Kein Festival für Garderoben! Rudolf Buchbinder managt Grafenegg

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Kein Festival für Garderoben! Rudolf Buchbinder managt Grafenegg

Er war im Alter von fünf Jahren der bislang jüngste Student an der Wiener Musikhochschule. Mit neun gab er sein erstes öffentliches Konzert. Es folgte eine bis heute anhaltende Karriere als Konzertpianist und Kammermusiker, die ihn als ausgewiesenen Meister des klassisch-romantischen und modernen Repertoires rund um die Welt führte. Die Rede ist von Rudolf Buchbinder, dem 1946 geborenen österreichischen Künstler. Über 200 Aufnahmen umfasst seine Discografie, die Liste der Ehrungen und Auszeichnungen ist immens.

Vor vier Jahren wurde das Musikfestival Grafenegg in Niederösterreich ins Leben gerufen. In der einzigartigen Verbindung von Landschaft, Musik, Architektur und Gaumenfreuden in der weiträumigen Schlossparkanlage unweit der Stadt Krems mit ihrer respektablen Kunstmeile, hat sich ein Festival von besonderem Charme etabliert.

Wo es keinen roten Teppich gibt, kann auch keiner nass werden (Foto: M. Creutziger)

Rudolf Buchbinder ist der künstlerische Leiter, und das erlesene Programm mit den Gastspielen der bedeutenden Orchester der Welt und ebensolchen Solisten und Dirigenten verdankt sich natürlich auch seinen Kontakten, seinen künstlerisch-freundschaftlichen Verbindungen. Zu Beginn des vierten Festivals in diesem Jahr betont er mit Nachdruck, dass es unter seiner Leitung kein Luxusfestival geben werde, kein Festival der Garderobe und der roten Teppiche. Vorrang habe die Musik, der künstlerische Anspruch, bei stetigem Bemühen keine unüberwindbaren finanziellen Schranken für Interessenten, die inzwischen aus aller Welt kommen, aufzurichten. Und sichtlich erfreut gibt er gerne kund, dass bei seiner letzten großen Japan-Tournee er auf die Erfolgsgeschichte des Musikfestivals Grafenegg angesprochen wurde. Nach der fulminanten Eröffnung mit einer konzertanten Aufführung von Beethovens Oper „Fidelio“ in diesem Jahr scheint einer Fortsetzung dieser Geschichte nichts im Wege zu stehen.

An Beethovens Freiheitsoper aus dem Geist des deutschen Singspiels haben sich Regisseure wund gearbeitet, immer wieder Pathos und Glaubwürdigkeit dieser oratorisch endenden Utopie hinterfragt. Ob man das Werk historisierend auf die Bühne bringt, ob man es ins heutige Ambiente versetzt, in surreale Räume oder in den nahen Osten, am Ende entscheidet immer die Musik. Zieht die uns in den Bann, dann hören wir schon in der Idylle des Beginns das unheimliche Pochen von außen, an die Tore des Gefängnisses, dann kündigt das Trompetensignal im zweiten, dem hochdramatischen Teil, nicht nur das Nahen eines Ministers an, dann ist das Signal aus der Höhe, das bis in die Tiefe dringt, für die einen der Ton der Verdammnis, und für die anderen der Ton der Rettung. Beethoven hat ein szenisches Requiem komponiert, das widersetzt sich den Gesetzen allgemeiner Theatralik und Dramaturgie.

Foto: PhotoWerk

Die konzertante Aufführung in Grafenegg geschieht in kluger Anordnung. Die Solisten – leicht erhoben hinter dem Orchester – mit dem Chor auf einer Galerie darüber, also mit der „sichtbaren Musik“, dem vielleicht wahrhaft adäquaten Bühnenbild für eine solche Klangutopie. Sicheres Fundament ist das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter der Leitung von Andrés Orozso-Estrada. Besonders mit der linken Hand sendet er immer wieder befeuernde Signale voller Energie in das Orchester und zu den Solisten, ein Geschwindigkeitshetzer ist er nicht, auf Intensität und dramatischen Impetus müssen wir aber ganz und gar nicht verzichten. Von edlem Maß ist der Streicherklang, etwa im knappen Vorspiel zum Quartett des ersten Teiles, die oftmals gefürchteten Passagen der Hörner in beiden Teilen der Arie der Leonore gelingen ohne Wenn und Aber.

