend, stimmt den blaublütigen Richter versöhnlicher und erwirkt ein Probejahr, weil das ja mehr über die Zukunftsfähigkeit junger Menschen aussage als ein blöder Probeschuss. Die Liebenden von Verona bekommen sich bekanntlich erst im Tode, bei Weber haben sie noch eine Chance, sich als Lebende zu verwirklichen.

Im Opernfilm nun, der nicht nur wegen der weltweiten Vermarktung, sondern weil auch Weber ursprünglich von der „Jägerbraut“ schreibt, den englischen Titel „Hunter’s Bride“ trägt, ist das Paar von allem Anfang an vom Tod umgeben. Gänsehaut bescheren schon die allerersten Bilder. Soldatenreste sind da im Feld verstreut, werden geplündert und nach Brauchbarem durchsucht – Neubert siedelt seinen Film nicht wie bei Weber rückblickend im Dreißigjährigen Krieg an, sondern zur Entstehungszeit der Oper. Napoleon ist mit seinen Heeren quer durch Europa gezogen, der Wiener Kongress steckt die Grenzen neu, der Sachsenkönig musste einsehen, dass er falsch gepokert hatte – mit dem Blut unzähliger Menschen.

Welche Liebeslust lebt da inmitten des Abschlachtens auf? Wie sehr bedrängen Spukgeschichten die reinen Herzen? Es ist ein Verdienst dieser Film-Dramaturgie, über das pure Operngeschehen hinaus einige solcher Sichten und Ebenen immerhin angerissen zu haben.

Ein anderer Pluspunkt ist die prominente Besetzung, für die der 1967 in Dresden geborene Neubert fraglos starke Stimmen fand, die sich aber auch darstellerisch durchweg als herausragend erweist. Juliane Banse bewegt als Agathe einmal mehr mit ihrem wandlungsfähigen Sopran, zeigt aber auch eine Mimik von seelischem Tiefgang. Ihr zur Seite die junge Regula Mühlemann als Ännchen ist eine bildhübsche (Kuller-)Augenweide mit jugendlichem Leichtsinn und hoffnungsvoll lyrischem Sopran. Wie gut, dass Weber dieser Partie kurz vor der Uraufführung noch eine zusätzliche Arie bescherte! Als Max und Kaspar ringen sich Tenor Michael König und Bariton Michael Volle mit beeindruckendem Schauspiel und starken Stimmen durch das Geschehen, dem René Papes Eremit einen würdig gereiften Schlusspunkt und Abgesang schafft. Franz Grundhebers augusteischer Fürst Ottokar lebt von Gravität seiner Ausstrahlung, Olaf Bär als Bauer Kilian und Benno Schollum als Agathes Vater Kuno singen und spielen, als wäre es von der Opernbühne zum Kostümfilm nur ein ganz kurzer Schritt. Hervorragend auch die singenden Komparsen diverser Chöre, denen es eine sichtliche Freude war, sich bestens präpariert in den Dienst von Film und „Freischütz“ zu stellen. Unter der musikalischen Leitung von Daniel Harding flocht das London Symphony Orchestra dem Ganzen einen stabilen, trittsicheren Teppich.
In weiten Teilen sind zur Premiere der Filmoper Musikszenen und noch mehr die dieses Genre angepassten Dialoge freilich mit deutlichem Nachhall zu hören gewesen. Jeweils vom anderen Elbufer scholl das Echo herüber und klang in die vor allem zu Anfang recht kleinteiligen Schnitte hinein, als die schon ganz andere Stimmbilder zeigten. Aber auch einige Kamerafahrten wirkten stilistisch unentschieden, mal unterstrichen sie wirkungsvoll musikalische Phrasen, mal schienen sie zu nervös für die kraftvolle Entfaltung von Bildern.

Wer dies alles im gut geheizten Kinosaal noch einmal nacherleben will: Am 23. Dezember kommt „Hunter’s Bride“ bundesweit in die Kinos. Carl Maria von Weber als Leinwandheld – wenn das kein Grund für Freudentränen ist!

 

Eine Textfassung des Artikels ist am 6. September in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

07.09.2010Rezensionen