Die besondere Kraft des Abends geht von den Solisten aus, zunächst von den großartig singenden Herren, dann auch den Damen des Wiener Arnold-Schönberg-Chores, in der Einstudierung von Erwin Ortner.
Christof Fischesser ist für Kurt Rydl eingesprungen und beglückt als Rocco mit melodisch betontem Gesang bei geschmeidigem Bassklang. Mit hellem, geläufigem Sopran gibt Bernarda Bobro die Marzelline, bei dem Tenor Alexander Kaimbacher möchte man etwas bedauern, dass als Jaquino so knapp bedacht wurde. Mit der kernigen Kraft des Bösen gibt Falk Struckmann den Pizarro.

Als Florestan war Johan Botha angekündigt. In den Proben übernahm Endrik Wottrich die gefürchtete Partie, gesungen hat den mörderischen Part dann Simon O´ Neill. Auch wenn er in seiner Arie nicht auf Anhieb die Höhen der Freiheit im himmlischen Reich erklimmt, er gibt eine berührende Leistung und erfüllt die Partie insgesamt mit überzeugender Intensität. Eine Leonore auf der Höhe, wie sie Anja Kampe derzeit vertritt, dürfte selten sein. Jugendlich-dramatischer Gesang, das trifft unumwunden zu. Da ist die verzweifelte Tiefe, die Melodramatik der Mitte und vor allem der kämpferische Jubel in den triumphalen Höhen, alles in übergangsloser Einbindung, die verblüffende Irrationalität des Musikalischen. Ein Engel, Leonore mit Revolver auf den Flügeln des Gesanges.

Der Schauspieler Heribert Sasse liefert Zwischentexte. Ob sie wirklich so naiv gemeint sind wie sie bei ihm klingen ist kaum zu glauben, Sachlichkeit wäre dienlicher, der Emotion des Musikalischen kann Sasse eh nichts hinzu fügen, zurück nehmen wollte er sich auch nicht, sonderbares Dilemma als milder Wermutstropfen an diesem Eröffnungsabend des Musikfestivals Grafenegg, der in überschäumendem Jubel des Publikums im ausverkauften Auditorium endet.

Die Staatskapelle zu Gast bei ihrem eigenen artist in residence (Foto: M.C.)

In diesem Jahr gastierte auch die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Paavo Järvi mit einem Beethoven-Programm im Auditorium von Grafenegg. Solist im fünften Klavierkonzert, dem die Sinfonie Nr. 5 folgte, war –  Buchbinder.

Mit Vorfreude spricht der Pianist von den Konzerten in der Dresdner Semperoper. Er fühle sich geehrt, dass er für die Konzertsaison als artist in residence eingeladen wurde und endlich gemeinsam mit der Staatskapelle sein Dresdner Debüt geben könne. Das fünfte Klavierkonzert von Beethoven hat er zu Beginn der neuen Saison bereits vor dem Grafenegg-Gastspiel in Dresden aufgeführt. Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G – Dur op. 58 und das a – Moll Klavierkonzert op. 54 von Franz Schumann folgen unter der Leitung von Daniel Harding im 3. Symphoniekonzert, 17., 18. und 19. Oktober. Mit diesem Programm begeben sich die Staatskapelle und der Capell-Virtuos dann auf eine USA Tournee.

Am 19. September bereits beginnt Buchbinders Sonatenzyklus in der Semperoper. In sieben Sonntagsmatineen, jeweils um 11.00 Uhr, wird er alle 32 Klaviersonaten Beethovens spielen. Am 27. November stellt Tobias Niederschlag den Pianisten, Dirigenten und Festivalintendanten in einem Gespräch, um 15.00 Uhr, vor.

30.08.2010Features, Rezensionen